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TierschutzAuf dem Lebenshof im Kreis Euskirchen dürfen Schweine einfach Schweine sein

7 min
Ein Schwein liegt mit geschlossenen Augen auf einer Wiese.

Augen zu und genießen: Auf der großen Wiese des Lebenshofs fühlen sich die Schweine sauwohl.

Schweine, Ziegen und Schafe finden bei Dagmar Gißler ein Zuhause. Die Tiere kommen aus schlechten Haltungsbedingungen, meist aus Mastbetrieben.  

Auf den ersten Blick ist es die pure Idylle. Eine riesige Weide am Ortsrand, darauf verteilt in bunter Mischung Schweine, Ziegen und Schafe. Auf den zweiten Blick bekommt die Idylle Risse. Nicht alle Tiere sehen gesund aus, manche sind abgemagert, viele hinken. Sie alle haben unter schlechten Bedingungen gelebt, kommen aus Massentierhaltung oder von überforderten Privatleuten. Das Hofzeit-Projekt gibt ihnen die Chance auf ein neues, ein artgerechtes Leben.

Wenn die gesundheitlichen Schäden nicht so groß sind, dass am Ende doch nur noch das Einschläfern bleibt, um ihnen Qualen zu ersparen. Dagmar Gißler betreibt den Lebenshof im Kreis Euskirchen. Der genaue Standort wird nicht veröffentlicht, um die Tiere zu schützen. „Was ich hier mache, gefällt den Menschen nicht, die ihr Geld mit der Ausbeutung von Tieren verdienen“, sagt sie. Sie befürchtet, dass jemand seinen Zorn an den Schweinen oder Ziegen auslassen könnte.

Millionen Schweine werden begast

Die Agrarwissenschaftlerin kennt sich aus mit der Fleischproduktion. Rund 30 Jahre habe sie sich mit Zucht- und Mastbetrieben beschäftigt, erzählt sie. Mittlerweile verdient sie ihr Geld als Bildungsberaterin, sitzt im Prüfungsausschuss der Tierärztekammer für tiermedizinische Fachangestellte. Was sie aus dem Inneren der Ställe und Schlachthöfe berichtet, ist nur schwer mit dem friedlichen Bild vor ihrer Haustür übereinzubringen.

55 Millionen Schweine werden laut Dagmar Gißler jährlich in Deutschland geschlachtet. Das Statistische Bundesamt nennt für 2023 die Zahl von 44 Millionen, andere Quellen bestätigen Gißlers Aussage. Davon würden die wenigsten mit Elektroschocks betäubt, so die Betreiberin des Lebenshofs. 47 Millionen Schweine würden begast, meist mit CO2. Ganz sachlich schildert sie, dass die Tiere spürten, wie sie erstickten, dass sie schließlich Todesangst hätten. Begründete Todesangst. Für Gißler ist die Betäubung mit CO2 ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, das fordert, Tieren bei der Schlachtung Leid und Stress zu ersparen.

Mehrere Ziegen und ein Schwein stehen auf einer Wiese.

Keine Berührungsängste: Ziegen und Schweine grasen in bunt gemischten Gruppen. Auch die Ziegen kommen aus schlechten Haltungsbedingungen.

Eine Frau hockt neben einem Schwein und krault es.

Kraul meinen Bauch! Dagmar Gißler kennt nicht nur jedes Tier mit Namen, sie versteht auch, was Schweine wünschen.

Ein geflecktes Schwein ist von vorne zu sehen.

Neugierig und menschenfreundlich sind die Schweine.

Ein Mann trägt einen leeren Kartoffelsack weg, eine Ziege und ein Schwein schauen ihm dabei zu.

Einer arbeitet, zwei schauen zu. Tobias Mineiro macht ein Praktikum beim Hofzeit-Projekt. Hier räumt er Kartoffelsäcke weg.

