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NeuerscheinungWarum Norbert Scheuer keinen Roman über die Flut in Kall geschrieben hat

5 min
Das Porträt zeigt den Schriftsteller Norbert Scheuer vor einem Feld nahe seines Heimatortes Kall-Keldenich.

Rund um Keldenich ist Norbert Scheuer auf Spaziergängen mit Hündin Lilly unterwegs. 

Mit „Holunderholz“ legt der Schriftsteller aus Kall-Keldenich seinen neuen Roman vor. Er ist lyrisch, poetisch – und verfügt über Krimielemente

Wer mit Norbert Scheuer mithalten will, muss schon gut zu Fuß sein. „Normal gehe ich nachmittags drei Stunden spazieren“, verrät er. Hündin Lilly, aus Griechenland stammend, flitzt bestens gelaunt über die Äcker und Wiesen rund um Scheuers Heimatort Keldenich. Für ihn ist das mehr als nur einmal kurz mit dem Hund um den Block wandern, denn hier denkt er über die Geschichten nach, die er aus seinem Kaller Kosmos webt. Aber nicht nur: „Das ist kein reiner Arbeitsspaziergang, ich genieße das einfach.“ Auf dem Weg durch den Eifelwald und bei der Pause auf seiner Lieblingsbank entstehen letztlich seine Geschichten.

Scheuer ist einer der wichtigen Schriftsteller Deutschlands. Vielfach geehrt und für den Deutschen Buchpreis nominiert, ist er bedeutend mehr als ein Eifelautor. Obwohl die Eifel stets den Schauplatz seiner Geschichten bildet. Genauer gesagt Kall, der Ort an der Bahnlinie. Doch eigentlich ist es auch nicht Kall, denn viel von dem, was er in seinem fiktiven Kall verortet, hat mit dem realen Kall nichts zu tun.

Wie auch die Menschen. Immer wieder tauchen die gleichen Personen auf, ihre Verwandten und Freunde, sie verschwinden und erscheinen wieder. Die Orte und die Menschen, das ist zweitrangig. Wichtig sind die Geschichten, die über sie erzählt werden und die immer wieder ein spannendes Bild der Gesellschaft und des sozialen Miteinanders zeichnen.

Das geplante Buch über die Flut 2021 in Kall ist es nicht geworden

Die Geschichte, die Scheuer eigentlich in seinem neuen Buch „Holunderholz“ erzählen wollte, die wurde es am Ende doch nicht. „Ich wollte ein Buch über die Flut 2021 in Kall schreiben, aber ich bin daran grandios gescheitert“, sagt er mit viel Selbstironie. Die Flut habe in der literarischen Umsetzung eine unheimliche Fallhöhe gehabt. Er habe die Geschichte mit der Flut begonnen, doch es sei nicht möglich gewesen, die Spannung und Dramatik aufrechtzuerhalten. „Eine Flut kann man einmal beschreiben. Aber nicht in einem Roman, nicht zehnmal“, erklärt er. Die Geschichten, die dabei passiert seien, seien strukturell dieselben.

Also sei er mit einer anderen Idee an sein neues Buch herangegangen: „Der jetzige Roman beginnt so ähnlich wie mein Entwurf zu dem Roman über die Flut: Ein Mann kommt zurück nach Kall, wo er lange nicht gewesen ist, weil seine Mutter nicht mehr da ist.“ Während diese nach der Flut verschwunden war, ist die Mutter von Johann Arimond, um den sich „Holunderholz“ dreht, verstorben.

In ihrem Nachlass findet sich ein uraltes Tonbandgerät mit Bandspulen, auf denen sich die Lösung zu einem Geheimnis der Eifel aus den Nachkriegsjahren entspinnt. 1949 explodierte der Kalvarienberg in Prüm und zerstörte fast die ganze Stadt. Zwölf Menschen starben, als rund 500 Tonnen Munition, die eigentlich für die Sprengung der Bunker des Westwalls dienen sollten, in die Luft geflogen waren. Gewarnt von der Prümer Feuerwehr, die noch versucht hatte, einen Brand in dem Stollen zu löschen, konnten sich noch viele Menschen aus dem Ort retten. Ob die Explosion von einem Unfall oder durch Sabotage ausgelöst worden war, ist bis heute nicht geklärt.

