Riechen ist eine Hotline zu den Gefühlen, weiß Aroma-Expertin Astrid Günther. Mit Düften naturreiner Öle lässt sich die Lebensqualität verbessern.
MarienbornAstrid Günther schult Pflegekräfte in Zülpich im Einsatz von ätherischen Ölen

Wie ätherische Öle in Pflege und Betreuung eingesetzt werden und welche Wirkungen sie haben können, das erfuhren Mitarbeitende der Marienborn gGmbH in einem Tagesseminar, bei dem es viel zu erschnuppern gab.
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Ein blühender Fliederbusch, ein bestimmtes Parfüm, die Lieblingsspeise oder frisch gemähtes Gras im Sommer: Gerüche können im Bruchteil eines Augenblicks Gefühle heraufbeschwören und beeinflussen Handlungen, Stimmungen und Emotionen. „Riechen ist die Hotline zu den Gefühlen“, sagt Astrid Günther, ärztlich geprüfte Aroma-Expertin und absolut begeistert von den vielfachen Einsatzmöglichkeiten naturreiner ätherischer Öle.
In einem Raum der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marienborn sitzen neun Mitarbeitende an Tischen, acht Frauen und ein Mann. Sie alle lassen sich fortbilden in Sachen „Aromapflege“, einer sanften, ganzheitlichen Methode, durch die der Pflegealltag für Patienten und Mitarbeitende verbessert, die Gesundheit gefördert und Selbstheilung aktiviert werden kann.
Die Aromaexpertin hat 120 Duftstoffe im Gepäck
Vor Referentin Astrid Günther, die im Hauptberuf Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Euskirchen ist, stehen Holzkästen voller kleiner brauner Glasfläschchen. 120 Duftstoffe hat sie dabei, nur ein Bruchteil davon kommt während des Tages zum Einsatz. „Wir lernen heute wichtige Aromen für den Pflegealltag kennen, werden aber auch selber etwas zusammenstellen“, so die Expertin. Am Ende der Fortbildung sollen die Teilnehmenden das Raumspray „Gute Laune“, den Roll-on „Mut und Zuversicht“ sowie den Inhalierstift „Frischer Mut“ zusammengemixt haben. Und sie sollen eine Idee davon erhalten haben, wie man Zitrone, Orange, Zirbe oder Lavendel im Berufsalltag wirkungsvoll einsetzen kann. „Und zwar nicht alternativ, sondern immer komplementär, also ergänzend“, erklärt Astrid Günther.
Apropos Lavendel: „Um den kommt man nicht herum, er ist der Klassiker der Aromapflege“, so Günther. Jedoch gibt es nicht nur den einen, sondern verschiedene Lavendelsorten, die dann auch unterschiedlich riechen und wirken. Für die meisten Menschen sei der klassische Lavendel ein beruhigender Duft. Jedoch lässt sich nie vorhersagen, ob ein Aroma bei allen Menschen gleich wirkt.

Ärztlich geprüfte Aromaexpertin: Astrid Günther mit ihren ätherischen Ölen, von denen sie einige an diesem Tag vorstellt.
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Schnuppern und mixen: Hier entsteht gerade ein duftiger Inhalierstift mit Zitrone- und Zirbelkiefernöl.
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„Ätherische Öle transportieren Gefühle, deshalb ist immer auch Vorsicht geboten“, betont die Referentin und erzählt von einer Frau, die als Kind oftmals in einen Schrank gesperrt wurde. Darin hingen Lavendelsäckchen, um Kleidermotten abzuhalten. Der Geruch katapultierte sie unmittelbar zurück in diese beängstigende Situation. „Also nur, weil etwas gut riecht, heißt es nicht, dass es immer gut tut.“ Wichtig sei deshalb, aufmerksam zu bleiben, wenn Aromaöle zum Einsatz kommen.
Menschen riechen rund 20.000 Mal am Tag, mit jedem Atemzug. Ob man Düfte mag oder nicht, ist dabei eine sehr individuelle Sache. Abstellen kann man den Geruchssinn jedenfalls nicht. Man riecht und fühlt nahezu im gleichen Augenblick. Auch bei den Teilnehmenden lässt sich das gut beobachten: Kleine Papierstreifen, auf denen Astrid Günther ätherisches Öl getropft hat, machen die Runde.
Organgenduft steht für gute Laune und Lebensfreude
Der Reihe nach wird daran geschnuppert, und in jedem einzelnen Gesicht lässt sich unverkennbar ablesen, ob der Geruch gemocht wird oder nicht. „Könnt ihr raten, was es ist?“, fragt Astrid Günther. Orange, wie sich herausstellt, ein überaus beliebter Duft, der unter anderem dafür eingesetzt wird, die Stimmung zu heben: „In der Transitzone am Frankfurter Flughafen hat man wissen wollen, welcher Duft bei den meisten Kulturen für Wohlbefinden sorgt. Und es ist Orange, ein Aroma, das für gute Laune und Lebensfreude steht.“ Seither wird in dem Verbindungstunnel die Raumbeduftung eingesetzt.
