Abo

Katastrophenschutz-ÜbungVerpuffung im Chemieraum fordert 250 Einsatzkräfte in Mechernich

5 min
Im Nebel hat ein Feuerwehrmann eine Verletzten gefunden und bringt sie in Sicherheit.

In den von der Nebelmaschine verrauchten Räumen des Gymnasiums waren die Verletztendarsteller platziert. Sie wurden von den Feuerwehrleuten in Sicherheit gebracht.

Mit einem Massenanfall von Verletzten wurden die Einsatzkräfte aus dem Kreis Euskirchen bei der Übung im Gymnasium am Turmhof konfrontiert.

Aus einem Fenster im dritten Stock des GaT, des Gymnasiums am Turmhof in Mechernich, quoll dichter Rauch, eine junge Frau winkte und rief laut um Hilfe. Die ersten Einsatzkräfte der Feuerwehr Mechernich um Einsatzleiter Oliver Geschwind fuhren auf den Hof der Schule. Trotz der vermeintlichen Dramatik läuft alles sehr ruhig ab – kein Wunder: Alle Beteiligten wissen, dass es sich um eine Übung handelte.

Doch dabei hatten die Einsatzkräfte sich einem der herausforderndsten Szenario zu stellen: einem Massenanfall von Verletzten, kurz MANV. Nach einem Busunfall, einem Flugzeugabsturz, einem Brand in einem Krankenhaus oder Pflegeheim, dem Einsturz eines Schwimmbaddaches können viele Verletzte zu retten und zu behandeln sein. Oder eben, wie es auch immer wieder in der Realität vorkommt und in dieser Übung für die Rettungskräfte aus dem Kreis Euskirchen angenommen wurde, ein schiefgegangenes Experiment im Chemieunterricht.

Da bei derart komplexen Lagen auch sehr viele Einsatzkräfte verschiedener Organisationen arbeiten und zu koordinieren sind, werden diese regelmäßig geübt. 250 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, DRK, Maltesern und THW waren dieses Mal in Mechernich beteiligt.

Die Feuerzangenbowle wurde für die Übung in Mechernich Realität

„Das Szenario ist eine Verpuffung in einem Chemieraum des Gymnasiums, ein bisschen wie in dem Film Feuerzangenbowle“, informierte Martin Fehrmann, Leiter der Abteilung Gefahrenabwehr des Kreis. Die ganze Klasse und der Lehrer seien betroffen, viele Verletzte zu versorgen. Übungsziel sei jedoch nicht nur dies, sondern auch, die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Bereichen zu optimieren und Fehlerquellen auszuschalten.

„Als Katastrophenschutzbehörde sind wir natürlich bestrebt, solche Übungen durchzuführen“, sagte Fehrmann. Sie diene der zentralen Koordination der einzelnen Einheiten. Zur Versorgung der Verletzten rückt zunächst der Regelrettungsdienst aus. „Das sind die leuchtendroten Fahrzeuge“, erläuterte Fehrmann. Doch bei Einsätzen der Dimension wie in der Übung angenommen reichen die Kapazitäten nicht aus. Verstärkung bieten etwa die ehrenamtlich tätigen Kräfte von DRK und Maltesern. In das Szenario am Gymnasium war auch das THW eingebunden.

Ein Mann in orangefarbener Warnweste hockt in einem vernebelten Raum neben einem Jugendlichen.

Kunstblut verteilte Denis Weber an die jugendlichen Mimen.

Rettungswagen stehen bei einer Übung vor dem Mechernicher Gymnasium.

Zahlreiche Einsatzfahrzeuge waren rund ums Gymnasium gruppiert.

Vier Feuerwehrleute stehen nebeneinander.

Die Verantwortlichen um Einsatzleiter Oliver Geschwind (l.) besprechen sich.

Bei einer Übung werden Verletztendarsteller von Mitarbeitern des Rettungsdienstes untersucht.

Sanitäter und Notärzte versorgten die „Verletzten“.

Um das Szenario realistisch aussehen zu lassen, hatten die Verantwortlichen nicht nur jede Menge Körperdummys in den betroffenen Räumen verteilen lassen, sondern auch rund 20 Mimen von Jugendrotkreuz und Jugendfeuerwehr in den dichten Rauch gesetzt, den die Nebelmaschine im dritten Stock produzierte. Mit Heulen, Jammern, Husten und Stöhnen taten Jugendlichen alles, um die Einsatzkräfte auch ein wenig unter Stress zu setzen und ein realistisches Umfeld zu schaffen.

