Um das vielfältige kulturelle Angebot in Bonn nutzen zu können, organisiert eine Theatergruppe aus dem Kreis Busfahrten für Abonnenten.
KulturaboDie Theatergruppe Kall, Mechernich, Euskirchen fährt zu Bonner Spielstätten

Kämmt lieber seinen Teppich, als sich gegen Brandstifter zu wehren: Christoph Gummert spielt Gottlieb Biedermann bei einer Aufführung im Schauspielhaus Bad Godesberg.
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„Keine Zeitung kann man mehr aufschlagen – schon wieder eine Brandstiftung“, ärgert sich Gottlieb Biedermann (gespielt von Christoph Gummert) bei der Lektüre seiner Morgenzeitung. Das trifft wohl auch auf diesen Artikel zu.
Aber zurück zum Stück: Es ist Donnerstagabend. Im Schauspielhaus Bad Godesberg wird „Biedermann und die Brandstifter“ aufgeführt (Regie: Nuran David Calis). Der zugrunde liegende Text von Max Frisch warnt vor den Folgen der Duldung extremer Ideologien. Uraufgeführt 1958 in Zürich, lagen die Schrecken des Nationalsozialismus nicht lange zurück. In der modernen Bonner Inszenierung warnt das „Lehrstück ohne Lehre“ erneut vor den Gefahren durch rechtsextreme „Brandstifter“.
Gegenüber der Bühne, die als Innenleben des Hauses von Biedermann im knalligen Farbdesign gestaltet ist, sitzt eine Gruppe, die mit dem Bus aus dem Kreis Euskirchen angereist ist. Bei dieser Aufführung sind es 30 Seniorinnen und ein Senior. Sie nutzen ihr Abonnement als Mitglieder der Theatergruppe Kall, Mechernich, Euskirchen, um gesammelt zu einem der vielfältigen Kulturangebote in verschiedenen Bonner Spielstätten zu fahren.
Die Busfahrten nach Bonn sollen sehr gut angenommen werden
„Das Durchschnittsalter der Teilnehmer liegt bei 60 plus“, sagt Gruppenleiterin Frieda Staggl. Nach ihrer Einschätzung fahren aus Mechernich und der Kreisstadt etwa gleich viele Menschen mit. Aus Kall seien es weniger. Die Fahrten nach Bonn organisiert die 68-jährige Mechernicherin mit Petra Roland. Laut der beiden Theaterkennerinnen wird das Angebot (siehe „Theaterabo inklusive An- und Abreise zu Veranstaltungen in Bonn“) sehr gut angenommen. „Bei zu wenig Interessierten würde sich die Fahrt mit dem Bus auch nicht lohnen“, erläutert Staggl.
Die vier Haltestellen in der Reihenfolge Kall, Mechernich, zweimal Euskirchen wurden ganz pragmatisch festgelegt. Man decke so die drei Gebiete gut ab, sagt Staggl: „Außerdem ist das der direkte Weg nach Bonn, und der Bus kann an den Stopps gut halten.“ Zeitlich plane man einen entsprechenden Puffer ein, das habe bis jetzt immer gut geklappt, berichtet sie weiter.
Gesprächige Stimmung während der Busfahrt
Im Bus herrscht eine angenehm gesprächige Stimmung: „Was machst du an Silvester?“ und „Warst du schon im Robert-Ley-Outlet?“ Oder es fällt ein Kompliment: „Du hast ein schönes Kleid an!“ Reaktion: „Siehst du das im Dunkeln?“, gefolgt von einem Kichern. Für einige der Teilnehmerinnen hat diese Geselligkeit beim Erwerb des Abos eine große Rolle gespielt.

Die älteren Theaterfans lassen sich auch auf moderne Inszenierungen ein.
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Auf dem Weg ins Theater kamen viele ins Gespräch.
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Über die besuchten Veranstaltungen lassen Staggl und Roland die Inhaberinnen des Theaterabos vor Erstellung des Saisonplans abstimmen. In diesem Jahr organisieren sie das Angebot zum zweiten Mal. „In Bonn gibt es viele moderne Inszenierungen“, sagt Roland: „Die älteren Leute sind meistens begeistert.“ Kulturfan Astrid S. fügt an: „Es ist mal schräg, aber wir lassen uns drauf ein.“
Die Eifel liegt wunderbar in der Natur – das schließt Kultur aber nicht aus.
