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Klimaschutzkonzept ZülpichEine Papierfabrik erzeugt fasst die Hälfte der Emissionen

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Das Bild zeigt das Mehrstoff-Kraftwerk und Gas-Kraftwerk von Smurfit Westrock.

Erzeugt viele Treibhausgase bei der Papierproduktion: die Fabrik Smurfit Westrock.

Die Stadt Zülpich hat ein Klimaschutzkonzept erstellt. Um die gesetzlichen Ziele zu erreichen, ist sie aber auf die Papierindustrie und die Bürger angewiesen.

Seit Anfang des Jahres drehen sie sich: die Windräder von Rövenich.   55 Millionen Kilowattstunden sauberen Strom sollen sie pro Jahr liefern und damit 40.000 Tonnen CO2 einsparen. Einsparungen, die die Stadt Zülpich gut gebrauchen kann. Mit Pro-Kopf-Emissionen von 16,6 Tonnen CO2-Äquivalenten liegt die Stadt weit über den Werten von Bund, rund 10 Tonnen, und Land, rund 12 Tonnen. In knapp 20 Jahren muss dieser Verbrauch deutlich nach unten gehen, um die gesetzlich vorgeschriebene Klimaneutralität 2045 zu erreichen.

Deshalb hat der Rat der Stadt Zülpich in seiner jüngsten Sitzung ein Klimaschutzkonzept beschlossen. Erarbeitet wurde es von Beatrix Brömme, Klimaschutzmanagerin der Stadt. Mehr als 20 Maßnahmen listet das Konzept auf. So sollen unter anderem städtische Gebäude wie das Forum saniert, auf den Dächern von Hauptschule, Gymnasium, Forum und Grundschule Füssenich PV-Anlagen montiert, der kommunale Fuhrpark umgestellt und die E-Lade-Infrastruktur ausgebaut werden. Besonders stolz ist Brömme, dass mit der Maßnahme „Mikrowald in Mülheim-Wichterich“ auch eine Idee aus dem Bürgerdialog in den Maßnahmenkatalog aufgenommen wurde.

Stadt Zülpich nur für ein Prozent der Emissionen verantwortlich

Und dennoch, all diese Maßnahmen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn sie beziehen sich fast ausschließlich auf Verwaltung und städtische Liegenschaften. Diese sind laut Konzept lediglich für ein Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. „Bevor wir rausgehen, muss die Stadt ihre Hausaufgaben machen“, sagt Brömme dazu. Schließlich habe die Verwaltung eine Vorbildfunktion. Klar sei aber auch, um die Klimaziele zu erreichen, brauche es den Einsatz von Industrie und Bürgerschaft.

Klimaschutzmanagerin Beatrix Brömme lehnt an einem Baum im Rathausinnenhof. Sie trägt einen schwarzen Pullover.

Hat das Konzept erarbeitet: Beatrix Brömme.

Besonders die Papierindustrie schlägt in Sachen Treibhausgasemissionen negativ zu Buche. „Papierfabriken zählen traditionell zu den energieintensiven Industrieanlagen“, heißt es dazu von Smurfit Westrock Zülpich Paper. Und Zülpich hat gleich zwei davon. Neben Smurfit Westrock noch die Papierfabrik Tillmann in Sinzenich. 160.000 Tonnen CO2 durch Treibhausgasemissionen entstünden allein am Standort von Smurfit Westrock jährlich, so der Managing Director, Michael Kuhn. Das sind knapp 44 Prozent von Zülpichs gesamten jährlichen Emissionen.

Das Unternehmen arbeitet laut Kuhn kontinuierlich daran, die Emissionen zu reduzieren, beispielsweise durch neue Technologien, die den Produktionsprozess energieeffizienter machen. Die größte Herausforderung ist aber der enorme Wärmebedarf. Die Lösung sieht Kuhn dabei vor allem in der Elektrifizierung. Deshalb habe man für den Standort Zülpich kürzlich einen deutlich größeren Stromanschluss in Auftrag gegeben. Dann will das Unternehmen in einen Elektrokessel investieren. „Damit werden wir künftig in der Lage sein, einen Teil unseres Dampfbedarfs mit Strom zu erzeugen.“

Grüner Wasserstoff aktuell kein Thema

Auf den häufig angepriesenen grünen Wasserstoff will man sich bei Smurfit Westrock hingegen nicht verlassen. „Wasserstoff bietet perspektivisch die Chance, fossile Brennstoffe vollständig zu ersetzen, doch derzeit sind sowohl die hohen Kosten als auch die begrenzte Verfügbarkeit ein deutliches Hindernis“, teilt Kuhn dazu mit. Außerdem fehle noch die entsprechende Infrastruktur. Ganz außer Acht lassen will man die Technologie trotzdem nicht. Aktuell sei allerdings schwer abzusehen, wo die Reise hingehe.