Für Norbert Scheuer ist das Schreiben ein Abenteuer

Für den 1951 in Prüm geborenen Scheuer ist die Geschichte, die seine Mutter erlebt hat, ein Stück Kindheitsgeschichte, auch wenn sie keine Details beschrieben habe: „Als die Meldung kam, dass der Bunker explodieren würde, ist sie mit meinem Bruder aus der Stadt geflohen.“ So hat Scheuer die geplante Flutgeschichte vom Kopf auf die Füße gestellt und den Spannungsbogen mit einer Explosion am Ende gekrönt.

Es gibt ja viele, die schreiben erst los, wenn sie den Schluss wissen. Aber ich will keinen Schluss wissen.
Norbert Scheuer

Und noch mehr, denn „Holunderholz“ verfügt auch über Krimielemente. Johann Arimond entschlüsselt nicht nur seine Familiengeschichte, sondern kommt über die Tonbandspulen dem Geheimnis der Explosion nahe – in der Fiktion.

Auch wenn Elemente eines Krimis im Roman seien, sei es kein Krimi, betont Scheuer: „Bei einem Krimi musst Du wissen, wie der sich auflöst.“ Aber er schreibe nicht wie ein Krimiautor, sondern nach Gefühl: „Der Roman ist sehr poetisch und lyrisch, das passt nicht in einen Krimi rein.“ Es gebe viele Mysterien im Buch: Die ungeklärte Explosion, eine verschwundene Tonbandspule, die mysteriöse Figur des Vincentini oder ein verschwundener Programmierer. Scheuer arbeitet anders: „Es gibt ja viele, die schreiben erst los, wenn sie den Schluss wissen. Aber ich will keinen Schluss wissen.“ Dann würde er überhaupt nicht mehr schreiben. „Das ist das Abenteuer, deswegen schreibt man doch. Ich schreibe, um etwas beim Schreiben zu erleben.“

Beim Spazieren verselbstständigen sich Norbert Scheuers Gedanken

Eine Wand mit Notizen habe er nicht, seine Geschichte spinne er beim Spazierengehen: „Ich habe festgestellt, dass sich nach einer Weile die Gedanken verselbstständigen.“ Dann erst, wenn der Roman geschrieben sei, komme die Feinarbeit, Widersprüche, die sich im Laufe des Schreibens entwickelt haben, werden ausgemerzt.

Wahrscheinlich habe er die Erlebnisse nach der Flutkatastrophe, als er häufig entlang der Urft unterwegs war, so verarbeitet. „Was ist Literatur anderes?“, fragt er. Er verarbeite alles, indem er schreibe. Da brauche sich niemand während des Schreibens etwas vorzumachen, dass mit der Literatur die Komplexität der Welt enträtselt werde.

Auf verschiedenen Zeitebenen hat Scheuer „Holunderholz“ angesiedelt. Doch die Zeit muss strukturiert werden. „Johann lebt in einem Hochhaus in der Stadt und kann von seinem Fenster aus das Nest eines Schwebefalkens sehen, wie Paul Arimond, der auch auftaucht, sie immer genannt hat.“ Über den Jahreszyklus der Falken und die Beobachtung der Natur werde die Zeit dargestellt. Auch seine eigene berufliche Tätigkeit als Systemadministrator hat Scheuer eingebaut. So gebe es in „Holunderholz“ drei Fehlersuchen: eine im Computerprogramm, eine in den Tonbändern, eine in der eigenen Familie.

Der Roman „Holunderholz“ , Verlag C.H.Beck, kostet 26 Euro. Aus ihm liest Norbert Scheuer im Rahmen der Lit.Eifel am Freitag, 9. Oktober, um 19 Uhr im Naturzentrum Nettersheim.