Die Seniorin Renate L. wurde durch die Empfehlung zweier Mitreisender auf die Kulturfahrten aufmerksam. „Das kulturelle Angebot ist sehr variantenreich“, lobt die 67-Jährige die Auswahl in Bonn: „Über das Abo kommt man gut an Tickets.“ Nach drei von ihr besuchten Veranstaltungen in der vergangenen Saison kann sie es selbst weiterempfehlen: „Die Fahrt im Bus ist sehr komfortabel.“ Ihrer Ansicht nach ist der Zugang zu Kultur oft keine „Stadt-Land-Thematik, sondern eine Frage der Mobilität“. Auch in Köln oder Bonn sei man für den Besuch von Aufführungen je nachdem über eine Stunde unterwegs.
Regine W. („Alter 60 mit vielen Plus-Zeichen“) sagt, dass sie sich abends als Frau in der Gruppe sicherer fühle. In ihren 40 Jahren als Lehrerin habe sie im Unterricht auch „Biedermann und die Brandstifter“ besprochen. Das Stück interessiere sie sehr. „Wenn wir nicht aufpassen, dann brennt es wieder“, gibt sie mit Blick auf die aktuelle politische Lage zu bedenken.
Kulturangebote seien in Zeiten rechtspopulistischer Verklärung besonders wichtig, ist sich die ehemalige Lehrerin sicher. Möglichkeiten wie die Busfahrten nach Bonn sollten ihrer Meinung nach gefördert werden. „In der Eifel müsste man stärker die Räumlichkeiten der Schulen nutzen“, schlägt Regine W. zudem vor: „Die Eifel liegt wunderbar in der Natur – das schließt Kultur aber nicht aus.“ Stattdessen sieht sie ein großes Potenzial für eine Erweiterung des kulturellen Angebots, das im Verband mit dem Nationalpark mehr Besucher in die Region ziehen könnte.
Die Biedermann-Aufführung in Bad Godesberg hat jedenfalls einige Zuschauer angezogen. Im Theater wird für die hervorragenden schauspielerischen Leistungen des Ensembles applaudiert – Daniel Stock ist äußerst kurzfristig für Timo Kählert als Josef Schmitz eingesprungen. „Es hat mir sehr gut gefallen“, sagt Petra Roland zur Inszenierung. „Es war eine sehr moderne Inszenierung“, fasst es die 80-Jährige Heidi H. diplomatisch. Michaele I. (63) zeigt sich angetan vom Stück – und der anstehenden Heimfahrt: „Es ist toll, dass ich keinen Parkplatz suchen musste und gefahren werde.“
Nach Ende des Stücks wird die Gruppe zügig eingesammelt und macht sich auf die gesellige Rückfahrt nach Euskirchen, Mechernich und Kall.
Theaterabo inklusive An- und Abreise zu Veranstaltungen in Bonn
Die Busfahrten zu Bonner Spielstätten setzen ein Theaterabonnement voraus. In der jetzt beginnenden Saison bietet die Theatergruppe Kall, Mechernich, Euskirchen insgesamt fünf Veranstaltungen an, unter anderem „Happy Konfetti“ in Malentes Theater Palast, „Der Gott des Gemetzels“ im Schauspielhaus und „Tosca – Musikdrama“ im Opernhaus Bonn.
Es gibt drei Preisklassen, die sich an Sitzkategorien orientieren. Die günstigste Variante kostet 192 Euro, der Normalpreis beträgt 216 Euro, und das Premium-Abo beläuft sich auf 256 Euro. Hinzu kommen jeweils 125 Euro für die Busfahrten – somit liegen die Kosten insgesamt bei 317, 341 oder 381 Euro. Im Preis enthalten sind der Kartenversand und das Magazin „Kultur“.
An vier Haltestellen können die Abo-Besitzer im Kreisgebiet zusteigen: Kall (Rückseite Bahnhof, Trierer Straße), Mechernich (Bahnhof), Euskirchen (Kreisverwaltung, Jülicher Ring 32), Euskirchen (Hit-Markt, Roitzheimer Straße 117). Anmeldungen und weitere Infos über die Theatergemeinde Bonn unter Tel. 0228/915030 oder per E-Mail. (ges) info@tg-bonn.de