Nach der Industrie ist der Verkehr der Sektor mit den größten Emissionen. „In Zülpich haben die Leute tendenziell 1,8 Autos“, berichtet Brömme. Und daran scheinen sie zu hängen. Alternativen wie das Car-Sharing und die Eifel-E-Bikes wurden zu selten genutzt und deshalb jüngst wieder abgeschafft. Mit einem Konzept zur E-Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum will die Stadt das E-Auto-Fahren attraktiver machen.

Auf den beiden neuen Parkplätzen an der Nideggener Straße und am Bahnhof sollen beispielsweise Ladesäulen installiert werden. Mit der Vergabe wartet die Stadt noch bis zur Fertigstellung des Konzepts. So könne man die Standorte gemeinsam ausschreiben und auch für weniger attraktive Standorte Anbieter finden, erklärt Brömme.

Fiege in Zülpich will Ladeinfrastruktur für E-Lkw aufbauen

Auch das Fahrradfahren will die Stadt weiter fördern. So sollen am Bahnhof noch mehr Fahrradboxen installiert werden und im Stadtgebiet weitere Mobilstationen hinzukommen. „Das sind Stationen, an denen mehrere Verkehrsmöglichkeiten miteinander vernetzt werden“, so Brömme. Außerdem soll auf der sanierten Römerallee künftig ein durchgängiger Fahrradweg markiert sein.

Der technische Dezernent der Stadt, Christoph Hartmann, ist sich sicher, dass sich das bemerkbar machen wird. Denn laut Brömmes Zahlen fahren die Zülpicherinnen und Zülpicher nicht nur gerne Auto. „Pedelecs sind überdurchschnittlich vertreten“, berichtet die Klimaschutzmanagerin.

Auch ein Logistikunternehmen schraubt an der Statistik

In den Sektor Verkehr spielt auch rein, dass mit Fiege ein Logistikunternehmen in Zülpich einen großen Standort hat. Im Jahr 2025 hat das Gesamtunternehmen laut eigenem Nachhaltigkeitsbericht Emissionen von 271.142 Tonnen CO2-Äquivalenten verzeichnet. Konkrete Zahlen für den Standort Zülpich wolle man nicht nennen, um Kunden zu schützen, teilt Sprecher Tobias Jöhren mit. So viel dann aber doch: „Unser Logistikzentrum in Zülpich zählt zu den nachhaltigsten Niederlassungen innerhalb der Fiege-Gruppe.“

50 Prozent des Strombedarfs am Standort decke das Unternehmen durch Photovoltaik selbst, und ein Teil des Standortes werde mit Wärmepumpen beheizt und klimatisiert. Zudem gebe es ein standortbezogenes Biodiversitätskonzept, in dessen Rahmen jüngst ein Tiny Forest gepflanzt worden sei. „Für die Zukunft planen wir am Standort Zülpich sowohl den Aufbau einer eigenen Ladeinfrastruktur für E-Lkw als auch den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Autos“, teilt Jöhren weiter mit.

Private Haushalte in Zülpich heizen mehrheitlich mit fossilen Energien

Ähnlich viele Emissionen wie der Verkehr haben in Zülpich die privaten Haushalte. Mehr als 80 Prozent der Wohngebäude werden beispielsweise mit Öl, Gas oder Kohle beheizt. Hier will Brömme die Menschen mit Informationskampagnen für den Klimaschutz gewinnen. Schnellstmöglich solle die Internetseite der Stadt aktualisiert werden, um den Menschen gebündelt Informationen zu Themen wie Gebäudesanierung, Effizienzsteigerung und Fördergelder zu liefern.

Die Stelle der Klimaschutzmanagerin ist projektbezogen und läuft im Sommer aus. Eine Anschlussförderung sei bereits beantragt, berichtet Brömme. Dann könne sie weitere drei Jahre bei der Stadt arbeiten. Ziel dabei sei vor allem, Strukturen zu schaffen, dass sich der Klimaschutz verstetige.

Das Klimaschutzkonzept sei kein starres Korsett, betont Brömme. Maßnahmen können hinzukommen oder wegfallen und neue Ideen jederzeit aufgenommen werden. Wichtig sei aber, nun erst einmal anzufangen.


Neun Windkraftanlagen bei Geich geplant

Neun Windräder sollen im Stadtgebiet Zülpich noch dazukommen: Ende 2025 erteilte der Kreis Euskirchen der REA GmbH Umweltinvest und der STAWAG Energie GmbH entsprechende Genehmigungen für einen Windpark in Geich. Die REA kommt aus Düren und betreibt mehrere Windparks in der Region. In Geich will sie fünf Windkraftanlagen aufstellen. STAWAG Energie ist eine Tochter der Stadtwerke Aachen, die ebenfalls schon einige Windparks in der Region betreibt. Sie will in Geich vier Anlagen errichten. (jre)