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RathaussturmKarnevalistinnen stürmen Burscheider „Ersatzrathaus“

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Bürgermeister Dirk Runge mit den Karnevalistinnen im Burscheider Schützenhaus.

Bürgermeister Dirk Runge mit den Karnevalistinnen nach der Schlüsseleroberung.

Seit Jahren ist Altweiber im Schützenheim für die Jecken aus Burscheid Kult. So feierten sie den Auftakt des Straßenkarnevals in diesem Jahr.

Mit Strophen aus bekannten Liedern von Brings, Bläck Fööss und Cat Ballou versucht Bürgermeister Dirk Runge – an diesem Tag gekrönt als der „Heino von Burscheid“ – dem Andrang der Karnevalistinnen standzuhalten, die ihm den Rathausschlüssel entlocken wollen. Dabei drohen die jecken Damen auch, das Kulturforum zu stürmen, worauf Runge und seine Verwaltung mit einer Gesangseinlage kontern:

„Mer losse dat Forum in Burscheid, denn do jehöt et hin“, singen sie, ergeben sich dann aber doch der Übermacht der Damen: Der rosa-rot gefärbte Frauenchor schafft es, sich durchzusetzen, und dann heißt es: singen, springen, schunkeln – im großen Saal des Burscheider „Ersatzrathauses“. Schließlich findet der Rathaussturm bereits zum 18. Mal in der Vereinszentrale der Schützen statt.

Weiberfastnacht beim Burscheider Schützenverein ist ein Dauerbrenner

„Im Rathaus würde der Betrieb sonst drei Tage gehemmt werden durch Auf- und Abbau“, berichtet der erste Vorsitzende des Burscheider Schützenvereins, Michael Wehner. Deswegen sei man damals auf diesen Veranstaltungsort ausgewichen. Ann-Kathrin Gusowski, Pressesprecherin der Stadt Burscheid, ergänzt: „Wir haben im Rathaus auch nicht die Möglichkeit, so groß zu feiern. Hierhin können viel mehr Leute kommen.“

Und diese Möglichkeit nutzen die Burscheider Jecken: Seit Jahren ist das Format an Weiberfastnacht der Dauerbrenner in Burscheid. Rund 300 Menschen feiern hier laut Wehner gemeinsam zum Auftakt des Straßenkarnevals. „Es hat sich etabliert, dass die Leute wissen, dass hier das Ersatzrathaus ist. Sie kennen den Termin, wissen, wo sie hinmüssen“, sagt Gusowski. Altweiber läuft hier längst im Selbstlauf.

Eine Gruppe von Flamingos feiert seit vielen Jahren im Schützenheim

Eine Gruppe von Flamingos feiert seit vielen Jahren im Schützenheim.

Und diese Tradition funktioniert einfach und niederschwellig: ohne Karten, ohne Eintritt. Probleme mit der Sicherheit oder randalierenden Gästen hätten sich daraus allerdings noch nie ergeben, sagen Wehner und Gusowski. Das schätzen auch die Jecken an der Karnevalsparty im Schützenheim:

„In Köln hatte ich mal mit K. O.-Tropfen zu tun, hier fühle ich mich sicher“, sagt eine Frau, die mit ihren Freundinnen seit Jahren auf den Rathaussturm im Schützenheim schwört. „Die Stimmung ist hier bombastisch“, lacht die Gruppe von Flamingos, die seit mehreren Jahrzehnten schon die karnevalistische Machtübernahme begleitet. „Wir frühstücken immer zusammen – mit Mettigel und allem, was dazugehört – und dann geht es hierhin“, erzählen sie.

Es ist quasi patriotische Pflicht, hier zu sein
Burscheider Karnevalist

Dass die Schlüsselübernahme nicht mehr im Rathaus stattfinden kann, deuten sie spontan um: „Das Rathaus können wir nicht mehr stürmen, das haben wir schon verwüstet!“ Es ist die Mischung aus bewährter Feierlaune, vertrauten Gesichtern und kölschen Liedern, die die Jecken Jahr für Jahr im Schützenheim zusammenbringt.

Und eine Karnevalsfeier in fußläufiger Nähe zu haben, ist auch einfach praktisch: „Es ist Feiern am Ort, man muss nicht weg. Es ist quasi patriotische Pflicht, hier zu sein“, fasst ein Karnevalist seinen Eindruck augenzwinkernd zusammen. Für die Jecken ist Weiberfastnacht nicht nur Brauchtum, sondern es bedeutet auch, den Alltag beiseitezulassen, und eine Gruppe von Karnevalsmäusen bringt es wohl auf den Punkt: „Das Highlight ist, zusammen zu sein!“