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Maurice Winter im Interview„Das wird das größte Projekt seit Jahrzehnten in Leichlingen“

8 min
Maurice Winter, hier noch ein Foto aus dem Wahlkampf, hat große Themen vor der Brust.

Maurice Winter, hier noch ein Foto aus dem Wahlkampf, hat große Themen vor der Brust.

Leichlingens neuer Bürgermeister Maurice Winter (CDU) ist seit knapp 100 Tagen im Amt. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Seit November 2025 sitzt ein neuer Verwaltungschef im Leichlinger Rathaus. Christdemokrat Maurice Winter ist seit ziemlich genau drei Monaten, also etwa 100 Tagen, im Amt. Der „Leverkusener Anzeiger“ sprach mit ihm über seinen Start, klamme Kassen und drängende Probleme.

Herr Winter, fast 100 Tage sind Sie jetzt im Amt. Wie waren die ersten 100 Tage?

Winter: Spannend. Es war schön, viele Kolleginnen und Kollegen kennenlernen zu dürfen. Aber in so einer Anfangsphase muss man sich natürlich auch mit Prozessen und Strukturen vertraut machen. Ich habe viele Gespräche geführt, um Prozesse zu verstehen und um in den Austausch zu kommen. Ich bin am ersten Tag durch das ganze Haus gegangen. Ich habe die Verwaltungsnebenstelle besucht, unseren Bauhof, unsere Kitas und mich persönlich vorgestellt.

War es denn so, wie Sie gedacht haben? Gab es positive wie negative Überraschungen?

Ich wusste natürlich durch meine Ratsarbeit schon, dass es viele Baustellen in der Stadt gibt, es kam also nicht überraschend, dass es viel zu tun gibt. Aber das alles bekommt man so natürlich noch mal mehr mit. Und auch bei den internen Prozessen: Was genau alles dahintersteckt und was hier tagtäglich geleistet wird, sieht man vorher natürlich ehrlicherweise nur ansatzweise.

Hatten Sie sowas wie eine Agenda für die erste Zeit, was hatten Sie selbst vorgenommen?

Mir war es von Anfang ein Herzensanliegen, auch für Kinder und Jugendliche in Leichlingen ansprechbar zu sein. Ich bin damals, 2007, als junger Mensch in die Politik gegangen, weil ich fand, in Leichlingen passiert zu wenig für junge Menschen. Ich habe am 1. November gleich unser Jugendparlament auf einer Tagung in Bielefeld besucht, wir haben eine Kindersprechstunde durchgeführt, ich war beim Vorlesetag dabei, ich durfte in der Grundschule Kirchstraße Nikolaus spielen, ich war beim Jugendrotkreuz. Also lange Rede kurzer Sinn: Mir ist einfach wichtig, dass wir als Stadt, und Leichlingen ist eine Familienstadt, Kindern und Jugendlichen ein Ohr schenken. In diesem Jahr setzen wir daher auch die Kindersprechstunde fort und erweitern sie um eine Jugendsprechstunde. Grundsätzlich war es mir wichtig, dass ich jetzt nicht „von außen“ komme und sage: Ich weiß alles besser. Ich möchte erstmal im Rathaus ankommen, alle kennenlernen, eben verstehen, wie hier gearbeitet wird. Inhaltlich bringt man einige Themen mit. Wir waren auch gerade zum Jahresende von einigen Themen getrieben.

In der ersten Ratssitzung leistete Maurice Winter leistete den Amtseid.Stadt Leichlingen

In der ersten Ratssitzung leistete Maurice Winter leistete den Amtseid.

Welche meinen Sie?

Wir mussten den Obstmarkt zum Beispiel angehen, weil wir da zeitlichen Druck hatten. Wir müssen jetzt in die Ausschreibung gehen. Der Umbau des Bahnhofsvorplatzes war drängend, weil jetzt ab Februar die Baustelle der Deutschen Bahn ansteht. Das mussten wir vorantreiben. Und dann gab es natürlich auch zwei große Themen: Das eine ist der Haushalt, den wir inzwischen eingebracht haben. Und das andere ist das Schulzentrum.

Lassen Sie uns da inhaltlich direkt reingehen. Die angedachte Interimslösung auf dem Eicherhofsfeld würde mehr als 18 Millionen Euro kosten…

Ja, das sind wirklich immense Kosten, die die Berechnung einer reinen Interimslösung ergeben hat. Das haben wir zum Anlass genommen, zu überlegen, ob das nicht anders geht. Und dann kam die Info vom Land, dass die Sporthalle und die Aula, die dem Hochwasser zum Opfer gefallen sind, mit den Geldern aus dem Wiederaufbauplan nicht nur saniert werden können, sondern eben auch komplett neu gebaut. So können wir überlegen, ob wir im Bestand, sozusagen Zug um Zug, das Schulzentrum neu sortieren können. Aber wie auch immer wir es machen: Das wird das größte Projekt seit Jahrzehnten in Leichlingen.

