Die Mechernicher Silvesterwanderung ist für viele ein Ritual wie das Glas Sekt um Mitternacht. Das Team des Bergbaumuseums organisiert den gemeinsamen Spaziergang.
TraditionSilvesterwanderung führt durchs Mechernicher Bergschadensgebiet

In langer Schlange durch den Wald: Mehr als 300 Leute nahmen an den geführten Wanderungen des Bergwerksmuseums teil.
Copyright: Stephan Everling
Was gibt es nicht alles für Silvesterrituale: Punsch, ein Glas Sekt zum Jahreswechsel und natürlich das unvermeidliche „Dinner for One“, das inzwischen in allen nur denkbaren Dialekten über die Regionalsender flimmert. In Mechernich allerdings muss man nicht lange überlegen, wie man das alte Jahr verabschiedet – hier gehört die Silvesterwanderung im Gebiet des ehemaligen Bleibergwerks für viele längst fest zum Jahresende.
Auch diesmal machten sich wieder zahlreiche Wanderfreunde auf den Weg durch das Bergschadensgebiet auf dem Bleiberg – 305 Teilnehmer waren es allein bei den geführten Touren, die das Bergbaumuseum seit vielen Jahren anbietet. Hinzu kamen noch etliche Gruppen, die sich auf eigene Faust auf die Strecke begeben – das „Mechernicher Dinner for One“ sozusagen.

Einer der Anlaufpunkte und immer wieder ein beliebtes Fotomotiv ist der Stumpf des „Langen Emils“ – der ehemalige Schornstein des Bergwerks.
Copyright: Stephan Everling
„Wir gehen jedes Jahr – bestimmt schon seit über 50 Jahren“, erzählt Dirk Klein, der mit seiner Frau und seiner Schwester am Baltesbendener Weiher eine Pause einlegt, um die Eisschicht zu prüfen. „Die ist eher was fürs Eisbaden als fürs Schlittschuhlaufen“, meint er schmunzelnd. Klein kennt das Gebiet seit seiner Kindheit – sein Vater war Bergmann im Mechernicher Werk. „Ich habe hier immer im weißen Sand gespielt“, sagt er – ein kleiner Seitenhieb in Richtung der anhaltenden Diskussion um Blei in den Böden und mögliche Gesundheitsgefahren.
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Das Team vom Bergwerksmuseum wartete mit Glühwein: Günter Nießen (v.l.), Anita Reitz, Doris Beckel, Mathilde Conrads, Kati Box und Inge Nießen.
Copyright: Stephan Everling
Der Baltesbendener Weiher, einst künstlich angelegt als Wasserspeicher für den Bergbau, ist eine der traditionellen Stationen der geführten Wanderungen – ebenso wie der legendäre „Lange Emil“. Von ihm ist heute nicht mehr viel übrig, nachdem Pioniere des Bundesgrenzschutzes ihn im Oktober 1961 im zweiten Versuch erfolgreich gesprengt hatten. Beim ersten Versuch hatte der 134,6 Meter hohe Schornstein, seinerzeit der größte Europas, der Sprengung noch erstaunlich standgehalten. Erst mit der fast zehnfachen Sprengstoffmenge fiel er schließlich.
Den Spitznamen „Langer Emil“ verdankt der Schornstein übrigens Bergrat Emil Kreuser, einem über zwei Meter großen Mann. Sein Bruder Carl – Mitglied des Verwaltungsrats des Mechernicher Bergwerks-Actien-Vereins sowie Stifter des Altenheims und Waisenhauses – stand Pate für den kleineren, 86 Meter hohen Schornstein. Diese Anekdoten werden bei jeder Wanderung erzählt – und sie kommen immer wieder gut an, besonders bei Neulingen.
Viele Wanderer sind jedes Jahr dabei
Zu ihnen gehört in diesem Jahr auch Bürgermeister Michael Fingel, der erstmals an der Silvesterwanderung teilnimmt. „Es ist faszinierend, die Facetten der Mechernicher Geschichte so unmittelbar erleben zu dürfen“, sagt er. Das Museum habe er zwar bereits besucht, doch die Wanderung durchs ehemalige Abbaugebiet sei neu für ihn. Er entscheidet sich für die kürzere Route – auch, um anschließend an der Grillhütte mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
Zum zweiten Mal dabei ist Steven Koenig aus Bad Münstereifel. „Das hat im letzten Jahr so viel Spaß gemacht, dass wir beschlossen haben, daraus eine Tradition zu machen“, erzählt er. Früher habe er in Mechernich gewohnt, daher kenne er das Gelände gut. „Mit dem Frost haben wir dieses Jahr Glück – im letzten Jahr war es doch recht matschig.“ Auch Ur-Mechernicher, wie sie sich selbst nennen, nutzen das gute Wetter für ihre erste Teilnahme. „Ich wollte das schon lange mal machen, aber bisher musste ich immer an Silvester arbeiten“, sagt eine Frau, die mit Schwester und Bekannter unterwegs ist.
Wir treffen hier immer alte Bekannte, wenn die Tour an der Grillhütte ausklingt
Andere wiederum gehen mit, obwohl sie die Geschichte des Mechernicher Bergbaus in- und auswendig kennen. „Wir treffen hier immer alte Bekannte, wenn die Tour an der Grillhütte ausklingt“, erzählt eine Teilnehmerin. Die Führungen übernehmen Ralf Ernst, Willi Stoboy, Joshua Dickmeis, Toni Reitz, Rolf Siegert, Johannes Trimborn und Jakob Trimborn. Die Wanderer können zwischen einer etwa fünf Kilometer langen Kurzstrecke und einer rund elf Kilometer langen Tour wählen.
In der Holzhütte hinter dem Bergbaumuseum erwartet die Rückkehrer eine Stärkung. Einige Gruppen verzichten sogar ganz auf die Wanderung und konzentrieren sich gleich auf den gemütlichen Teil. „Die kommen jedes Jahr – diesmal waren sie schon kurz nach neun Uhr da“, berichtet Doris Beckel lachend. Sie sorgt mit Anita Reitz, Mathilde Conrads, Kati Box und Inge Nießen für das leibliche Wohl.
Günter Nießen, Vorsitzender des Fördervereins des Museums, blickt optimistisch in die Zukunft: „Wir haben jetzt elf Grubenführer, darunter mehrere junge, die in die Instandhaltung eingearbeitet werden.“ Für die Grubenpflege sei weiterhin Toni Reitz verantwortlich. Mit der Besucherzahl sei man sehr zufrieden – immer wieder entschieden sich auch Fernsehteams für Dreharbeiten unter Tage.
Demnächst solle eine Hunderettungsstaffel dort trainieren, ohne den Besucherverkehr zu beeinträchtigen. „Solche Termine legen wir auf Montage, wenn das Bergwerk ohnehin geschlossen ist“, erklärte Nießen. Auch in diesem Jahr sollen wieder Sonderführungen für Hobbyfotografen angeboten werden, die das faszinierende Ambiente der Grube in Ruhe festhalten möchten.

