Die Konversion der ehemaligen Ordensburg Vogelsang war für alle Beteiligten eine Herausforderung. Manfred Poth erinnert sich an bewegte Zeiten.
20 Jahre ziviles VogelsangAm Anfang wurde viel diskutiert und auch gestritten

Der große Moment: Der Schleidener Bürgermeister Ralf Hergarten (v.l.), Landrat Günter Rosenke und Manfred Poth heben den Schlagbaum, damit die Bürgerinnen und Bürger das bisher gesperrte Gelände betreten können. Fotos: Kreismedienzentrum Euskirchen
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Es gibt Daten, die man nicht vergisst. Für Manfred Poth war der 17. April 2002 so ein Datum. Das war der Tag, an dem Landrat Günter Rosenke seinem Allgemeinen Vertreter sagte: „Das ist dein Projekt.“ Das Land hatte dem Kreis Euskirchen die Federführung bei der Konversion Vogelsangs übertragen, da die eigentlich zuständige Stadt Schleiden damit überfordert gewesen wäre. Der Landrat hatte die Aufgabe an seinen Vertreter weitergegeben. „Ich war hocherfreut“, sagt Manfred Poth: „Ich habe immer gern gestaltet.“
Er habe erst einmal wenig Ahnung von der Materie gehabt, gesteht er heute. Aber: „Es war keiner da, der mehr wusste.“ Wie auch, schließlich war die Umwandlung des Truppenübungsplatzes und der ehemaligen Ordensburg der Nazis ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Kreises Euskirchen. Die Bevölkerung und ihre Vertreter hatten bis dahin wenig mitzureden gehabt, wenn es um die Nutzung des Geländes am Urftsee ging.

Von hoch oben schauen die Besucher aufs Eifelpanorama. Das war ihnen jahrzehntelang nur selten möglich.
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934 hatten die braunen Machthaber begonnen, Schulungsstätten zu bauen, um die künftige Nazi-Elite auszubilden und parteitreue Kader heranzuziehen, die vor allem in den Gebieten, die im Osten erobert werden sollten, die Verwaltung sicherstellen sollten. Geplant waren zunächst drei Standorte, neben Vogelsang in Sonthofen im Allgäu und bei Crössinsee in Pommern.
Später wurden die Monumentalbauten dann Ordensburgen genannt. Gemeinsam war ihnen, dass sie an landschaftlich besonders schönen Stellen gebaut wurden. Für die strukturschwache Eifel – nicht umsonst preußisch Sibirien genannt – bedeutete das Bauprojekt Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung, machte sie später allerdings zum Ziel heftiger Bombenangriffe.
Viele der Männer mussten sofort an die Front
1936 zogen die ersten „Junker“ auf Burg Vogelsang ein, vier Jahre sollten sie ausgebildet werden. Als 1939 der Krieg begann, hatte noch kein Jahrgang die Schulung abgeschlossen. Die jungen Männer wurden „vorläufig entlassen“, die meisten an die Front geschickt.
Im Krieg nutzte die Wehrmacht die Ordensburg. Weil im dort eingerichteten Krankenhaus zahlreiche Kinder geboren wurden, hält sich hartnäckig das – falsche – Gerücht, dort sei eine Einrichtung des „Lebensborn“ gewesen. Dieser Verein sollte „rassisch wertvollen“ Nachwuchs, vor allem von SS-Angehörigen, heranziehen.

