Essen – Gut ein halbes Jahr hatten Anne Reiniger und Filip Blank zwischen Hoffen und Bangen gelebt. Sie hatten Appelle über die Medien gesandt, in sozialen Netzwerken verzweifelte Hilferufe gepostet. Alles, um ihre einstigen Ehepartner davon zu überzeugen, mit den entführten Töchtern Clara, 10, und Lara, 11, aus Paraguay wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Heute um zwölf Uhr mittags südamerikanischer Ortszeit hat sich das Ehepaar Egler, das im November 2021 die Töchter entführt hatten, den Behörden in Paraguay gestellt. Wie die Anwälte von Anne Reiniger und Filip Blank dem "Kölner Stadt-Anzeiger" mitteilten, kamen die Kinder in die Obhut der Behörden. Die Schülerinnen seien an die für kinderpsychologische Fragen zuständige Ministerio de la Defensa Pueblica übergeben worden. „Sie werden dort fürsorglich betreut“, berichten der zuständige Düsseldorfer Rechtsanwalt Ingo Bott und sein Kollege Stephan Schultheiss.
Der Jurist rechnet damit, dass die Kinder sowie das Ehepaar Egler nach dem Abschluss des Strafverfahrens in Paraguay nach Deutschland überstellt werden. „Herr und Frau Egler haben ihre Bereitschaft zur Ausreise nach Deutschland bekräftigt, wo sie sich auch dem deutschen Verfahre aktiv stellen wollen.“
Hierzulande drohe den Eheleuten nach wie vor Untersuchungshaft, erklärten ihr Verteidiger Joachim Baumann: „Unsere Mandanten begeben sich sehenden Auges in die Gefahr, in Paraguay oder Deutschland verhaftet zu werden.“ Der Haftbefehl werde in Deutschland überprüft werden, erklärt der Verteidiger. Der Anwalt stellt aber auch klar: „Wer sich freiwillig stellt, bei dem besteht keine Fluchtgefahr.“ Ohne diesen Umstand, „ist ein Haftbefehl aufzuheben oder zumindest auszusetzen.“
Damit geht ein wahres Familiendrama zu Ende. Die Ex-Partner jeweils aus erster Ehe hatten nach der Entführung die Staatsanwaltschaft Essen eingeschaltet, und die Kollegen vor Ort in Südamerika hatten aufgrund eines internationalen Haftbefehls eine Öffentlichkeitsfahndung nach dem Querdenker-Ehepaar Andreas und Anna Egler gestartet.
Derweil versuchten die Anwälte Ingo Bott aus Düsseldorf und sein Kollege Stephan Schultheiss in Paraguay Kontakt zu den flüchtigen Corona-Impfgegnern aufzunehmen, um das Familiendrama für alle Beteiligten zu einem guten Ende zu führen. Das Paar waren nach eigenen Angaben nach Südamerika geflüchtet, um die Kinder vor den geplanten verschärften Corona-Maßnahmen im vergangenen Herbst zu „schützen“.
Elternteile in Deutschland konnten mit ihren Kindern sprechen
Am Mittwochabend zeigte sich Anwalt Bott im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ zuversichtlich: „Ich denke, wir kommen da gut aus der Sache heraus.“ Die flüchtigen Eltern hatten bekundet, sich mit ihren Töchtern aus der jeweils ersten Beziehung in Begleitung eines Anwalts den Behörden zu stellen. Und zwar nach europäischer Zeitrechnung vermutlich am heutigen Donnerstagabend.
Nachdem die Eglers vergangenes Wochenende über den Messengerdienst „Threema“ die Anwälte ihrer Ex-Partner aus Essen und München kontaktiert hatten, verliefen die Verhandlungen in eine positive Richtung. Anne Reiniger und Filip Blank durften in den folgenden Tagen mit den Kindern sprechen. Fast 20 Stunden lang konferierten die Beteiligten über die Frage, wie sich die heikle Angelegenheit für alle zum Guten fügen könnte.
Schwierige Rechtslage
Denn der Fall birgt etliche rechtliche Probleme. Über das Prozedere loten die Anwälte noch mit Hilfe der zuständigen Justizbehörden in Paraguay, der deutsche Botschaft und der Kinderrechtsorganisation CDIA einen gangbaren Weg für Kindern und Eltern aus.
„Wir suchen nach einer Lösung, die die Rechte aller Parteien wahrt und vor allem den Interessen der Kinder Rechnung trägt", teilten die Anwälte schriftlich mit. Allen Beteiligten sei daran gelegen, eine konstruktive und gute Lösung zu finden, die für die Kinder ein Leben auf der Flucht kurzfristig beendet", betonte Bott. Es werde daran gearbeitet, einen „sinnvollen Weg zurück nach Deutschland zu finden, wo die Kinder gehört und behördliche Entscheidungen getroffen werden".
Mutter Anne Reiniger erstattete Strafanzeige
Vieles hängt von der Justiz in Essen ab. Nach wie vor ermittelt die Staatsanwaltschaft der Ruhrmetropole auf Grund der Strafanzeige der zurückgelassenen Mutter Anne Reiniger wegen Kindesentziehung. Das Strafrecht lässt zwei Wege zu. Da es sich in diesem Fall um ein Antragsdelikt handelt, könnte die Anklagebehörde das Verfahren einstellen und die Haftbefehle aufheben lassen. Für diesen Schritt müsste die Mutter Anne Reiniger ihre Anzeige zurücknehmen. Ein Akt, der offenbar zwischen den Elternteilen ausgemachte Sache zu sein scheint.
