In einem Bürgerworkshop wurden Ideen für Entwicklung Schleidens gesammelt. Bürgermeister Ingo Pfennings musste Kritik einstecken.
FlutkatastropheVielen geht der Wiederaufbau in Gemünd zu langsam

Rund 100 Teilnehmer beteiligten sich an dem Workshop in der Grundschule in Gemünd.
Copyright: Stephan Everling
Es ist ein weiterer Baustein im steten Bemühen der Schleidener Verwaltung, das in der Flutkatastrophe 2021 schwer getroffene Gemünd wiederzubeleben: das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (Isek). Keine einfache Aufgabe, wie sich in den vergangenen bald fünf Jahren gezeigt hat. Und so machten auch die Anwohner beim Workshop zur Innenstadtentwicklung in Gemünd ihrem Frust Luft.
Doch genauso gibt es Anlass zur Hoffnung, wie in der Veranstaltung, die auf reges Interesse stieß, deutlich wurde. Rund 100 Teilnehmer waren in die Grundschule gekommen, um über die Zukunft des Städtchens zu beraten. An manchen Ecken hakt es in Gemünd beim Wiederaufbau. So reicht es, das Wort „Brücke“ in eine Diskussion zu werfen, um erregte Emotionen erleben zu können.

Noch unverändert seit der Flut ist das Hotel-Restaurant Friedrichs.
Copyright: Stephan Everling

Seit vielen Jahren steht der Gemünder Hof am Kreisverkehr Aachener Straße/Dürener Straße leer.
Copyright: Stephan Everling
Denn nicht nur die Straßenbrücke am Plan wird in den nächsten Jahre ein Nadelöhr sein. Ebenso ersehnen sich die Menschen in Müsgesauel und der Danziger Straße Ersatz für ihren in der Flutnacht zerstörten Übergang über die Olef. Dazu gibt es in Gemünd mehrere prägnante Immobilien in Privathand, die noch deutlich die Spuren des Hochwassers tragen.
Das mit dem Isek erfasste Gebiet erstrecke sich zwar über den kompletten Bereich von Gemünd, allerdings sei es schwer, daraus Einzelmaßnahmen zu entwickeln, was aber für einen Antrag notwendig sei, führte Bürgermeister Ingo Pfennings aus. Deshalb seien mit den Bereichen am Gemünder Hof, der Schleidener Straße bis zur Ampel, der Achse vom Eifel-Ardennen-Platz bis zum Gelände des ehemaligen Katharinenhofes sowie dem Kurpark unterhalb der Jugendherberge vier Schwerpunkte definiert worden, sagte er.
Pfennings musste sich dann dem Frust einiger Gemünder Bürger stellen. „Wofür steht der Ort, wo soll der Ort hin, welche Zielgruppe wollen wir erreichen?“, monierte eine Frau das Fehlen eines Generalthemas für den Ort. Sie sehe nur Puzzlesteine.
Die Stadt muss 1312 Baumaßnahmen abarbeiten
Ein anderer kritisierte den langsamen Fortschritt des Wiederaufbaus: „Obwohl ich grundsätzlich in unserer Stadt optimistisch bin, habe ich die Befürchtung, dass wir sagen, jetzt haben wir wieder neue Ideen. Und bis wir das abgearbeitet haben, sind wir alle mausetot.“ Der ein oder andere Hoffnungsschimmer sei notwendig, damit es keine Hoffnungslosigkeit gebe. Das rief eine heftige Reaktion bei Pfennings hervor.
Bereits bei seiner Begrüßung hatte er das Volumen der Wiederaufbauhilfe von rund 227 Millionen Euro mit 466 Einzelmaßnahmen genannt, von denen bereits 53 Millionen Euro ausgegeben und 200 Maßnahmen begonnen seien. Mit allen anderen Projekten und anstehenden Sanierungen belaufe sich die Zahl der von der Stadt abzuarbeitenden Baumaßnahmen auf 1312.
Ihr macht, was ihr nicht haben wollt. Was ihr macht, ist depressive Grundstimmung.
Jetzt legte er nach. „Ihr macht, was ihr nicht haben wollt. Was ihr macht, ist depressive Grundstimmung“, sagte er. Er höre in der letzten Zeit viele Klagen aus Gemünd: Es gebe kein Geld, keiner engagiere sich für seinen Ort. „Habt ihr mal geschaut, wie viel Wiederaufbaumittel nach Gemünd gegangen sind, was die Verwaltung für Arbeitskraft nach Gemünd pumpt?“, sagte er.
Das Problem sei aber, dass die Stadt Schleiden aus 18 Ortschaften bestehe, die auch ein Anrecht darauf hätten, dass sich bei ihnen etwas tue. Auch brauche es mehr Beteiligung aus dem Ort. „Wir können die Dreiborner Straße nicht aus eigener Kraft retten“, mahnte er. Es sei zum Beispiel nicht gelungen, einen neuen Gewerbeverein zu installieren, nachdem sich der alte aufgelöst habe. Und zwar, da keiner mitarbeiten wollte.
In Bad Münsereifel hat das Outlet aufgebaut
Es gebe in Gemünd viele engagierte Menschen, aber ebenfalls viele, die nach Bad Münstereifel schauten, wo schon alles fertig sei. Das habe aber nicht die Stadt gemacht, sondern das Outlet. „Wir brauchen Erfolgserlebnisse, aber wir können sie nicht vom Himmel zaubern“, sagte Pfennings. Ein Beispiel sei die Brücke auf der Dreiborner Straße, führte er aus, bei der ursprünglich eine acht Wochen dauernde Sanierung geplant gewesen sei, die aber bereits anderthalb Jahre gesperrt sei.
Da dürfe der Abriss in den Änderungsantrag für den Wiederaufbauplan geschrieben werden, der im Juni verabschiedet werde, dann aber drei Monate bei der Bezirksregierung und drei Monate im Ministerium geprüft werde. „Wir verlieren sieben Monate, in denen nichts passiert, weil das förderschädlich wäre, und müssen der Bevölkerung erklären, dass wir nichts dafür können. Es ist einfach so“, schilderte er.