Die Ausstellung und NS-Dokumentation "Bestimmung: Herrenmensch" wurde 2016 in Vogelsang eröffnet.
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Alliierte Truppen eroberten Vogelsang 1945. Im Jahr darauf machten die britischen Besatzer das umliegende Gelände zu einem Truppenübungsplatz, den die belgischen Streitkräfte 1950 übernahmen. Für die Bevölkerung bedeutete das nicht nur Geschützlärm und schwere Fahrzeuge auf den engen Dorfstraßen, sondern vor allem: Betreten verboten.
Und nun, 50 Jahre später, sollte alles anders werden. Keine Nato-Manöver mehr in den schönen Eifeltälern. Kein Sperrgebiet mehr. Stattdessen eine Vielzahl von Ideen, wie man diese einmalige Gelegenheit nutzen sollte. Über eines aber herrschte Einigkeit unter allen Beteiligten. Von Anfang an sollte verhindert werden, dass der Gebäudekomplex, den die Nazis Ordensburg Vogelsang genannt hatten, zu einer Pilgerstätte für Menschen mit rechter Gesinnung würde.
Vor diesem Hintergrund ist für Manfred Poth der Name Vogelsang IP, der anfangs etwas seltsam klang in Eifeler Ohren, genau die richtige Bezeichnung. IP steht für „International Place“ oder auch Internationaler Platz. „IP drückt genau das aus, was wir wollten: dass aus der Einöde im Eifeler Wald ein bevölkerter Platz wird, ein Gegenentwurf zum Irrweg des Nationalsozialismus.“
Ende 2005 zogen die Belgier ab
Zum 31. Dezember 2005 würden die Belgier den Truppenübungsplatz und damit auch die Gebäude oberhalb des Urftsees verlassen. Nachdem das feststand, gab es Diskussionen, von der kommunalen bis zur Bundesebene, wie eine zivile Folgenutzung aussehen könnte und sollte.
Schließlich ist der Standort mit seiner Nazi-Vergangenheit ein heikles Erbe. Und die Ideologie der selbsterklärten „Herrenmenschen“ spricht gewissermaßen aus jedem Stein der Monumentalbauten, entworfen vom Kölner Architekten Clemens Klotz. Auch die überlebensgroßen Figuren des Bildhauers Willy Meller zeigen die Vorstellung der Nationalsozialisten vom „arischen“ Helden.
Was also tun damit? Den ganzen Komplex abreißen? Sich selbst überlassen und abwarten, wie sich die Natur den Raum zurückerobert? Oder einen Ort der Bildung und der Begegnung entwickeln? Das waren die Fragen, denen sich die Lenkungsgruppe Konversion stellen musste.

Viele Bürgerinnen und Bürger wollten sich anschauen, wie die Ordensburg in einen Ort der Bildung verwandelt worden war.
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Sie gab eine Machbarkeitsstudie in Auftrag beim Aachener Büro Aixplan. Bereits im März 2002 war der Förderverein Nationalpark Eifel gegründet worden. Was eine weitere Anforderung an die Planung darstellte: Denkmalschutzverträglich musste sie sein, geschichtsverträglich und nun auch noch nationalparkverträglich.
„Es wurde sehr sachlich und offen diskutiert“, erinnert Manfred Poth sich. Viele Gruppierungen wollten, sollten und mussten mitreden – Öffentlichkeit, Politik, Wissenschaft. Bei der Herbstakademie, einem Workshop im November und Dezember 2004, war es dann vorbei mit der Harmonie.
Gegensätzliche Vorstellungen sorgten für Streit
Der Förderverein Nationalpark und das Planungsbüro hatten gegensätzliche Vorstellungen von der Zukunft Vogelsangs. Die Redaktion dieser Zeitung zitierte Poth damals so: „Die Fronten sind emotional so verhärtet, dass es in erster Linie Aufgabe der Herbstakademie ist, alle Parteien wieder offen an einen Tisch zu bringen. Danach wird man sich ein Bild machen, wie es weitergeht.“
Die Gründung der Standortentwicklungsgesellschaft (SEV), die im Mai 2005 die Lenkungsgruppe ablöste, brachte eine neue Aufgabe für Manfred Poth mit sich. Er wurde Aufsichtsratsvorsitzender. In der Gesellschafterversammlung waren neben Bund und Land die Kreise Euskirchen und Düren, die Städteregion Aachen und die Stadt Schleiden vertreten.
Es war abzusehen, dass uns private Investoren nicht die Tür einlaufen.
Eine entscheidende Frage bei der Entwicklung Vogelsangs war die Finanzierung. „Es war abzusehen, dass uns private Investoren nicht die Tür einlaufen“, formuliert Poth. Und dass die Sache nicht billig werden würde, war ebenfalls klar. Die erste Kostenschätzung war von gut 35 Millionen Euro ausgegangen. Es sollten rund zehn Millionen mehr werden, und aus zwei Jahren Bauzeit wurden vier.
Baumängel traten zutage. Poth berichtet von Säulen, die nicht solide im Grund verankert waren, von Problemen mit der Deckenstatik. Andere benutzten das Wort „Nazi-Schrottimmobilie“. Gezahlt haben vor allem das Land und die EU, einen Restbetrag musste Vogelsang IP über Kredite finanzieren. Die gemeinnützige GmbH wurde 2009 gegründet und hat wiederum die SEV abgelöst.
Forum Vogelsang ist das neue Herz der Anlage
Aufsichtsratsvorsitzender hier wie dort war Manfred Poth. Geschäftsführer auf Vogelsang wurde Albert Moritz, zuvor Projektleiter bei Aixplan. Ein Glücksfall, wie die einen sagten. Kritische Stimmen monierten eine zu enge Verbindung zwischen dem Kreis und dem Aachener Büro. Im September 2016 wurde das Forum Vogelsang eingeweiht.
Mit dem modernen Gebäude hat die Anlage ein neues Herz bekommen – einen Ausstellungs- und Tagungsraum, der mit seiner luftigen Architektur einen lichten Kontrapunkt setzt zu den düsteren alten Gemäuern. „Ein toller Tag“, erinnert Poth sich an die Eröffnung . Die Resonanz sei überragend gewesen. Die Sonne habe geschienen, die Ausstellung „Herrenmensch“ sei in der Fachwelt gut angekommen.