Till Voss, Nathalie Schwade, Cornelia Voss, Denis Weber und Anna-Lena Schmitz hatten die Mimen geschminkt und mit jeder Menge Kunstblut versehen. „Passt auf, dass ihr mit dem Blut nicht an Tische oder Wände kommt“, gab Weber den Mimen mit auf den Weg. „Das könnte sonst auf einer weißen Wand einen rosa Schatten hinterlassen“, erläuterte Schwade.

Feuerwehrleute brachten die „Verletzten“ in Sicherheit

Während ein Feuerwehrmann von der Drehleiter aus das Mädchen am Fenster beruhigte und gleichzeitig einen Blick in den Raum warf, machten sich weitere Feuerwehrleute unter Atemschutz auf den Weg in den dritten Stock, von wo sie nach und nach die Verletzten durch das nicht verrauchte Treppenhaus aus dem Gebäude brachten und auf dem Schulhof dem Rettungsdienst und den Notärzten übergaben. Hier wurden sie nach der Schwere ihrer Verletzungen in verschiedene Gruppen eingeteilt, die je nach Priorität in Krankenhäuser gebracht wurden.

Auf dem Schulhof wartete Michelle hustend darauf, dass sich ein Notarzt ihrer annimmt. „Ich bin bereits zum zweiten Mal als Mime bei so einer Übung“, sagte sie. Bei der Premiere sei sie noch bei der Jugendfeuerwehr gewesen, doch jetzt sei sie über die Koordinierungsgruppe Krisenstab des Kreises gekommen, um die operative Ebene kennenzulernen und habe deshalb als Mimin ausgeholfen. Es mache viel Spaß, das zu machen. „Zum Beispiel einen Kollaps simulieren und gucken, was die Leute machen“, verriet sie augenzwinkernd. Für diese Übung hätten sie sogar noch weitere Mimen brauchen können.

Nicht alle Verletzten können gleichzeitig in die gleiche Klinik

Zügig bewerkstelligte die Feuerwehr Mechernich die Rettung der Verletzten aus dem betroffenen Bereich, die dann auf einem Schulhof versammelt und in verschiedene Betroffenheitsgrade eingeteilt wurden. Die Einordnung erfolgt mittels einer Farbskala, die von rot, das für Lebensgefahr steht, bis zu grün reicht, das für weniger dringende Fälle steht. „Wenn alle Verletzten ins gleiche Krankenhaus gebracht würden, hätten wir dort keine Versorgungskapazität mehr“, begründete Fehrmann, warum einige der Verletzten bei einer Manv-Lage erst einmal vor Ort bleiben.

Eben diese Pufferung sei der Sinn der sogenannten Patientenablagen und Behandlungsplätze, in der die Notärzte und Rettungsdienst-Mitarbeiter arbeiten. Im Hintergrund sei zeitgleich die Crew in der Leitstelle aktiv: Sie frage die freien Krankenhausbetten in den Nachbarkreisen ab, damit die Patienten von der Einsatzstelle sinnvoll verteilt werden können.

Nach der Übung wird an aufgetretenen Problemen gearbeitet

Bei einem realen Einsatz gilt es nicht nur, die Einsatzstelle im Blick zu halten, sondern auch Bereitstellungsplätze sowie An- und Abfahrtwege zu organisieren. In diesem Fall hätte die aktuelle Baustelle auf der Feytalstraße eine Herausforderung dargestellt, weil dadurch nach Mechernich im Prinzip nur der Zugang über die Bruchgasse möglich sei. „Bei einem echten Einsatz hätten wir wahrscheinlich die Bruchgasse gesperrt“, so Fehrmann. In der Übung habe es ausgereicht, die „Verletzten“ durch den Haupteingang zum Nyonsplatz zu bringen.

Rundum zufrieden mit dem Ablauf der Übung zeigte sich Einsatzleiter Geschwind. „Für den bestellten Einsatzleiter einer kommunalen Feuerwehr gibt es nur selten die Gelegenheit, so ein Szenario zu üben“, sagte er. Die Leistung der Mechernicher Feuerwehrleute, die die „Verletzten“ schnell aus dem Gebäude brachten, sei toll gewesen, vor allem, da die Einsatzkräfte bereits bei der Übung am Vortag am Kreiskrankenhaus gefordert gewesen seien. Aber auch die Abstimmung mit dem Rettungsdienst aber sehr gut funktioniert. „Es gab etwas Probleme bei der Abstimmung mit den Funkstrecken, aber das werden wir abstellen.“

Klar ist: Nach der Übung ist vor der Übung. Zweimal im Jahr führt der Kreis eine derart groß dimensionierte Übung durch. Jedoch musste sie in diesem Frühjahr abgebrochen werden. Im Schmidtheimer Wald sollte für Waldbrände geübt werden, doch ein Gewitter hatte den Aufenthalt im Wald für die Einsatzkräfte zu gefährlich gemacht.