Am 11. Mai verschwindet die elfjährige Claudia Ruf beim Gassigehen in Hemmerden. Zwei Tage später wird ihre teils verbrannte Leiche bei Euskirchen-Oberwichterich gefunden.
Cold Case in EuskirchenMord an elfjähriger Claudia Ruf ist auch nach 30 Jahren nicht geklärt

Der Mordfall Claudia Ruf ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Das Mädchen wurde in Hemmerden entführt und zwei Tage später, am 13. Mai 1996, von einem Spaziergänger an einem Feldweg bei Oberwichterich entdeckt.
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Es ist ein milder Maiabend im Jahr 1996, ein Tag vor Muttertag. In Hemmerden, einem kleinen Ort bei Grevenbroich, kehrt Ruhe ein. Kinder spielen noch auf den Straßen, irgendwo bellt ein Hund. Um kurz nach 18 Uhr verlässt die elfjährige Claudia Ruf ihr Elternhaus. An ihrer Seite: DJ, der kleine Mischlingshund des Nachbarn.
Sie will, wie so oft, eine Runde mit ihm drehen. Es ist der letzte Spaziergang ihres Lebens. Eine Stunde später taucht DJ wieder auf – nass, verängstigt, als wäre ihm etwas zugestoßen. Die elfjährige Claudia bleibt verschwunden.
Körper mit Benzin überschüttet
Noch in derselben Nacht beginnt eine Suche, wie es sie es in Hemmerden nie zuvor gegeben hat. Hunderte Freiwillige, Polizisten, Nachbarn, Freunde beteiligen sich an der Suchaktion. Dann, am 13. Mai, entdeckt ein Spaziergänger bei Oberwichterich, 60 Kilometer entfernt, auf einem Feldweg eine verbrannte Kinderleiche. Es ist Claudia Ruf.
Nach der Obduktion stand fest: Das Mädchen war missbraucht und erdrosselt worden. Die Leiche hatte der Täter auf einem Feld zwischen Oberwichterich und Niederelvenich mit Benzin übergossen und verbrannt. „Wir wissen, warum sie dort abgelegt worden ist“, sagt Reinhold Jordan, Leiter der Mordkommission Bonn. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ könne er dazu aber keine Angaben machen.
Ein Dorf im Ausnahmezustand
In Hemmerden steht die Zeit still. Und auch in Oberwichterich herrscht Fassungslosigkeit. „Der ganze Ort stand unter Schock“, erinnert sich ein Nachbar. „Man fragte sich: Wer tut so etwas? Und ist der Täter vielleicht einer von uns?“ Die Polizei richtet eine Sonderkommission ein. Auch, weil der Fundort nicht der Tatort ist. Der Täter hat Claudia an einen anderen Ort gebracht, vermutlich dort getötet. Die Hundeleine – mögliches Tatwerkzeug – bleibt bis heute verschwunden.
Die Beamten suchen nach allem, was einen Hinweis liefern könnte. Fotos werden veröffentlicht, eine Schaufensterpuppe trägt Claudias Kleidung. Polizisten klingeln an Türen, bitten um Hinweise. Hunderte Meldungen gehen ein, doch keine führt zum Täter. Die Fallakte wächst und wächst. Zum ersten Mal wird von der Polizei eine Webseite zu einem Fall angelegt.
Im Juli 1997 wird der Fall bei der Fernsehsendung „Aktenzeichen xy… ungelöst“ vorgestellt. Es gibt weitere Hinweise. In den vergangenen 30 Jahren sind nach Angaben der Polizei 150 Aktenordner mit mehr als 140.000 Seiten zusammengekommen. Und dennoch: Die Spur wird im Laufe des Jahres kalt. Ein „Cold Case“, der keine Ermittlungsansätze mehr bietet.
Die Spur der Geduld
Und doch gehen die Ermittlungen weiter. „Über die Jahre haben wir immer versucht, die Spurenlage weiter zu verbessern. Dies ist uns dann auch schließlich 2008 gelungen, indem wir erstmals tatrelevante DNA am Körper von Claudia gefunden haben“, sagt der Leiter der Bonner Mordkommission, Reinhold Jordan. Auch damals sind die Ermittler elektrisiert. 350 Personen, deren Namen in den Akten auftauchen, werden zur Speichelprobe gebeten.
Aber es gibt keinen Treffer. Neun Jahre später werden über einen DNA-Reihenuntersuchungsbeschluss noch mal alle Personen, die im Großraum Euskirchen und Grevenbroich wohnten und die als Sexualstraftäter in Erscheinung getreten sind, überprüft. Es geht um 120 Personen, die eine Speichelprobe abgeben, doch auch diese Untersuchung verläuft negativ.

Der Mord an der elfjährigen Claudia Ruf ist auch 30 Jahre nach der Tat nicht geklärt.
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Am 13. Mai 1996 entdeckte ein Spaziergänger bei Oberwichterich die Leiche der elfjährigen Claudia Ruf. Das Mädchen war zwei Tage zuvor in Hemmerden bei Grevenbroich entführt worden.