Können Sie noch mal erklären, was genau die neue Idee der Verwaltung ist?

Die Überlegung ist, dass wir auf dem Gelände des Schulzentrums nach und nach die einzelnen Gebäude neu bauen und die jeweils betroffenen Personenkreise auf dem Gelände selbst umziehen. Im Sommer wird die Grundschule Büscherhof wieder in ihr saniertes Gebäude Am Büscherhof zurückziehen. Wir könnten bspw. mit dem Abriss der Hauptschulsporthalle oder dem Hauptschulgebäude beginnen, um dort anschließend mit dem ersten Neubau zu beginnen.

Haben Sie dafür schon einen Kostenrahmen? Es müssten ja weniger als die 18,5 Millionen sein.

Nein, noch keinen konkreten. Aber dadurch, dass wir das Eicherhofsfeld nicht für die Interimslösung herrichten müssten wird es auf jeden Fall günstiger und nachhaltiger. Wir stellen dieses alternative Konzept in der kommenden Ausschussrunde dem Stadtrat vor, der über das weitere Vorgehen entscheidet. Aber dass Neubauten von Aula und Sporthalle komplett förderfähig sind, ist ein echter Lichtblick.

Apropos Finanzen. Sie haben vor Kurzem den Haushaltsplanentwurf vorgestellt mit einem Minus von mehr als fünf Millionen Euro. Wie viel Spielraum haben Sie überhaupt?

Relativ wenig. Aber man versucht natürlich das Beste draus zu machen, ohne dabei aus dem Blick zu verlieren, dass wir hier mit Steuergeldern umgehen. Wir wissen, dass die Lebenssituation in den letzten Jahren durch die weltpolitische Lage für viele deutlich teurer geworden ist. Deswegen ist eine Erhöhung von Steuern oder Gebühren eigentlich immer der letzte Schritt. Aber die Zeiten von „Wünsch dir was“ sind vorbei. Wir wollen ein Haushaltssicherungskonzept vermeiden. Aber wir haben ein strukturelles Problem. Ich gebe ein Beispiel: Wir haben das natürlich nicht vor - aber selbst wenn wir alle freiwilligen Leistungen wie Musikschulen oder Ähnliches streichen würden, wären wir immer noch defizitär. Selbst dann müssten wir noch Steuern erhöhen. Und deswegen haben wir im Haushaltsplanentwurf eine Erhöhung der Grundsteuer und Gewerbesteuer vorgeschlagen. Ich glaube aber, in einem vergleichsweise „verträglichen Maß“. Das sieht in anderen Städten ganz anders aus.

Die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen ist ein großes Problem. Wie viel kommt in Leichlingen eigentlich aus den neuen Förderprojekten von Land und Bund an?

Hundertprozentig können wir das noch nicht sagen. Über das Investitionspaket bekommen wir etwas mehr als elf Millionen Euro. Die müssen wir für Investitionen in den kommenden zwölf Jahren einsetzen. Es gibt aber auch Fördertöpfe, da haben wir nichts von. Zum Beispiel gibt es ein extra Förderprogramm für Schwimmbäder, wir haben gerade erst ein neues Schwimmbad eröffnet. Andererseits gibt es zum Beispiel für Sportstätten Fördermöglichkeiten, da haben wir Mittel beantragt, darum werden sich aber auch andere Kommunen bewerben. Ein bisschen ernüchtert bin ich über die große Ankündigung des Altschuldenschnitts. Der bezieht sich auf Kredite, die Leichlingen im betreffenden Zeitraum nicht am Laufen hatte. Deshalb haben wir davon exakt null Euro, die uns da erlassen werden. Das hilft uns natürlich hier vor Ort nicht weiter.

Wie bewerten Sie denn grundsätzlich diese Programme?

Zwiegespalten. Auf der einen Seite freuen wir uns natürlich, wenn wir da Gelder bekommen und damit Sachen möglich machen können. Ich kann auch verstehen, dass eine Landesregierung einen Fokus auf bestimmte Themenbereiche setzen möchte. Die sind aber nicht immer unbedingt passgenau für jede Kommune. Und das schränkt uns natürlich ein. Ich hätte mir gewünscht, dass wir mehr pauschal bekommen hätten vom Investitionspaket, damit wir dann einfach vor Ort schauen können, wo haben wir den Bedarf.

Gibt es schon Planungen, wofür die elf Millionen eingesetzt werden?

