Ein ungewöhnliches Pilotprojekt hilft Menschen dabei, zurück ins Leben und in den Job zu finden. Dabei werden früher selbst Betroffene zu Wegweisern.
Bergisch GladbachMutmacher für Menschen in tiefen Krisen

Das multifunktionale GPS-Expertenteam bei der wöchentlichen Besprechung von einzelnen Fällen.
Copyright: Uta Böker
Wer von ganz unten kommt, wer suchtkrank ist, in einer tiefen familiären, psychischen oder finanziellen Krise steckt, findet oft nur schwer ins Leben zurück. Ein ungewöhnliches Pilotprojekt in Bergisch Gladbach hilft dabei – indem früher selbst Betroffene als Peer-Berater zu Mutmachern und Wegweisern werden. Das Besondere beim Bundesprogramm „GPS – Gesundheit und Perspektiven im Sozialraum“ ist auch: Betroffene erhalten gebündelt medizinische, therapeutische und soziale Hilfe an ein und demselben Ort.
Es ist ein Modellprojekt, das eine enorme Lücke füllt: Ein multifunktionales Expertenteam arbeitet ganz eng mit dem Jobcenter Rhein-Berg zusammen. Die Nachfrage ist deutlich größer als der Fördertopf. „Als wir im September 2024 gestartet sind, waren alle 60 Plätze bis zum Jahresende belegt. Seitdem arbeiten wir mit Wartelisten“, berichtet GPS-Projektleiterin Andrea Kirbach.
Es geht um viel mehr, als wieder in den Job zu kommen
Constanze Lemmer, Bereichsleiterin beim Jobcenter Rhein-Berg, sagt. „Alle im Team können sich enorm viel Zeit nehmen. Zeit, die die Berater bei der Agentur für Arbeit nicht haben.“ Denn es geht um viel mehr als darum, wieder in den Job zu kommen.
Der Projektname GPS ist ganz bewusst gewählt. Wie beim satellitengestützten Navigationssystem geht es zunächst um die „Standortbestimmung“ in jedem individuellen Fall. „Die Menschen werden so angenommen, wie sie sind“, erläutert Devran Gökhan, einer von vier Sozialraumlotsen.
Ute Schultens vergleicht ihre Arbeit mit der eines Lotsen auf einem Schiff. „Ich navigiere, mache Vorschläge, wo die Reise hingehen könnte, übernehme aber nicht das Ruder. Das bleibt in der Hand des Teilnehmers, in der Hoffnung, dass das Schiff gut andockt in einem Hafen.“
Es geht aber immer erst einmal darum, Vertrauen aufzubauen
Jeden Mittwoch trifft sich das interdisziplinär besetzte Team in ihren Büros im zweiten Obergeschoss des Gebäudes An der Gohrsmühle 10, um Einzelfälle vorzustellen und zu überlegen, wie die Unterstützung konkret aussehen könnte. „Keine Beratung ist wie die andere“, sagt Gökhan, „es geht aber immer erst einmal darum, Vertrauen aufzubauen.“
Dies gelinge an einem externen Standort leichter, wo sich die Betroffenen sicher, verstanden und angenommen fühlten - ohne das sonst so große Hierarchiegefälle wie in der Agentur für Arbeit. „Viele Leute öffnen sich hier das erste Mal“, sagt Psychologin Helga Clasen, „die Teilnehmer fühlen sich wohl, wenn sie sich respektvoll behandelt fühlen. Viele erleben das hier das erste Mal in ihrem Leben.“

Projektleiterin Andrea Kirbach (r.) und Constanze Lemmer, Jobcenter Rhein-Berg berichten, dass die Nachfrage groß sei.
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„Wir nehmen den ganzen Sozialraum unter die Lupe“, erläutert Gökhan. Je nachdem wird etwa die Familie einbezogen, der Kontakt zu Fachärzten hergestellt, um gesundheitliche Belange zu lösen, oder beim Antragsprozess im komplizierten Sozialsystem geholfen. Es steht sogar ein Beraterbus zur Verfügung, um Menschen Zuhause zu beraten oder zu einem Termin zu fahren.
„Viele haben finanzielle Nöte oder Probleme, eine Wohnung zu finden. Da stellen wir den Kontakt zu den zuständigen Fachstellen her“, berichtet Marcel Gawenda von der bundesweit tätigen Softdoor GmbH, die Menschen mit gesundheitlichen oder psychischen Herausforderungen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt unterstützt.
Die Stichworte, die in der Expertenrunde immer wieder fallen, sind Stabilisierung, Selbstwirksamkeit stärken und Vertrauen. Um das zu erreichen, liefern die beiden Peer-Berater eine wichtige Voraussetzung. Denn sie können Menschen im Ausnahmezustand auf Augenhöhe begegnen, weil sie selbst Sucherfahrungen haben oder psychische Krisen durchlitten haben.
Peer-Berater begegnen Teilnehmern auf Augenhöhe
Ihre Aufgabe ist es, Betroffene auf ihrem Weg zurück ins Leben zu unterstützen. „Ich verstehe mich als Alliierter für Süchtige“, sagt Markus Dora (60). Der gelernte Schweißer erzählt, dass er mit 30 angefangen hat, Alkohol zu trinken. Schnell kamen harte Drogen wie Heroin dazu. Er wurde obdachlos und langzeitarbeitslos.
Jetzt sitzt mit dem Ex-Junkie die Hoffnung im Zimmer: „Für Suchtkranke bin ich einer, der sie versteht, der Beweis dafür, dass man es schaffen kann“, sagt Dora. Der Vorteil: Spreche er über seine eigenen Erfahrungen würden Hilfsangebote viel eher angenommen. In den Gesprächen richte sich sein Fokus auf die Suche nach den Stärken der Abhängigen. Er gründete beispielsweise eine Aktivgruppe, die sich einmal in der Woche trifft, um etwas zu unternehmen. In einem Fall habe er, einen Ein-Euro-Job vermitteln können: „Das ist eine sehr schöne Bestätigung.“
Jürgen Sommerfeld stieg aus seinem führenden Posten in der Metall-Industrie aus mit einem Burnout, verbunden mit einer tiefen Depression. Die einjährige Qualifizierung zum Genesungsbegleiter bedeutete für ihn ein beruflicher Neuanfang: „Das Prinzip ist, die eigenen Erfahrungen zu nutzen, um anderen helfen.“ Er wisse, keine Arbeit tue mehr weh, als die Arbeit an sich selbst. „Unsere Hauptaufgabe ist es, die Menschen zurück ins Leben zu führen.“
Dazu passt die Geschichte eines traumatisierten Polizisten, der durch die Belastung nicht aus seiner Situation herausgekommen sei und angefangen habe, zu trinken, wie Gawenda erzählt. „Es mag banal klingen, aber er schaffte es nicht einmal, einkaufen zu gehen.“ Die GPS-Gruppe hat den Mann dort abgeholt, wo er stand: „Schrittweise ist er immer mehr aufgeblüht.“
Einkaufengehen zum Beispiel wurde so lange geübt, bis er das alleine konnte. Als Gawenda den früheren Teilnehmer zuletzt begegnet sei, habe er erzählt, dass er für sich und seine Frau Karten für die Philharmonie bestellt habe. Diese Rückmeldung bringe das Ziel des Pilotprojekts auf den Punkt: „Menschen nicht nur fachlich, sondern vor allem menschlich zu begegnen.“