Allerdings besteht ein Hindernis. „Sollte die Staatsanwaltschaft ein öffentliches Interesse in dem Fall bejahen, läuft das Ermittlungsverfahren weiter“, erklärte die Essener Behördensprecherin Anette Milk dem "Kölner Stadt-Anzeiger". „Aber diese Frage stellt sich zurzeit für uns nicht.“ Heißt im Klartext, dass man zunächst einmal die weitere Entwicklung abwarten will.
Ähnlich ungewiss verhält es sich mit dem Sorgerecht. Sollten die Kinder nebst allen Eltern wohlbehalten heimkehren, wird sich sehr wahrscheinlich auch das Jugendamt mit der Causa befassen.
Impfgegner-Eltern sehen sich als Opfer
Im November 2021 hatten Andreas Egler, 45, und seine neue Frau Anna die Mädchen auf ihre Odyssee nach Südamerika mitgenommen. In einem Abschiedsbrief hatten die Corona-Leugner ihren Schritt damit begründet, dass man die Reißleine ziehen müsse. Von einem „Überwachungsstaat“ war die Rede, in dem „Menschen-Experimente“ drohten.
Eine dramatische Flucht vor den Strafverfolgern nahm seinen Lauf. Vor Kurzem meldete die Zeitung ABC, dass man einen verlassenen Fluchtwagen der Familie im Grenzgebiet zu Argentinien gefunden habe. Ferner wurde ein mutmaßlicher Helfer festgesetzt.
Das könnte Sie auch interessieren:
Wenig später veröffentlichte das gesuchte Ehepaar ein Video, in dem ihre Töchter beteuerten, dass sie freiwillig mitgekommen seien. Eine Entführung habe es nicht gegeben. Andreas Egler, ehemals deutscher U-20-Fußballnationalspieler, versuchte in melodramatischer Inszenierung den Eindruck der zu Unrecht Verfolgten zu erwecken: „Wir sind die Familie Egler, die weltweit mittlerweile gesucht wird wie Schwerverbrecher, wie Mörder, wie Kriminelle“ so der Mittvierziger.
Seine Frau Anna behauptete, man habe die „Kinder nur schützen wollen.“ Und jetzt wolle man sie trennen. Vehement forderte die einst so erfolgreiche Sopranistin und Opernsängerin aus München die Behörden auf, die Suche nach ihnen einzustellen.
Vater in Deutschland spricht von „traurigstem Vatertag“
In einem offenen Brief an die Gesuchten hatten die Anwälte der Gegenseite an die flüchtigen Elternteile appelliert, sich zu melden. „Das Wohl der Kinder ist mit dem Leben auf der Flucht, für das Sie sich entschieden haben, nicht vereinbar“, heißt es dort.
Zuvor hatte Vater Filip Blank eine äußerst bewegende Botschaft via Facebook an seine Ex-Frau geschickt. „Die Polizei ist Euch auf der Spur“, bekannte er an „seinem traurigsten Vatertag“. Einst seien sie beide doch „mal die besten Patchwork-Eltern“ gewesen, „die besten getrennten Eltern, die Lara je hatte. Alle haben uns darum beneidet“, führte Blank aus. Er wisse, dass es seiner Ex-Frau nicht gut gehe mit dem, was sie getan habe. Auch könne es nicht sein, dass „Lara ein Leben lang auf der Flucht ist.“
Die Entführung bezeichnete Blank als Straftat, die viel Vertrauen zerstört habe, aber „auch hier werde ich mich dafür einsetzen, dass wir schlussendlich wieder als Familie zusammenfinden.“ Diesen Weg suchten nun seine Anwälte durch schwierige Verhandlungen vor Ort zu ebnen.
Deutsche Corona-Leugner bildeten Kolonie in Paraguay
Paraguay galt längere Zeit als Eldorado für deutsche Corona-Leugner. Dank falscher Informationen über den Messengerdienst „Telegram“ wanderten tausende Corona-Skeptiker aus. Während der Virus-Pandemie avancierte das Land, das einst flüchtige NS-Verbrecher aus dem Dritten Reich aufnahm, zum Anlaufpunkt deutschsprachiger Verschwörungstheoretiker. Vor allem, weil die Einreise verhältnismäßig einfach ist. Zudem führte die Regierung erst im April 2022 einen Impf-Nachweis für Neuankömmlinge ein.
Häufig genug fällt als Anlaufziel für deutsche Querdenker der Name „El Paraíso Verde“ – das grüne Paradies. Rund um ein deutsches Ärztepaar gründete man in einem der entlegensten und ärmsten Landesteile Paraguays eine Kolonie. Wie die englische Zeitung „The Guardian“ berichtet, sollen sich während der Corona-Pandemie mindestens 2200 Deutsche der Community angeschlossen haben. Vermutlich suchten hier auch die Eglers mit ihren Töchtern zunächst Zuflucht. Nun ist die Odyssee vorbei.



