Zehntausend Besucher kamen zur Walpurgisnacht und Hexenmarkt am 1. Mai zur Burg Satzvey. Das nächtliche Event spricht besonders die Larp-Szene an.
WalpurgisnachtHexen hatten Burg Satzvey beim nächtlichen Treiben zum 1. Mai fest im Griff

Mandy (von links), Miriam und Chantal sind drei der vier „Burghexen“, die um Mitternacht das große Walpurgisnachtfeuer entzündeten.
Copyright: Stefan Lieser
Knapp zehntausend Besucher kamen am Donnerstag zum Tanz in den Mai und dem Hexenmarkt am 1. Mai zur Burg Satzvey. Höhepunkt des nächtlichen Spektakels war um Mitternacht das Entzünden des großen Mai-Feuers durch die „Burghexen“.
Ein runder Mond leuchtet schon über das Burggelände, als sich drei besonders aufwendig mit Fetzenlumpen kostümierte und grell geschminkte Gestalten durch die dichten Besuchermassen entlang der Verkaufsstände des Mittelaltermarktes mit seltsamen Stäben den Weg bahnen. Hexen gehen nicht, sie schreiten – und haben dabei durchaus etwas Geisterhaftes. Doch das muss man Mandy aus Düren, Miriam aus Nideggen und Chantal aus Mechernich natürlich nicht erst sagen. Sie sind drei Hexen auf Profi-Niveau.
Um Mitternacht haben die Hexen ihren großen Auftritt
„Wir waren seit heute Morgen in der Maske, mit dem Anlegen des Kostüms dauerte das dann bis zum Mittag“, meint Mandy. Chantal nickt. Das Trio hat keine Hexennamen, denn sie seien wie Oberhexe Rike „Nachthexen“, und die seien im Gegensatz zu den „Taghexen“ namenlos. Um Mitternacht werden die vier ihren großen Auftritt haben.

Um Mitternacht wurde das große Walpurgisnachtfeuer entzündet. Die Satzveyer Burghexen murmelten ein „Abrakadabra“, den Rest besorgte ein pyrotechnisches Fachunternehmen.
Copyright: Stefan Lieser

Michael Jansen aus Zülpich hatte dagegen den heißen Badezuber aufgestellt. Den biete er seit 30 Jahren auf Mittelaltermärkten an.
Copyright: Stefan Lieser
Bis dahin ist noch Zeit, auch für Julius aus Bonn, der ganz in Schwarz – was an diesem Abend vor der Walpurgisnacht unter den geschätzt rund 4500 Besuchern fast der Normalfall ist – als Renaissance-Pestdoktor unterwegs ist, wie man ihn aus dem venezianischen Karneval noch heute kennt. Das sei schlicht die Rolle, die seinem Larp-Dasein am ehesten entspreche, meint Julius etwas gequetscht klingend unter der voluminösen Schnabelmaske.
Die Larp-Szene (Live Action Role Play) in Deutschland hat geschätzt 25.000 bis 60.000 aktive Spieler, die in improvisierten Rollenspielen in fiktive Charaktere schlüpfen. Man trifft sich wie auch zur Walpurgisnacht auf Burg Satzvey zum Tanz in den Mai, der allerdings nichts mit bunten Maibäumen, Tanzmusik und Heiterkeit zu tun hat. Diesen traditionellen Tanz in den Mai feiert Satzveys Jugend außerhalb des Burggeländes auf dem Dorfplatz für sich.
Auch ein Schaulaufen für die Larp-Community
Bei den Gästen aus einem Umkreis von mehr als 100 Kilometern, die schon am frühen Abend alle Parkplätze vor dem Ortseingang mit ihren Autos gefüllt haben, ist es auch ein Schaulaufen der Larp-Community und nicht nur Geselligkeit.
Die beiden Hexen „Franzi“ und „Hexi“ aus Heinsberg jedenfalls finden an der unheilvollen Erscheinung des Pestdoktors Gefallen. Sie seien die dunkle und die helle Seite des Hexenwesens, meinen die beiden Frauen im Fantasy-Outlook mit ihren Zauberstäben. Und Julius, der Schwarze, ist ein Gleichgesinnter. Er finde als Pestdoktor seine dunklen Seiten wieder, zumal er auch im Sommer am liebsten Schwarz trage, gibt er zu.