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Auch ein Polizeihubschrauber ist nach der Tat im Einsatz.
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Dann, 2021, kommt Bewegung in den Fall. Eine Änderung der Strafprozessordnung ermöglicht erstmals den Abgleich von DNA-Daten auch auf genetische Verwandtschaftsverhältnisse – bis zum dritten Grad. Das bedeutet: Selbst wenn der Täter selbst keine Probe abgibt, könnten seine Angehörigen noch einen Hinweis liefern. „Das war ein Wendepunkt“, sagt Andreas Müller vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen: „Wir konnten alte Fälle neu denken. Auch der Mord an Claudia Ruf bekommt eine zweite Chance.“
Müller ist kein Mann der großen Worte. Er spricht von Wahrscheinlichkeiten, von Methodik, von neuen Chancen. Er ist einer der Polizisten, die damals auf dem Feld bei Oberwichterich gestanden haben. Aber wenn er heute über den Fall spricht, sagt er: „Man muss Abstand halten, sonst verliert man den Blick für das Wesentliche.“
Man hat gespürt, dass dieser Ort das Kind nie vergessen hat.
Das LKA startet eine großangelegte Reihenuntersuchung: 1900 Männer, die 1996 zwischen 14 und 70 Jahre alt waren und einen Bezug zu Hemmerden hatten, werden eingeladen, freiwillig eine Speichelprobe abzugeben.
Rund 1300 Männer folgen dem Aufruf. „Es war beeindruckend“, sagt Reinhold Jordan, Leiter der Bonner Mordkommission: „Man hat gespürt, dass dieser Ort das Kind nie vergessen hat.“ Wieder bleibt ein Treffer aus, obwohl die Beamten auch Spuren quer durch Europa verfolgen – doch die Ermittler bleiben zuversichtlich. „Es ist kein Sprint“, sagt Jordan: „Solche Verfahren dauern. Aber die neuen Methoden geben uns Hoffnung.“
Die Wissenschaft zieht nach
Die Ermittlungsarbeit hat sich verändert. Polaroids werden durch 3D-Scanner ersetzt, Tatorte werden digital vermessen, Datenbanken wachsen. „Wir nehmen heute viel präziser Spuren“, sagt Robert Scholten von der Polizei Bonn: „Damals reichte ein Foto. Heute machen wir lieber zehn mehr.“
Während die Ermittler 1996 noch mit Polaroidkameras arbeiten, dokumentieren sie Tatorte heute mit Smartphones, 3D-Scannern und Laservermessung. „Die digitale Tatortvermessung hilft uns, die Szenerie später virtuell zu rekonstruieren. Das ist entscheidend, wenn ein Fall Jahre später wieder aufgerollt wird“, so Scholten.
Inzwischen kümmern sich spezialisierte Cold-Case-Einheiten darum, alte Asservate mit neuer Technik auszuwerten. Nicht selten arbeiten dort pensionierte Ermittler – Menschen, die die Geduld und Erfahrung mitbringen, jahrzehntealte Fälle noch einmal anzusehen. Scholten ist ebenfalls von Beginn an in den Fall Claudia Ruf involviert. Erst als Polizist, dann als Pressesprecher der Bonner Polizei – und mittlerweile als Operativer Fallermittler beim LKA.
In den Archiven der Cold Case-Einheit des LKA Düsseldorf liegen mehr als 1100 ungeklärte Tötungsdelikte. 170 davon konnten bereits neu bewertet werden – dank DNA-Technik, die Dinge sichtbar macht, die Jahrzehnte lang verborgen blieben. Für Müller und seine Kollegen ist das kein Krimi, sondern Wissenschaft. Und doch, wenn er über Claudia Ruf spricht, senkt sich seine Stimme. „Mord verjährt nicht“, sagt er: „Und wenn wir heute Fälle aufklären, die vor dreißig Jahren niemand lösen konnte – dann hat sich jeder Tag Arbeit gelohnt.“
Der aktuelle Stand
Auch viele Jahre nach dem Mordfall Claudia Ruf laufen die Ermittlungen weiter – konkrete neue Hinweise gibt es derzeit jedoch nicht. Das teilte die Bonner Polizei auf Anfrage dieser Zeitung mit. Nach Angaben der Ermittler sind die derzeit priorisierten Spuren inzwischen weitgehend abgearbeitet worden. „Leider war darunter kein DNA-Treffer“, erklärte Polizeisprecher und Kriminalhauptkommissar Simon Rott. Einige wenige Rückmeldungen stünden noch aus, darunter Ergebnisse zu Spuren im Ausland.
Aktuell gebe es aus den bekannten Spuren heraus keine „heiße Spur“, der gezielt nachgegangen werden könne. Dennoch steht die Polizei im Austausch mit anderen Ermittlungsstellen. So prüfen die Beamten beispielsweise, ob sich aus Kontakten mit den Ermittlern in Düsseldorf – im Zusammenhang mit dem Fall Deborah Sassen – mögliche Ansatzpunkte ergeben könnten. Neue Erkenntnisse gebe es allerdings nicht.
