Er kann sich ganz Bücher merken und Gedanken seines Gegenübers lesen: In Bad Münstereifel verblüffte und faszinierte Holger Glang sein Publikum.
Mentalist und ZaubererHolger Glang verblüffte das Bad Münstereifeler Publikum

Zwei Zuschauerinnen hielten im „Theater 1“ jeweils die Hälfte eines Kartenspiels in Händen. Gedächtniskünstler Holger Glang hatte sich zehn Sekunden gegeben, um sich die eine Hälfte anzuschauen. Dann benannte er ohne Fehler, welche Karten jede Mitspielerin in der Hand hielt.
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Selten findet man Menschen, die ganze Bücher auswendig kennen und in jeder Zeile jedes Zeichen benennen können. Diese außergewöhnliche Kunst zeigte Holger Glang, Mentalist, Gedächtniskünstler, Zauberer und Moderator, im Kulturhaus „Theater 1“. Das Buch, um das es ging, war mindestens genauso ungewöhnlich wie Glang selbst. Es ist das Buch „Die Unendlichkeit von Pi: Die ersten 10.000 Dezimalstellen“.
Pi kennt man als gekürzte Kreisberechnungszahl 3,14 aus der Mathematik. Aber diese Zahl hat kein Ende. Die ersten 10.000 Zahlen nach dem Komma sind in diesem kleinen Büchlein festgehalten, das der Gedächtniskünstler Glang mitgebracht hatte. Das Buch besteht nur aus den Zahlen, die in Reihen und Zeilen aufgeführt sind, und den Seitenangaben.
Dieses Buch kennt Glang auswendig. Irgendwo in dem rund 140 Seiten starken Band sollte ein Zuschauer fünf aufeinanderfolgende Zahlen nennen. Glang nannte dann treffsicher die fünf nachfolgenden Zahlen und die Seite oder Seiten, aus denen zitiert wurde. Unglaublich, wozu ein menschliches Gehirn in der Lage ist.
Drei Jahre trat der Künstler im Zirkus auf
Glang hat sich diese Fähigkeit angeeignet, nachdem er vor zehn Jahren beruflich an eine Grenze stieß: „Ich habe im Unternehmen gekündigt und überlegt: Was nun?“ Er entschied sich für Zauberei, die er schon seit seiner Kindheit praktizierte: „Fingerfertigkeit habe ich nicht so, darum mache ich keine Kartentricks. Ich wurde Mentalist und Gedächtniskünstler. Die Anfänge waren hart“, gesteht er.
Drei Jahre trat er mit einem Zirkus auf: „Durch das tägliche Spielen kam die Routine. Man lernt einfach, wenn man spielt.“ Heute, so erzählt er, mache er sich keine Gedanken mehr darüber, wie etwas funktioniere: „Ich konzentriere mich jetzt ganz auf die Präsentation.“ Und es ist beeindruckend zu sehen, mit welcher hohen Treffsicherheit er errät, was sein Gegenüber gerade denkt, wann es lügt und wann die Wahrheit sagt.
Mimik und Stimme verraten die Lüge
Ein junger Mann wird gebeten, Karten zu mischen und sich eine Karte zu merken und in die Hose zu stecken. Der Rest des Kartenspiels wird zur Seite gelegt. Der Mann darf lügen oder die Wahrheit sagen. Glang stellt ihm Fragen und beobachtet ihn genau. In wenigen Minuten benennt er exakt die Karte, die der Mitspieler sich zuvor in die Hosentasche gesteckt hat. Dessen Mimik, Sprachrhythmus und kleinste Verzögerungen oder Variationen in der Stimme weisen dem Mentalisten den Weg.
Bei all seiner Fertigkeit kommt Glang nie überheblich rüber: „Ich habe mich anfangs gefragt: ‚Welche Bühnenfigur bin ich?‘ Heute bin ich da klar. Die Rolle, die ich verkörpere, bin ich selbst“, erzählt er in einem Gespräch nach dem Auftritt. Seine Bühnenwirkung war entsprechend ungekünstelt. Wenn er beim Gedankenlesen daneben lag, ließ er das einfach so stehen. Nobody is perfect. Die Trefferquote lag dennoch eindeutig über dem statistisch erwartbaren Zufallstreffer.
Ich gehe respektvoll mit den Menschen um
Viele Zuschauer wurden in den Abend einbezogen, aber niemand wurde bloßgestellt oder in eine peinliche Situation gebracht. „Das ist mir sehr wichtig. Ich gehe respektvoll mit den Menschen um“, so der Künstler. Dieser sorgfältige Umgang mit dem Publikum wurde durch eine hohe Bereitschaft zum Mitmachen honoriert. Verwirrt und rätselnd, wie das angehen kann, blieben die Zuschauer dennoch gelegentlich zurück. Das ist ja der Sinn der Zauberei.
So wurden einer jungen Dame vier Karten mit jeweils sechs Zahlen für ungefähr eine Sekunde pro Karte vorgelegt. Glang wollte zeigen, zu welchen Gedächtnisleistungen das Unterbewusste fähig sei, wie er sagte. Die vier Karten gab er danach zur Kontrolle ins Publikum. Anschließend bat er die Frau, ihm sechs beliebige Zahlen zu nennen, die er von rechts nach links auf einer Tafel notierte. Alle konnten das sehen.
Nun wurden die Zahlen der Karten, die sich im Publikum befanden, daruntergeschrieben. Als er nun vor aller Augen diese Zahlen addierte, ergaben sie als Summe genau die Zahlen, die von der Versuchsperson willkürlich genannt worden waren. Gehirnleistung? Ein Trick? Keiner wusste es. Sowohl das Publikum als auch die Dame blickten verwirrt auf die Tafel.
Glang hat nicht die große Zauberei auf die Bühne gebracht, wie sie in Las Vegas praktiziert wird. Aber seine Fähigkeiten und die natürliche Art, diese zu präsentieren, haben den Abend im „Theater 1“ zu einem lohnenswerten Ereignis werden lassen. Das Publikum wollte ohne Zugabe nicht gehen.