Julius aus Bonn übte als Pestdoktor auf die beiden Taghexen Franzi (links) und Hexi aus Heinsberg eine gewisse Anziehungskraft aus.
Copyright: Stefan Lieser
Für Patricia Gräfin Beissel ist auch dieses Trio Beweis dafür, dass ihr besonderes Mainacht-Konzept aufgeht. „Wir wollen einfach eine Plattform anbieten, auf der alle so sein können, wie sie gerne sind“, vertritt die Veranstalterin des Treibens das tolerante und auch queere Larper-Selbstverständnis. Rund 60 eigene Mitarbeiter und die eines Security-Dienstleisters sorgen wie bei allen Großveranstaltungen der Patricia Gräfin Beissel GmbH dafür, dass alles sicher und organisiert stattfinden kann: vom Parkplatzdienst bis zur Müllbeseitigung.
Wir wollen einfach eine Plattform anbieten, auf der alle so sein können, wie sie gerne sind.
„35.000 von 45.000 Quadratmetern Burggelände werden dabei heute und am 1. Mai bespielt“, so Veranstaltungsleiter Marc Schwarz. In Burghof, Gutshof und Bäckerhof finden sich Verpflegungsstände und Restaurants. Es schließen sich eine „Fressmeile“ und Kunsthandwerksstände an. Der Szenemarkt bietet zudem, was das Cosplay-Herz begehrt: Schmuck, Nippes aus Mythologie und Fantasy, Vorgartenfigürchen und natürlich die entsprechenden Gewandungen. Wenn spiritueller Beistand nötig ist, ist eine Kartenlegerin zur Stelle.
Weil es aber mit Beginn der Nacht merklich kühler wird, erfüllen drei Metal-Bands ihren Zweck beim Open-Air-Konzert auf der Bühne an den Wiesen jenseits der Burg.
2000-Liter-Badezuber für ein halbes Dutzend Badegäste
Im Hintergrund ist schon der große Grünschnitthaufen fürs Walpurgisnachtfeuer zu sehen. Das Areal ist mit dicken Seilen abgesperrt. Sandra („Ich bin die gute Hexe vom Fahrenden Volk“) und Jens aus Herten, der heute ein Voodoo-Priester unter dem Tierskelettschädel ist, sind auf dem Weg hierhin. Die Burg, die Atmosphäre, und „dass die Menschen hier alle so nett sind“, das gefalle ihm besonders, meint der Voodoo-Mann.
Das Paar freut sich auf „Voodoma“ mit Dark Rock und Metal, „Mystopera“ mit Folk-Metal, und als Headliner auf „Harpyie“ aus Bad Oeynhausen. Dazu abzutanzen – etwas Besseres gegen die aufziehende Kälte gibt es kaum.
Da kann Michael Jansen aus Zülpich nur schmunzeln. Denn er hat das offene Badezuber-Zelt aufgebaut. 2000 Liter heißes Wasser sind im Bottich mit Platz für ein halbes Dutzend Badegäste. Jansen bietet das Vergnügen seit mehr als 30 Jahren auf Mittelaltermärkten und auch zur Hexennacht auf Burg Satzvey an. Es sieht gerade nicht so aus, als ob die aktuelle Zuber-Belegschaft ohne Not den Premiumplatz im Warmen aufgeben will. Da hilft vermutlich auch das eigene Bier, das der „Badezuber-Michael“ anbietet.
Dann wird es von der Bühne aus kurz leise. „Aello die Windböe“, wie sich „Harpyie-Sänger“ Sebastian Kölbel nennt, weist auf die Uhrzeit hin: Es ist kurz vor Mitternacht. Mandy, Chantal, Miriam und Rieke, die Satzveyer Burghexen, walten vor der ungeduldigen Menge hinter den Trennseilen ihres magischen Amtes. Ein „Abrakadabra“ wird beschworen, den Rest besorgt eine Fachfirma für Pyrotechnik. Schnell lodert eine gewaltige Flamme aus dem großen Haufen auf. Die Trennseile werden abgesenkt. Jetzt strömen Hexen, Pestdoktoren und Schamanen hin zum Feuer und umringen es. Die Walpurgisnacht kann beginnen.
Am Maifeiertag ist dann der Hexenmarkt angesagt
Am Tag nach der Hexennacht auf Burg Satzvey ist von dem mitternächtlichen Spuk bis auf einen großen Haufen verkohlter Astreste auf der Wiese und der verwaisten Bühne kaum noch etwas zu sehen. Stattdessen treffen ab dem Mittag immer mehr Gruppen von Kindern ein, die konzentriert an Tischen der vielen Bierzeltgarnituren auf dem Burggelände Fragen beantworten: für ihr Hexendiplom.
Lena, neun Jahre alt, aus Siegburg weiß, welche Farbe der außen an der Taverna hängende Hexenhut hat: „Schwarz, Grün und Pink“, trägt sie auf dem Zettel ein. Auch Mateo, Emmilio, Anna und Jan aus Bonn sind an einem Nachbartisch dabei, kleine Rätsel der Schnitzeljagd auf dem Hexenmarkt-Areal zu lösen.