Rational ist auch ihre Haltung zum Hofzeit-Projekt: „Es war nie mein Lebenstraum. Aber ich habe die andere Seite gesehen.“ Und weiter: „Ich mache es, weil ich es kann, nicht, weil ich es möchte.“ Wer Dagmar Gißler allerdings zwischen den Tieren – 44 Schweinen, 64 Schafen und 25 Ziegen – sieht, bekommt Zweifel, ob das die ganze Wahrheit ist. Sie kennt jedes mit Namen, und andersherum kennt jedes Schwein, jede Ziege, jedes Schaf seinen Namen und reagiert darauf. Und zu jedem Tier weiß sie die Geschichte zu erzählen. Geschichten, die beim Zuhören den Magen zuschnüren.

Viele Tiere habe sie aus der Kadavertonne gezogen. Darin landen in den Betrieben die Ferkel, die aussortiert werden. Eigentlich sollten sie vorher getötet werden, doch das sei nicht immer der Fall, berichtet Gißler. Das Aussortieren mache etwas mit den Menschen, manches Ferkel werde lebend weggeworfen – aus den Augen, aus dem Sinn: „Das System macht auch die Menschen krank.“

Ringelschwänze sind bis auf den Stummel abgeschnitten

Viele Mitarbeiter in der industriellen Tierproduktion könnten den Zuchtsauen nicht mehr in die Augen schauen. Viele Schweine, die heute auf der Wiese des Lebenshofs grasen, sich im Schlamm suhlen oder die Sonne genießen, waren schon für die Nottötung vorgesehen. „Ich kaufe keine Tiere frei“, betont Dagmar Gißler. In Fällen, wenn das Tier nicht mehr vermarktet werden könne, seien es oft die Landwirte, die sie riefen.

Wenn eine Chance besteht, dass das Schwein überleben kann, bekommt es diese auf dem Lebenshof. Den meisten Beteiligten sei bewusst, dass das System von Zucht, Haltung und Schlachtung auf massiver Ausbeutung beruhe. Daran ändere auch die Haltungsform nichts: „Schon das Wort ‚Tierwohl‘ ist Verbrauchertäuschung.“ An ihren Schweinen kann sie die Folgen der Massentierhaltung aufzeigen. Manchen sind die Ringelschwänze bis auf einen winzigen Stummel abgeschnitten worden.

Ich kaufe keine Tiere frei.
Dagmar Gißler

Die Sauen, zu Gebärmaschinen degradiert, seien meist in körperlich katastrophalem Zustand. Einem Muttertier hätten die eigenen Ferkel in der Enge des Stalles die Geschlechtsteile angenagt. Mastschweinen seien vier zusätzliche Rippen angezüchtet worden. Mit einer Rückenlänge von zwei Metern könnten sie kaum noch laufen, die eher zierlichen Beine und Klauen seien nicht dafür gemacht, das Gewicht zu tragen, schon gar nicht auf Betonspaltenböden.

Um die 300 Kilo wiegen die meisten, der schwerste Eber bringt es auf 400 Kilo. „Es sind keine Elfen“, warnt die Hofbetreiberin, wenn sich eines der Tiere nähert: Ein freundlicher Rempler holt einen Menschen schnell von den Beinen. Meist sind es allerdings die Schweine, die umfallen – was die unmissverständliche Aufforderung ist, sie am Bauch zu kraulen.

Ziegen musste nach jahrelangem Melken das Euter amputiert werden

Dagmar Gißler kauert sich neben eines der mächtigen Tiere, das sich genüsslich kratzen lässt. „Wussten Sie, dass Schweine für ihre Ferkel summen?“, fragt sie. Tatsächlich machen die Muttertiere ein leises, rhythmisches Geräusch, um die Kleinen zu locken, zu beruhigen oder zum Saugen zu animieren. Die Ferkel lernen die Stimme ihrer Mutter schon kennen, bevor sie zur Welt kommen.

Und dann erzählt die 54-Jährige von Selma, einem Schwein, das auch für Menschen singt. Selma habe tröstlich für sie gesummt, als es ihr schlecht gegangen sei. Und es sei eine andere Melodie gewesen als die für ihre Artgenossen. Nicht nur den Schweinen sieht man die Folgen der Ausnutzung an. Einige Ziegen hätten nach jahrelanger Milchproduktion solche Probleme mit dem Euter gehabt, dass die Amputation der einzige Ausweg gewesen sei.