Die Aromaexpertin erklärt an diesem Tag auch, wie die ätherischen Öle hergestellt werden. Teilweise sind es aufwendige Verfahren, bei denen große Mengen Pflanzenmaterial am Ende nur eine kleine Menge des flüchtigen Duftstoffes hervorbringen. Was auch die Preise für manch ein Öl erklärt. „Durch ihre konzentrierte Form entfalten sie ihre Wirkung jedoch bereits in geringster Dosierung“, so Astrid Günther.
Riechen ist die Hotline zu den Gefühlen.
Weiter geht es mit den spannenden Schnupperrunden. Im Aroma-Workshop erfahren die Klinik-Mitarbeitenden, dass das ätherische Öl der Zitrone für Konzentration und Klarheit steht, die rote Mandarine auch das Öl der Freude genannt wird, ein Motivationskick über den Duft der Grapefruit entstehen kann und Zedernöl für Halt und Stärke steht. Bergamotte-Öl hat den Ruf, „Licht für die Seele“ zu sein, weshalb es den Beinamen „Taschenlampe der Aromatherapie“ verliehen bekommen hat. „Es kann Licht in jedes Dunkel bringen“, so Günther.
Ob über die Nase mittels Duftlampen, Inhalierstifte oder Raumsprays, ob als Badezusatz oder mit Pflegeöl vermischt über die Haut: Tatsache ist, dass die Wirkung ätherischer Öle keine esoterische Pseudowissenschaft, sondern mit seriösen Studien belegt ist. So gab es beispielsweise ein Modellprojekt von AOK, Barmer, der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) sowie einem Hersteller ätherischer Öle: In sechs Pflegeheimen in Sachsen-Anhalt wurde die Raumluft beduftet. Dabei – so der Bericht – sank der Krankenstand beim Pflegepersonal um 25 Prozent, die Fluktuation ging um 15 Prozent zurück. Rastlose Bewohnerinnen und Bewohner seien durch die Beduftung ruhiger geworden, aggressives Verhalten trat seltener auf. Und sonst teilnahmslose Pflegebedürftige wurden aktiviert.
Pflegekräfte im Kreis Euskirchen werden von Astrid Günther geschult
Die positiven Effekte naturreiner ätherischer Öle sind auch in einigen Einrichtungen in der Region bekannt. Astrid Günther schult regelmäßig Pflegekräfte auf diesem Gebiet. Natürlich dürfen die Düfte nur in Absprache mit Pflegeleitung und Ärzteschaft zum Einsatz kommen. „Und nicht zuletzt müssen auch die Patientinnen und Patienten ihr Einverständnis dafür geben“, betont Astrid Günther.
Viele weitere Duft-Papierstreifen wandern an diesem Tag durch die Reihen. Gesichter verziehen sich, Augen leuchten, Mundwinkel wandern mal nach oben, mal nach unten. Manch einer schüttelt sich, andere wollen den Duft gar nicht mehr aus der Hand geben. „Letztlich entscheiden die Nase und die inneren Bedürfnisse, was uns guttut und was nicht“, so die Aroma-Expertin.
Wie gut die Teilnehmer ihre olfaktorische Wahrnehmung im Laufe des Tages schulen konnten, wird gegen Ende mit einem Spiel ausgelotet: Die Teilnehmenden müssen zwei jeweils gleiche Duftnoten erkennen – eine Art Duft-Memory also, das für Spaß sorgt, aber gar nicht so einfach ist.
Die Kraft der Natur nutzen, um das Wohlbefinden ganzheitlich zu fördern
Aromapflege ist eine ganzheitliche Therapieform, die sich auf die Wirkung der Inhaltsstoffe ätherischer Öle bezieht. Ziel ist dabei, Körper und Seele in Einklang zu bringen, das Wohlbefinden zu fördern und die Lebensqualität zu verbessern.
Der Unterschied zur Aromatherapie besteht darin, dass Aromapflege vor allem unterstützen, vorbeugen und lindern will, die Aromatherapie auf die Heilung von Beschwerden zielt. Mittlerweile haben viele Pflegeheime, Hospize, onkologische und geriatrische Stationen die Aromapflege für sich entdeckt, und zwar als ergänzende Anwendung, die den Gesamtorganismus unterstützt und das Wohlbefinden fördert. Genutzt werden naturreine ätherische Öle, die aus Blüten, Blättern, Wurzeln, Samen, Schalen oder Holz extrahiert werden.
Astrid Günther, Diplom-Sozialarbeiterin und Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Euskirchen, hat sich zur ärztlich geprüften Aroma-Expertin weiterbilden lassen und bietet seither Fortbildungen für Fachkräfte im Bereich Pflege an. „Duftkompetenz – immer der Nase nach“ nennt sie ihr Angebot. „Die Kenntnisse über die Wirkung ätherischer Öle beruhen auf Erfahrung und wissenschaftlichen Untersuchungen“, sagt Astrid Günther.