In seine Unterlagen braucht Manfred Poth nicht zu schauen: Daten und Fakten sind ihm immer noch präsent. Ulla Jürgensonn
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Der Erfolg des Projektes zeige sich im Zulauf: In den ersten Jahren – vor dem Corona-Knick – hätten jedes Jahr 250.000 bis 280.000 Menschen Vogelsang besucht. Ganz verschont von unerwünschten Besuchern bleibt die frühere NS-Anlage nicht. Das führte für Poth zu einer Begegnung, die zumindest in der Rückschau anekdotischen Charakter hat.
An einem Samstagnachmittag sei er gerufen worden, weil ein Trupp Rechtsradikaler einen Aufmarsch geplant habe. Ordnungskräfte seien auf die Schnelle nicht zu bekommen gewesen. So habe er sich den Männern entgegengestellt. Drei oder vier hätten es trotzdem aufs Gelände geschafft – zu wenige für einen Aufmarsch. Die Aktion brachte Poth eine Anzeige wegen Handgreiflichkeit ein: „Aber das Verfahren ist nie eröffnet worden.“
Noch ein Datum, das Manfred Poth nie vergessen wird: der 30. Juni 2021. Das war der Tag, an dem er das Euskirchener Kreishaus verließ und in den Ruhestand ging. Der letzte Termin, den er wahrnahm, hätte passender kaum sein können.Es war die Gesellschafterversammlung von Vogelsang IP – für ihn die letzte, an der er teilnehmen sollte.
Dort wurde er ebenfalls gebührend verabschiedet. Auch wenn nicht jedes Ziel erreicht wurde – er hätte beispielsweise gern die Nationalparkverwaltung auf dem Gelände gesehen –, auch wenn manches Mal Sand im Getriebe war, fällt Manfred Poths persönliches Fazit positiv aus: „Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.“
Die Serie erzählt die Geschichte der Konversion
Vogelsang blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Von den Nationalsozialisten als Kaderschmiede geplant und gebaut, war das Areal mit den wuchtigen Gebäudekomplexen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet. Zunächst wurde es von den Briten, dann von den Belgiern als Truppenübungsplatz genutzt.
Den Eifelern war es nahezu ausschließlich bei Besuchertagen zugänglich. Seit dem 1. Januar 2006 ist Vogelsang wieder zivil. In dieser Serie beleuchten wir die militärische Zeit ebenso wie das gerade in den 1990ern erstarkende Bemühen um den Abzug der Soldaten und den Konversionsprozess, der mit dem Heben des Schlagbaums begann.