Trotz der schwierigen Ermittlungsphase bleibt die Polizei zuversichtlich, dass der Fall eines Tages aufgeklärt werden kann. Als Grund verweisen die Ermittler auf mehrere Cold-Case-Fälle der vergangenen Jahre, die nach langer Zeit doch noch gelöst wurden. „Es gibt allen Grund, weiterhin optimistisch zu bleiben. Geduld ist gefragt“, sagt Simon Rott von der Bonner Polizei.
Die zuständige Cold-Case-Gruppe bearbeitet mehrere ungeklärte Verbrechen parallel. Dabei komme es immer wieder zu Phasen, in denen sich zunächst keine neuen Ermittlungsansätze ergeben. Eine solche Situation sehen die Ermittler derzeit auch im Fall Claudia Ruf. Dennoch werde jede neue Entwicklung geprüft. Eine erneute Massen-DNA-Analyse sei nach aktuellem Stand nicht geplant. Die Ermittlungen konzentrieren sich weiterhin auf die vorhandenen Spurenkomplexe.
Die Redakteure erinnern sich an den Fall Claudia Ruf
Den Redakteuren der Kölnischen Rundschau und des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in Euskirchen sind die Geschehnisse vom 13. Mai 1996, der Tag, als die ermordete Claudia Ruf bei Oberwichterich gefunden wurde, noch sehr präsent.
Bernd Zimmermann
Ich war damals durch Zufall an eine spannende Geschichte gekommen. Ein Wohnungsloser hatte einen Streifenwagen gestohlen und damit eine Spritztour unternommen. Die Beamten hatten davon nichts mitbekommen und erfuhren von mir von dem Fall. Plötzlich hieß es, dass eine Kinderleiche bei Oberwichterich entdeckt worden sei. Da bin ich sofort dahin. Wir haben die Szenerie aus recht großer Entfernung beobachtet.
Bis dato hatte ich von dem Entführungsfall in Hemmerden noch gar nichts mitbekommen. Irgendwann ist mir dann eingefallen, dass es am Tag des Verschwindens auf der A1 bei Euskirchen einen größeren Unfall gab. Mit gesperrter Autobahn. Vielleicht ist der Täter ja von dem Blaulicht aufgeschreckt worden und hat die Autobahn deshalb verlassen.
Reiner Züll
Der 13. Mai 1996 war ein Montagnachmittag, an den ich mich auch nach so langer Zeit noch erinnere, als sei es gestern gewesen. Als Polizeireporter war ich an diesem Nachmittag einer der ersten im Feld bei Oberwichterich gewesen, wo kurz zuvor die Leiche der ermordeten elfjährigen Claudia Ruf aufgefunden worden war. Das Bild der Beamten und des Streifenwagens, der im Getreidefeld neben dem ermordeten Mädchen stand, hat sich fest ins Gedächtnis eingebrannt.
Wir hatten in der Redaktion unmittelbar nach dem Auffinden der Leiche den Hinweis erhalten, dass im Feld bei Oberwichterich eine Kinderleiche aufgefunden worden sei. Für uns lag die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Kind um die seit Tagen vermisste Claudia Ruf aus Grevenbroich handeln könnte. Mit Vollgas ging es in Richtung Oberwichterich, wo bereits am Ortseingang Leute auf der Straße standen, die ebenfalls von dem Fund der Leiche erfahren hatten.
Bei der Ankunft an der Fundstelle waren Euskirchener Polizeibeamte gerade dabei, die Gegend um die Fundstelle mit Flatterband abzusperren. In Anbetracht der Tatsache, dass der unbekannte Täter die Kinderleiche, bei der er sich tatsächlich um die vermisste Claudia Ruf handelte, angezündet hatte, waren die Beamten ziemlich aufgebracht.
Und auch für mich als Vater eines achtjährigen Kindes war die Situation, die mir die Polizisten schilderten, unfassbar. Ebenso fassungslos wie seine Polizeibeamten war auch Euskirchens Polizeidirektor Karl-Heinz Kleimann, der ins Feld nach Oberwichterich geeilt war. Ich habe auch ihn heute noch vor Augen, als sei es gestern gewesen.
Thorsten Wirtz
Der Mordfall Claudia Ruf war das erste Kapitalverbrechen, das ich als junger Journalist und Mitglied einer Redaktion unmittelbar mitverfolgt habe. Als die Meldung über den Leichenfund bei Oberwichterich an einem späten Montagnachmittag eintraf, brach sofort hektische Betriebsamkeit in der Redaktion aus. Die Ausgabe wurde umgeplant, um auf der lokalen Titelseite Platz für den Bericht über die zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Leiche zu schaffen. Schockiert waren alle, als klar war, dass es sich um die Leiche eines Kindes handelte.
Damit Polizeireporter Bernd Zimmermann Zeit für die Recherche hatte, übernahm ich von ihm einige Routineaufgaben. Genauer kann ich mich an den Abend des Leichenfunds nicht mehr erinnern – gebannt verfolgte ich die News, die nach und nach von den Kollegen recherchiert wurden.
Aufgezeichnet von Tom Steinicke