Der Zehnthof in Gemünd und rechts daneben das jetzt unbebaute Grundstück, auf dem bis zur Flut die Bäckerei Poth stand, sollen demnächst zum Leben erweckt werden.
Copyright: Stephan Everling
Den erhofften Hoffnungsschimmer aber gab es auch an diesem Abend. Denn der Schleidener Arzt Albert Halling gab bekannt, dass er zwei Grundstücke in exponierter Lage erworben habe, und beabsichtige, dort demnächst zu bauen. „Es handelt sich um den Zehnthof und das Grundstück, auf dem die Bäckerei Poth stand“, sagte er.
Während das denkmalgeschützte Haus, in dem einst der Maler Paul Cremer sein Atelier hatte, saniert werden solle, wolle er die Stallungen, die in dem Hof stehen, abreißen lassen, um dort Wohnungen zu errichten, beschrieb er seine Pläne. Auf dem Grundstück der Bäckerei Poth wolle er ein Gebäude mit Wohnungen errichten, in dem im Erdgeschoss auch ein Café betrieben werden solle.
Kevin Gniosdorz von der plus Regio GmbH führte durch den Workshop. Darin sollten die Gemünder Stärken und Schwächen der Stadt in den Bereichen Freizeit und soziales Zusammenleben, Tourismus und Ortsprofil, Verkehr und Mobilität, Ortsmitte und öffentliche Räume sowie Klima und Umwelt benennen.
„Ich war begeistert, da sind richtig gute Ideen genannt worden“, so Pfennings im Gespräch am Tag nach dem Workshop. Gemünd sei ein besonders lebenswerter Ort, was schon dadurch deutlich werde, dass viele hier eine Wohnung oder ein Haus suchten. „Es ist schön, hier zu wohnen“, sagte er. Oder wie es ein Gemünder zusammenfasste: „Gemünd ist eine Ortslage, in der eigentlich alles ist, was man braucht.“
Das integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept
Das Integrierte städtebauliche Entwicklungskonzept (Isek) für Gemünd soll im Juni vom Rat verabschiedet und im September bei der Bezirksregierung Köln mit allen Plänen und Finanzierungskonzepten eingereicht werden, so Kevin Gniosdorz. Baubeginn könne im September 2027 sein. Für die im Rahmen des Isek eingereichten Vorhaben gebe es eine Förderquote von 60 Prozent. Maßnahmen, die im Wiederaufbauplan stünden, könnten nicht über die Städtebauförderung abgerechnet werden.

Viele Ideen notierten die Gemünder Bürger, die auch lebhaft miteinander diskutierten.
Copyright: Stephan Everling
Das Schwimmbad und die Turnhalle seien also nicht in dem Planbereich, da dafür ein Wiederaufbauantrag eingereicht worden sei. Der nächste Workshop, der für den 16. April, 17 Uhr, vorgesehen ist, soll online stattfinden. In Präsenz wird am 28. April, 17 Uhr, in der Grundschule Gemünd ein Jugendworkshop angeboten. Weitere Termine und Details über das Isek Gemünd sind auf der Internetseite der Stadt Schleiden abrufbar.


