Abriss am alten Schlachthof gestartet: In Euskirchen entstehen 140 Wohnungen. Bürgermeister am Bagger – und große Pläne für ein neues Quartier.
100-Millionen-Euro-ProjektFünf Mehrfamilienhäuser auf dem Areal des Euskirchener Schlachthofs

Der Euskirchener Schlachthof soll in ein innovatives Wohnquartier verwandelt werden.
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Eines war am Donnerstagnachmittag schnell klar: Baggerfahren ist nicht die Kernkompetenz von Euskirchens Bürgermeister Sacha Reichelt. Dem Verwaltungschef – und auch der Eugebau als Bauherrin – dürfte es zugutekommen, dass die wenigen Minuten an den Steuerhebeln des Baggers eher symbolischer Natur waren.
Zwar plant die Euskirchener gemeinnützige Baugesellschaft mehr als ein Jahrzehnt für die endgültige Fertigstellung ihres Projekts auf dem Areal des ehemaligen Schlachthofs an der Erftstraße ein – aber sollte der Bürgermeister häufiger hinter dem Steuer sitzen, dürfte das Bauvorhaben zumindest zeitmäßig zur „Kölner Oper“ werden.
Erweiterungsbauten fallen den Abrissbaggern zum Opfer
Das Areal, das die Eugebau im Jahr 2017 erworben hat, blickt auf eine lange Geschichte zurück: Bereits 1903 wurde der Schlachthof in seiner ursprünglichen Form errichtet und steht heute unter Denkmalschutz. In den 1960er- und 1990er-Jahren wurde die Anlage durch zahlreiche Anbauten erweitert, um den Schlachtbetrieb auszubauen. Diese späteren Ergänzungen werden nun weichen, um Platz für dringend benötigten Wohnraum zu schaffen.
Der nun begonnene Abriss, der bis zum Jahresende abgeschlossen sein soll, markiert den Beginn einer umfassenden Neuentwicklung des Geländes. Geplant ist in den kommenden zehn bis zwölf Jahren die Errichtung von rund zwölf Mehrfamilienhäusern mit insgesamt etwa 140 Wohnungen.

Nicht Bodo, sondern Sacha mit dem Bagger: Euskirchens Bürgermeister leitete symbolisch den Abriss am Schlachthof ein.
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Die Eugebau will auf dem Areal des alten Schlachthofs an der Erftstraße ein Wohnquartier mit bis zu zwölf Mehrfamilienhäusern realisieren. Als Volumen für das Projekt sind mehr als 100 Millionen Euro kalkuliert.
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Dabei soll der Schwerpunkt nach Angaben von Pia Berners von der Eugebau bewusst auf sozialem Wohnraum und nachhaltiger Quartierentwicklung liegen. In welchem Umfang öffentliche Fördermittel eingesetzt werden können, sei derzeit noch offen. Klar ist jedoch laut Bürgermeister Reichelt: Das Projekt soll sowohl sozialen als auch ökologischen Ansprüchen gerecht werden und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig bleiben.
Unterstützt wird die Entwicklung durch ein Architektenteam aus den Niederlanden, das gemeinsam mit dem Euskirchener Architekten Adam Fray die Entwürfe erarbeitet hat. Die Planungen stoßen bereits auf positive Resonanz: Für eines der ersten Gebäude liegt ein Bauantrag vor, der vom Gestaltungsbeirat der Stadt ausdrücklich gelobt wurde. Das sogenannte Gebäude B soll in Richtung Erft entstehen. Dort soll auch das „Gebäude A“ errichtet werden. Für dieses Mehrfamilienhaus ist laut Berners noch kein Bauantrag gestellt, dennoch hoffe die Eugebau, beide Wohneinheiten zeitgleich beginnen zu können.
Auch die Gefleiga wird von der Erftstraße verschwinden
Insgesamt nimmt die Eugebau Berners zufolge etwa 100 Millionen Euro in die Hand, um das Wohnquartier an der Erftbleiche weiter auszubauen. Dazu gehört auch mindestens ein Mehrfamilienhaus auf dem Gelände der Gefleiga. Die Gefleiga Bollig GmbH ist Lieferant für Gastronomie-, Hotellerie- und Fleischereibedarf sowie für sämtliche Großverbraucher wie Großküchen und Kantinen. Wie lange das Geschäft an der Erftstraße noch offen bleibt, ist noch nicht klar.
Klar ist hingegen, dass zwischen dem jetzigen Gefleiga-Gebäude und bereits bestehenden Eugebau-Bauten noch Platz für ein weiteres Mehrfamilienhaus wäre. Die Entwicklung dieses Areals habe aber keine Priorität, so Berners. Zunächst wolle man sich auf das Schlachthof-Gelände konzentrieren. Der denkmalgeschützte Bereich soll dabei bestehen bleiben und zu einem Kulturzentrum entwickelt werden.
Teile des Areals stehen unter Denkmalschutz
Auch die alte Villa auf dem Gelände steht unter Denkmalschutz. Die Tage der Anbauten sind hingegen gezählt. Wie das Wohnquartier mit Energie versorgt wird, ist laut Berners offen. Ursprünglich wollte die Eugebau mit Wasserstoff als Energiequelle arbeiten. Ganz davon abgerückt sei man nicht, aber ob letztlich tatsächlich Wasserstoff zum Einsatz komme, sei offen.
Wie kann es gelingen, einen Ort, an dem über mehr als 100 Jahre hinweg Abertausende von Tieren geschlachtet wurden, umzuwandeln in ein hochmodernes, lebenswertes Wohnquartier, ohne dass die Geschichte des Ortes Einfluss auf die Atmosphäre und Lebensqualität nimmt? Auch dieser Frage hat sich die Eugebau gestellt.
Der tibetische Meditationsmeister Tulku Rigdzin Pema Rinpoche, ein in der buddhistischen Welt hoch angesehener Lehrmeister, machte vor drei Jahren Station in Euskirchen. Mithilfe eines buddhistischen Rituals sprach er den Ort von seiner „blutigen Vergangenheit“ los.