Noch nicht konkret. Im Endeffekt müssen wir an die Infrastruktur in Gänze ran. Unsere Straßen sind in keinem guten Zustand, das wissen wir. Aber am Ende des Tages ist es ehrlicherweise ein bisschen Milchmädchenrechnung, ob ich jetzt für die eine oder für die andere Investition das Geld nutze. Wir haben einen so großen Investitionsstau, dass mehr als genug Kosten entstehen werden. Klar ist: Priorität hat das Schulzentrum, da sind elf Millionen allerdings nur ein kleiner Teil der Kosten. Wir wollen das Geld auch für unsere Straßen nutzen, peu à peu.

Ende nächster Woche beginnt die große Streckensanierung der Bahn, von der auch Leichlingen betroffen ist. Was erwarten Sie da?

Es wird auf jeden Fall zu starken Belastungen im Straßenverkehr kommen, das ist klar. Durch den Schienenersatzverkehr werden deutlich mehr Gelenkbusse durch die Stadt fahren. Und wir müssen für die Gelenkbusse Parkplätze zur Verfügung stellen. Das ist natürlich in einer kleinen Stadt wie Leichlingen, die gerade in einem Stadtzentrum sowieso sehr eng bebaut ist, schwierig. Dadurch werden ein paar Parkplätze für Bürgerinnen und Bürger während der Baumaßnahme fehlen.

Wo werden die Busse parken?

An der Kirchstraße in Busbahnhofnähe, am Straßenrand. Die dortigen Parkplätze stellen wir den Bussen zur Verfügung. Das wird nicht jedem gefallen, aber irgendwo müssen wir die Busse unterbekommen, das war eine Vorgabe.

Nach der Kommunalwahl hat sich ein neuer Rat gebildet. Bisher ohne Mehrheit, wie sehen Sie bisher die Zusammenarbeit?

Die ersten Fachausschüsse stehen jetzt erst an. Die Haushaltsberatungen werden mit Sicherheit intensiv, weil wir da auf jeden Euro genau achten müssen, im Sinne der Bürgerinnen und Bürger. In den konstituierenden Sitzungen habe ich die Zusammenarbeit mit dem Rat bisher als sehr gut empfunden.

Rasen im Stadtpark, Obstmarkt, Karneval, Stadtfest – zuletzt gab es auffallend viel Unruhe in Leichlingen, was Veranstaltungen angeht. Welche Rolle hat die Kommune da, was können Sie tun, um das wieder zu beruhigen?

Das ist schon ein sehr heiß diskutiertes Thema. Mir war von Anfang an wichtig, konstruktiv zusammen an Lösungen zu arbeiten. Beim Obstmarkt zum Beispiel. Wir haben gemerkt, dass der Standort nicht optimal ist, auch das Konzept mit dem Eintrittsgeld entspricht nicht mehr der heutigen Zeit. Immer wieder kriegt man da Rückmeldungen: Warum soll ich zu einem Obstmarkt, um Äpfel zu kaufen, die ich auch sonst im Hofladen kaufen kann und dann dafür Eintritt zahlen.

Und so viel Obst war es dann ja auch gar nicht...

Genau, aber deswegen haben wir uns auch direkt zusammengesetzt. Wir hatten zuletzt einen Termin mit der Kreisbauernschaft und gemeinsam überlegt, wie ein neues Konzept konkret aussehen könnte: Um wieder das Thema Ernährung – Obst und Gemüse – mit den Themen Umwelt und Natur zu verbinden und in den Fokus zu rücken. Da sind wir in den letzten Zügen, das Konzept rund zu schleifen. Mit den Karnevalisten habe ich direkt in meiner ersten Amtswoche das Gespräch gesucht, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Dass wir da jetzt eine gute Lösung haben, freut mich. Im nächsten Jahr sollen alle Karnevalsveranstaltungen in die Balker Aue umziehen. Die Festwiese muss dafür noch ertüchtig werden – Strom, Wasser, Abwasser. Nach der hoffentlichen Haushaltsgenehmigung im April soll es damit losgehen.

Inzwischen sind die Standorte für Veranstaltungen in der Innenstadt verteilt.

Ja, wir haben in den letzten eineinhalb Jahren gemerkt, dass viele Menschen mit der Menge an Veranstaltungen belastet sind. Auch wenn Lärmempfinden subjektiv ist, ist das natürlich total nachvollziehbar. Ich war jetzt selber zuletzt vor Ort, mit einem Kollegen vom Ordnungsamt. Die Lautstärke insgesamt war im grünen Bereich, aber der Kollege hat den Bass noch etwas rausgenommen und so nachgesteuert. Das sind ganz konkrete Punkte, auf die wir reagiert haben. Aber es ist richtig: Es bedarf vieler Gespräche und Abstimmungen bei den Planungen. Wir wollen das Ehrenamt noch stärker in den Fokus nehmen und unterstützen. Wir werden in Kürze die Stelle des Ehrenamtskoordinators ausschreiben.