Emmy, (von links), Laura und Louisa sind mit ihren Eltern Sven und Julia Bender aus Waldbröl zum Hexenmarkt angereist. Das erste Ziel der Schwestern: die Fragen fürs Hexendiplom zu beantworten.
Copyright: Stefan Lieser
Emmy (9) und ihre Zwillingsschwestern Laura und Louisa (12) aus Waldbröl sind ebenfalls gerade kaum ansprechbar. „Das ist für die wahrscheinlich kein Problem“, meint Vater Sven Bender. Nicht für drei kleine Taghexen die die Geschwister gerade sind. Also nicht schwarz, sondern in hellen Pastelltönen kostümiert.
Sandra Lenzen aus Gemünd weiß, dass Eltern bei diesem Hexenmarkt, wenn schon nicht spendabel, dann aber doch nicht so ganz genau sind bei dem, was sie ihren Kindern gönnen wollen. Also hat sie auch das im Sortiment, das die drei jungen Taghexen Emmy, Laura und Louise haben sollten: Reisigbesen für den Hexenflug.
Auf der Zufahrt zu den Parkplätzen staut sich der Anreiseverkehr
Noch wichtiger aber ist, dass sie dem Trio auf Wunsch auch ein hexenmäßiges Make-up anbieten kann: „Das Kinderschminken geht immer. Sobald die Tore zum Burggelände geöffnet sind, habe ich hier eine Warteschlange“. An die 40 Kindergesichter pro Stunde schaffe sie dann schon, meint Sandra Lenzen nach mehr als 20 Jahren Erfahrung.
Und während sie noch den Schminktisch vorbereitet, sich auf der Zufahrt zu den großen Parkplätzen vor dem Ortseingang von Satzvey wie am Vortag erneut der Autoverkehr staut, hat Sabine Netthövel aus Brüggen am Niederrhein schon ihre erste Runde auf dem Hexenmarkt beendet. Sie stoppt, weil ihr ein knuffiger Stoffigel entgegengehalten wird, der sie anspricht. Das sei Winnifred, der Eifeligel, meint Wolfgang Weiß aus Viersen, der die Animation der Klappmaul-Puppe als Verkaufshilfe nutzt: „So bleiben die Leute stehen und kaufen vielleicht was bei mir“, sagt er.

Sandra Lenzen aus Gemünd verkaufte auf dem Hexenmarkt die passenden Fluggeräte: Reisigbesen.
Copyright: Stefan Lieser
Bei Sabine hat er gerade Pech, denn die durchschaut die Absicht sofort. Für eine „bekennende Hexe“, als die sie sich bezeichnet, ist das nichts Besonderes. Vor ungefähr 15 Jahren habe sie begonnen, sich mit dem Hexenwesen zu beschäftigen. Und zunehmend gemerkt: „Da ist was in mir, das angesprochen wird.“ Sie habe immer mehr von der besonderen Energie gespürt, die sie in sich trage. Es sei genauer gesagt eine besondere Sensibilität für Menschen, denen sie begegne, und für die Natur, die Welt.
Seitdem schaut Hexe Sabine aus Brüggen auch genauer hin, wie sie fühlt: „Heute bin ich gut gelaunt“, sagt sie lächelnd. Es komme eben auch immer auf das Gegenüber an, und weist auf den netten kleinen Stoffigel. Sabine sieht auf den ersten Blick ganz normal aus. Kein zotteliges Fetzenkostüm, keine schrundige Gesichtsmaske, und der Zauberstab ist auch nicht da. Aber das kann eben täuschen. Im Burghof von Burg Satzvey weiß man, dass Schein und Sein nicht deckungsgleich sein müssen: „Vorsicht! Manche Hexen und Zauberer sehen aus wie ganz normale Menschen“, steht daher auf einem großen Schild geschrieben.
