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Satirischer Wochenrückblick
Die Stadt Köln ist umgezogen

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Aufkleber im Hauseingang an der Richartzstraße 2, dem ehemaligen Sitz des Kulturdezernats.

Aufkleber im Hauseingang an der Richartzstraße 2, dem ehemaligen Sitz des Kulturdezernats. Foto: Peter Berger

Es hat keiner mitgekriegt, aber sie ist weg. Wir Kölner müssen ab sofort ohne die Stadt Köln leben.

Der Abschiedsbrief ist kurz und schmerzlos. Fünf dürre Worte in roten Buchstaben. „Die Stadt Köln ist umgezogen.“ Nicht einmal mit der Hand geschrieben, sondern auf ein DIN A4-Blatt gedruckt, mit Klebeband von innen an die Glastüre des schmucklosen Gebäudes in der Richartzstraße geklebt, in dem das Kulturdezernat saß. Im Hinterhof des Media-Markts. Ohne Punkt und Ausrufezeichen, die Klappen der Briefkästen mit rotem Klebeband versiegelt, damit dort keine blöden Fragen eingeworfen werden.

Die Frage nach dem Warum zum Beispiel. Konnte sich die Stadt Köln die hohen Mieten nicht mehr leisten? Hat sie sich gar ins Ausland abgesetzt, in irgendein Steuerparadies, wo man die Steuern und Gebühren so lange erhöhen kann, bis das Loch in der Stadtkasse gestopft ist, ohne sich das Gezeter der Bürger anhören zu müssen? Oder wollte sie den Skandal um die Milliarden-Oper abschütteln und verdrängen, dass die jemals auf ihrem Gebiet stand? Nach dem Motto: 14 Jahre Vorfreude sind genug.

Fest steht: Sie hat so gut wie nichts mitgenommen. Alles noch da. Der Dom, der Zoo, das Bahnhofsklo, die Liebeschlösser und das Schokoladenmuseum. Das sieht alles nach einem überstürzten Aufbruch aus. Ungefähr so, als sei der Papst nach einem letzten Besuch im Kölner Dom aus der Kirche ausgetreten.

Dem Raum für Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet. Man sagt, die Stadt Köln habe sich nach der Riesenblamage bei der Stimmauszählung über die Olympia-Bewerbung kurz in Gelsenkirchen umgesehen und vorgefühlt, ob das Armenhaus des Ruhrgebiets im Jahr 2040 anstelle von Kreuzfeld das Olympische Dorf übernehmen könne, anstatt seine leeren Betonburgen voreilig in die Luft zu sprengen. In München sah es 1972 doch auch nicht besser aus. Danach ist sie weiter. Unbekannt verzogen.

Und? Was machen wir jetzt? Alles Kölner ohne Stadt? Am besten nichts. Einfach abwarten und an das glauben, was im kölschen Liedgut hundertfach besungen wird. Irgendwann wird die Stadt Köln das Heimweh nach Kölle packen, weil in der Kneipe vom Struth’se Jupp noch ein Deckel von ihr liegt, oder sie ihre Veedel vermisst und sich entsinnt, dass nur mit dem kölschen Pass das Leben so richtig Spaß macht.

Deshalb hat sie in einer ihrer letzten Nachrichten vor dem Verschwinden noch mitgeteilt, dass das Bezirksamt in der Innenstadt ausnahmsweise am letzten Samstag im April und an drei Samstagen im Mai geöffnet hat. Für Menschen, die sich noch schnell einen Reisepass besorgen müssen.

Ich meine, ich hätte die Stadt Köln vergangenen Samstag am Laurenzplatz in der Schlange gesehen. Sie musste unverrichteter Dinge abziehen, weil man samstags nur mit Karte zahlen kann. Und wie es auf ihrem Konto aussieht, wissen wir ja alle zur Genüge.