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Umgang mit KriegsgefangenenAusstellung in Euskirchen zeigt NS-Gewalt gegen Frauen

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Besucher der Ausstellung stehen vor den Infotafeln.

Auf 17 Infotafeln wird das Schicksal von Frauen erzählt, die Kontakt zu Kriegsgefangenen hatten.

Eine Ausstellung im Kreishaus in Euskirchen beschäftigt sich mit Frauen, denen „verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen“ unterstellt wurde.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind inzwischen 80 Jahre vergangen. Obwohl im Geschichtsunterricht an Schulen oder auch an unterschiedlichen Feiertagen die unzähligen Gräueltaten und die Schicksale der Opfer des Naziregimes in Erinnerung gerufen werden, sind längst noch nicht alle Geschichten aus dieser Zeit erzählt.

Im Rahmen der Wanderausstellung „Zwangsarbeit im Kreis Euskirchen“, die bereits seit rund drei Jahren in zahlreichen Kommunen zu sehen war, wird nun eines dieser Themen beleuchtet, das bislang kaum Erwähnung fand. Auf insgesamt 17 neu hinzugefügten Infotafeln, die derzeit im Euskirchener Kreishaus besichtigt werden können, wird das Schicksal jener Frauen behandelt, denen „verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen“ unterstellt wurde.

Kreisarchivarin Heike Pütz steht am Rednerpult und spricht.

Kreisarchivarin Heike Pütz berichtete von der Recherchearbeit.

„Die Ausstellung zeigt, dass diese Gewalt gegen Frauen nicht von einzelnen Menschen oder Gruppen ausging, sondern während der NS-Zeit vom Staat vorgeschrieben wurde“, betonte Landrat Markus Ramers während der Eröffnung am Dienstagvormittag. „Auf diese oft vergessenen Opfer in einer Zeit, in der Mitmenschlichkeit durch Repressalien unterdrück wurde, wollen wir hinweisen.“

20 Frauen wurden des verbotenen Umgangs beschuldigt

Bereits der Titel der Ausstellung „Butterbrot - ein Jahr Gefängnis ...“ verdeutlichte, mit welcher Grausamkeit das Kontaktverbot durchgesetzt werden sollte. „Auch im Altkreis Euskirchen wurden in dieser Zeit insgesamt 20 Frauen des verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen beschuldigt“, berichtete Kreisarchivarin Heike Pütz, die einen Einblick in die langwierigen Recherchearbeiten gab.

„Laut Den-Haager-Abkommen und einer Ergänzung in der Genfer-Konvention waren Kriegsgefangene als Feinde zu behandeln.“ Dies galt für alle der insgesamt rund 13 Millionen Gefangenen, die während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Zuwiderhandlungen wurden, wie der Titel der Ausstellung bereits vermuten ließ, hart bestraft. „Ein Kuss - zwei Jahre Gefängnis, Geschlechtsverkehr - Kopf ab“, führte Heike Pütz die Liste der Strafen weiter aus.

Zwangsarbeiter im eigenen Haus essen und schlafen lassen

Zu den Opfern dieser Repressalien zählte auch Veronika Höger, die mit ihrem Mann Josef Höger einen Hof im heutigen Bad Münstereifeler Stadtteil Eichen bewohnte. „Meiner Großmutter wurde damals auch ein polnischer Zwangsarbeiter zugewiesen, der bei der Bewirtschaftung des Hofes helfen sollte“, berichtete Enkelin Sabine Heiders während der Ausstellungseröffnung. Entgegen den Vorschriften des NS-Regimes habe Veronika Höger den Zwangsarbeiter im eigenen Haus essen und schlafen lassen und dies sei ihr bald darauf zum Verhängnis geworden.

„Einigen Nachbarn gefiel das nicht und es kamen Gerüchte auf, dass der Zwangsarbeiter vielleicht sogar der Vater ihrer Tochter sein könnte.“ Allein diese Gerüchte seien ausreichend gewesen, um Veronika Höger in ein Gefängnis in Aachen und schließlich in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück zu deportieren. „Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt erst drei Monate alt“, betonte Sabine Heiders.

SS fälschte Dokumente, um Verbrechen zu verschleiern

Rund ein halbes Jahr später verstarb Veronika Högers offiziell an einer Lungenentzündung, doch der Wahrheitsgehalt dieser Überlieferungen sei sehr fragwürdig. „Die SS hat systematisch Dokumente gefälscht, um Verbrechen zu verschleiern, und daher lässt auch die Todesursache Zweifel aufkommen.“

Neben dem historischen Blick auf die systematische Gewalt gegenüber Frauen wurde während der Ausstellungseröffnung auch die aktuelle Lage beleuchtet. „Auch heute ist dies ein brennendes Thema. Allein im Jahr 2023 sind in Deutschland 360 Frauen Opfer eines Femizid geworden“, betonte Ellen Mende von der Frauenberatungsstelle Euskirchen und deutete auf ein kleines Mahnmal, das im Gedenken an die Verstorbenen mit 360 Kerzen im Kreishaus errichtet worden war.

„Als Vater einer Tochter ist es für mich traurig, dass es den heutigen internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen überhaupt geben muss“, stimmte Landrat Ramers zu. „Die offiziellen Zahlen an Gewalttaten gegen Frauen nehmen sogar weiter zu und darum ist es auch heute noch ein Gesellschaftsproblem, dem wir uns alle widmen müssen.“ Bis Sonntag, 8 Januar 2026, kann die Ausstellung „Butterbrot - ein Jahr Gefängnis“ zu den üblichen Öffnungszeiten im Kreishaus, Jülicher Ring 32, besichtigt werden.