Mit einer symbolischen Trauerrede protestieren Leichlinger Ärztinnen und Ärzte gegen die Sparpläne der Bundesregierung. Sie warnen vor längeren Wartezeiten, Praxisschließungen und einer schlechteren Versorgung.
GesundheitspolitikMit Sarg und Trauerrede gegen Sparpläne: Leichlinger Ärzte schlagen Alarm

„Die Wertschätzung unserer Arbeit fehlt, sagt Susanne Moschiri-Bischoff in Leichlingen.
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Ein brauner Holzsarg mit der Aufschrift „Kassenpraxis“ und „RIP Kassenmedizin“ steht im Mittelpunkt der Protestaktion auf dem Leichlinger Marktplatz. Unter dem Motto „Praxen bedroht – Patienten in Not“ machen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte auf die aus ihrer Sicht dramatische Lage der ambulanten Versorgung aufmerksam. Mit QR-Codes werben sie zugleich für Petitionen verschiedener ärztlicher Fachgesellschaften, mit denen sie gegen die geplanten Einsparungen mobilisieren.

Mit Plakaten protestieren Leichlinger Ärztinnen und Ärzte gegen die Sparpläne der Bundesregierung.
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Susanne Moschiri-Bischoff von der Frauenärztlichen Gemeinschaftspraxis Leichlingen, greift als erste zum Mikrofon. Seit 26 Jahren ist sie in Leichlingen niedergelassen und beobachtet die Entwicklung mit großer Sorge. „Schon heute arbeiten die Arztpraxen am Limit“, sagt sie. Immer neue bürokratische Vorgaben, steigende Betriebskosten und eine aus ihrer Sicht nicht mehr kostendeckende Vergütung würden viele Praxen an ihre Grenzen bringen.
Hochwasser, Pandemie und steigende Kosten
Neben den gestiegenen Energie- und Personalkosten verweisen die Ärztinnen und Ärzte auch auf die Folgen der Hochwasserkatastrophe 2021. Mehrere Arztpraxen in Leichlingen wurden damals schwer beschädigt. „Wir sind auch Unternehmer“, betont Florian Heinemann, Inhaber der Wupperpraxis. Investitionen in medizinische Geräte, Reparaturen oder Schäden wie zum Beispiel durch die damalige Naturkatastrophe müssen die Praxisinhaber selbst finanzieren.
Gleichzeitig stiegen die Anforderungen seit Jahren. Neue Hygienevorgaben, verpflichtende Wartungen medizinischer Geräte, Investitionen in Technik und IT, um beispielsweise Videosprechstunden anbieten zu können, würden die Praxen zusätzlich belasten. „Wir haben gar keine Zeit uns mit betriebswirtschaftlichen Zahlen zu beschäftigen“, sagt Susanne Moschiri-Bischoff. Anfang des Jahres habe sie beim Blick auf das Praxiskonto erstmals darüber nachgedacht, ob sie die Rechnungen pünktlich bezahlen kann. „So eng war es noch nie.“
Nachwuchsmangel verschärft die Lage
Außerdem hätten immer mehr Kolleginnen und Kollegen Schwierigkeiten Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Die Folge: Die verbleibenden Praxen versorgen immer mehr Menschen. Routineuntersuchungen müssen teilweise mehr als ein Jahr im Voraus geplant werden. Viele Praxen nehmen schon heute keine neuen Patientinnen und Patienten mehr auf. Junge Medizinerinnen und Mediziner würden sich angesichts der wirtschaftlichen Risiken immer seltener für die Übernahme einer eigenen Praxis entscheiden.
Man drängt uns in eine schlechte Medizin. Masse statt Klasse
„Man drängt uns in eine schlechte Medizin. Masse statt Klasse“, sagt Claudia Berner, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in der Frauenarztpraxis am Hochdahler Markt in Erkrath, Kreis Mettmann, die ebenfalls nach Leichlingen gekommen ist. Nach ihren Angaben erhalten Arztpraxen für gesetzlich versicherte Patientinnen durchschnittlich rund 18 Euro pro Quartal – unabhängig davon, wie oft eine Patientin behandelt werden muss. Ein Drittel der erbrachten Leistungen werde inzwischen überhaupt nicht vergütet.
Sorge um die Patienversorgung
Die Ärztinnen betonen mehrfach, dass sich ihr Protest nicht gegen die Patientinnen und Patienten richtet. Im Gegenteil: Sie befürchten, dass diese die Folgen der Sparmaßnahmen unmittelbar zu spüren bekommen. Sollten die Honorare weiter sinken, müssten Praxen ihre Öffnungszeiten reduzieren, Leistungen einschränken oder Patienten abweisen. „Wir können das nicht leisten. Wo sollen die Menschen hin, die wirklich krank sind?“, fragt Claudia Berner.
Auch die Diskussion über strengere Regelungen bei Krankschreibungen halten die Ärztinnen für absurd. Sie sprechen von zusätzlicher Bürokratie, die Behandlungszeit kostet. „Wir glauben unseren Patienten natürlich“, sagt Susanne Moschiri-Bischoff. Wer wegen einer akuten Erkrankung telefonisch um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bittet, müsse nicht zusätzlich in einer ohnehin überfüllten Praxis erscheinen. Sie sieht darin ein grundsätzliches Problem: „Das Ganze ist ja auch ein absolutes Misstrauen, sowohl gegenüber den Patienten als auch gegenüber den Ärzten. Die Politik beschäftigt sich nicht mit den wirklichen Themen.“
Appell an die Politik
Florian Heinemann von der Wupperpraxis Leichlingen kritisiert ebenfalls die zunehmenden Dokumentations- und Verwaltungspflichten. „Anstatt die Bürokratie abzubauen, werden neue bürokratische Maßnahmen aufgehäuft“, sagt er. Sein Kollege Huu Quang Le von der Stadtparkpraxis bringt das Anliegen der Protestierenden auf den Punkt: „Wir wollen eine bedarfsgerechte und wohnortnahe Versorgung für die Patientinnen und Patienten.“
Für Susanne Moschiri-Bischoff geht es dabei auch um die gesellschaftliche Anerkennung des Berufs. „Die Wertschätzung unserer Arbeit fehlt“, sagt sie. Medizin entwickelt sich ständig weiter, Ärztinnen und Ärzte müssen sich kontinuierlich fortbilden und gleichzeitig immer mehr Verwaltungsaufgaben übernehmen. „So können wir nicht arbeiten.“