Unsere Gesellschaft muss echt noch viel lernen.
Dagmar Gißler

Nicht alle Schicksale zeugen von der Ausbeutung für den Fleischkonsum, manche auch einfach nur von einem Umgang mit Tieren, den man wahlweise gedankenlos oder gefühllos nennen kann. Amelie war ein Hochzeitsgeschenk, ein Spanferkel samt Gutschein fürs Schlachten. Andere Schweine starteten bei einem Ferkelrennen – so lange, bis Zuschauer nicht mehr mit ansehen konnten, wie die jungen Tiere bei Hitze wieder und wieder auf die Rennstrecke gescheucht wurden. Und Minischweine erwiesen sich doch als die falschen Haustiere im dritten Stock. „Unsere Gesellschaft muss echt noch viel lernen“, sagt Dagmar Gißler.

Auch drei junge Wildschweine haben beim Hofzeit-Projekt ein Zuhause gefunden, mit Genehmigung der Kreisveterinärbehörde. Sie sind deutlich mobiler als ihre domestizierten Verwandten. Ein doppelter Zaun schützt die Schweine ordnungsgemäß vor dem Kontakt mit freilebenden Wildschweinen – eine Maßnahme, um zu verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest überspringt.

Dagmar Gißler will auch Landwirten helfen

In letzter Zeit hätten mehrere der rund 160 Lebenshöfe schließen müssen, berichtet Dagmar Gißler. Sie habe daraufhin vorübergehend die Zahl der Schweine, die sie aufnimmt, erhöht. Sie sagt: „Es ist tragisch, wenn Tieren das Leben genommen wird, weil unsere Gesellschaft nicht bereit ist, für Schweine zu spenden.“ Vegan zu leben ist für sie alternativlos, obwohl sie natürlich weiß: „Ich werde nie leidfrei leben.“ Ausbeutung lehne sie nicht nur bei Tieren, sondern auch bei Menschen ab.

Deshalb will sie nicht nur den Tieren helfen, sondern auch den Menschen. Konkret: Landwirten, die nicht weitermachen wollen wie bisher. Gerade viele junge Leute steckten in einer Zwickmühle. Sie übernähmen den elterlichen Hof, erbten auch gleich die Schulden mit, wollten die Landwirtschaft aber anders weiterführen. Für sie brauche es Konzepte, nicht mehr auf Kosten der Tiere zu leben, ohne Haus und Hof zu verlieren.

Die 54-Jährige macht die Arbeit auf dem Hof weitestgehend allein. Im Moment hilft ihr Tobias Mineiro. Er hat sein Fitnessstudio verkauft und macht ein Praktikum auf dem Lebenshof. „Ich will in Zukunft wertebasiert arbeiten“, sagt er. Dagmar Gißler hat ihr Ziel weitergesteckt: „Ich möchte, dass wir keine Tierheime und keine Lebenshöfe mehr brauchen.“ Solange das nicht der Fall ist, muss sie weitermachen. „Das Leben ist zu wertvoll, um wegzuschauen“, sagt sie.


Aninova-Stiftung unterstützt den Lebenshof

Lebenshöfe sind quasi der Gegenentwurf zum klassischen Bauernhof: Dort werden Tiere gehalten, aber nicht genutzt. Hinter dem Hofzeit-Projekt im Kreis Euskirchen steht der Tier- und Umweltschutzverein Meat the piglets e.V., der sich die Förderung des ethischen, sozialen und nachhaltigen Tierschutzes zum Ziel gesetzt hat. Der Verein übernimmt die Verwaltungsarbeit und trägt die Kosten für Futter und Tierarzt. Anschaffungen wie beispielsweise das neue Stallzelt werden durch Spenden finanziert. Über die Homepage des Vereins kann man das Leben der geretteten Tiere online miterleben.

Zu den Unterstützern des Hofzeit-Projekts gehört die Aninova-Stiftung mit Sitz in St. Augustin. Sie engagiert sich für Tiere aus der industriellen Tierhaltung und setzt sich für die Förderung einer veganen Lebensweise ein. Den Umbau des Schweinestalles, in dem früher Rinder in Anbindehaltung gelebt haben, hat die Stiftung mit 15.000 Euro finanziert.