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NaturschutzDas große Comeback der kleinen Tiere im Leichlinger Diepental

5 min
Neuer Lebensraum: Auf dem ehemaligen Seegrund im Diepental ist eine artenreiche Landschaft entstanden.

Neuer Lebensraum: Auf dem ehemaligen Seegrund im Diepental ist eine artenreiche Landschaft entstanden.

45 Wildbienenarten hat Andrea Jakubzik im Diepental bereits entdeckt. Der ehemalige Seegrund zeigt: Wo Natur Raum bekommt, kehrt Vielfalt zurück.

Dreieinhalb Hektar Land, wo noch vor wenigen Jahren Wasser war: Im Diepental hat sich die Landschaft grundlegend verändert. Der Murbach fließt heute durch den Bereich, in dem früher der Ausgleichsweiher lag. Auf den Flächen daneben wachsen viele Pflanzen. Es gibt feuchte und trockene Stellen, grüne Bereiche und offenen Boden.

Für Andrea Jakubzik ist gerade dieser offene Boden besonders interessant. Die Biologin hat in diesem Jahr von März bis August die Wildbienen und Wespen auf der Fläche untersucht. Seit rund 40 Jahren beschäftigt sie sich mit Insekten. Während ihres Studiums spezialisierte sie sich auf diese Tiergruppe, später besonders auf Wespen und Wildbienen. Das Diepental hat ihre Erwartungen übertroffen. 45 Wildbienenarten hat sie hier entdeckt. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir im ersten Jahr so viel Erfolg haben“, sagt sie. Denn vor nicht allzu langer Zeit war das Gebiet noch ökologisch wenig bedeutsam.

Martin Denecke und Andrea Jakubzik untersuchen die Entwicklung der Artenvielfalt im Diepental.

Martin Denecke und Andrea Jakubzik untersuchen die Entwicklung der Artenvielfalt im Diepental.

Vom Ausgleichweiher zur Murbachaue

Im Juli 2021 überspülte und beschädigte das Hochwasser den Damm des Ausgleichsweihers unterhalb der Diepentalsperre. Aus Sicherheitsgründen wurde er im Frühjahr 2022 teilweise geöffnet, sodass der Murbach wieder naturnah durch das Gebiet fließen konnte. Im April 2024 war die Umgestaltung abgeschlossen: Auf rund dreieinhalb Hektar entstand eine neue Fläche, auf der schnell Pflanzen wuchsen. Doch grün allein bedeutet noch keine Artenvielfalt. Die Fläche sollte offen bleiben und nicht vollständig zu Wald werden. Dafür braucht es unterschiedliche Strukturen: trockene und feuchte Stellen, bewachsene Bereiche, Wasser und vor allem unbedeckten Boden. Die entscheidende Frage war: Wie lässt sich eine solche Landschaft dauerhaft offenhalten?

Büffel verbessern den Boden

Mit Schafen und Ziegen vielleicht? Für den feuchten Untergrund waren sie allerdings nicht die beste Lösung. Dann kamen die Wasserbüffel. Seit Dezember 2025 leben sechs Tiere auf der Fläche. Ihre Aufgabe ist es, die Landschaft freizuhalten und neue Strukturen zu schaffen. Für die Wildbienen ist das wichtig. Denn dort, wo die Büffel die Vegetation zurückdrängen und den Boden aufwühlen, entsteht Rohboden: nackte Erde, in der viele Wildbienen ihre Nester anlegen können.

In Deutschland gibt es rund 570 Wildbienenarten, mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen an ihren Lebensraum. Manche brauchen sandigen, andere lehmigen Boden. Wichtig ist, dass er nicht zu fest ist, denn die Tiere graben ihre Niströhren in die Erde. „Die beißen sich“, ihre Röhren, beschreibt Andrea Jakubzik. Mit ihren Kiefern arbeiten sie sich durch den Boden und legen darin einzelne Brutzellen an, in die sie Nahrung und jeweils ein Ei geben. Im Frühjahr entdeckte Andrea Jakubzik auf einem Lehmhügel von gerade einmal fünf mal fünf Metern Hunderte Nester.

Seit Dezember 2025 leben sechs Wasserbüffel auf der Fläche.

Seit Dezember 2025 leben sechs Wasserbüffel auf der Fläche.

Für jede Biene das passende Angebot

Wildbienen brauchen nicht nur geeigneten Boden, sondern auch ein vielfältiges Blütenangebot. Im Diepental blühen vom zeitigen Frühjahr bis in den Spätsommer unterschiedliche Pflanzen. Dementsprechend sind manche Arten schon im Februar, andere noch bis in den Spätsommer aktiv. Viele Wildbienen sind flexibel, andere auf bestimmte Pflanzen spezialisiert. Am Blutweiderich findet sich eine Art, die auf ihn angewiesen ist. Die Schenkelbienen sammeln am Gilbweiderich sogar Öl statt Pollen und mischen es mit Pollen als Nahrungsvorrat für ihre Larven. Diese Spezialisierung macht die Vielfalt empfindlich und Wildbienen zugleich zu einer wichtigen Indikatorgruppe für Ökologen.

Wo viele unterschiedliche und darunter auch seltene Arten vorkommen, lässt sich daraus auf die Qualität des Lebensraums schließen. Und genau deshalb ist der Fund im Diepental so wichtig. 45 Arten im ersten Untersuchungsjahr bedeuten: Die neue Landschaft funktioniert. Noch ist die Entwicklung längst nicht abgeschlossen. Andrea Jakubzik und Martin Denecke gehen davon aus, dass weitere Arten hinzukommen werden. Ihre vorsichtige Prognose: Die Zahl könnte sich in den kommenden Jahren verdoppeln. Auch Schwalben und weitere Fledermausarten könnten sich ansiedeln.

Das alte Gebäude auf dem Gelände bietet Unterschlupf für Fledermäuse.

Das alte Gebäude auf dem Gelände bietet Unterschlupf für Fledermäuse.

Ein Zuhause für die Heuschreckenwespe

Wildbienen sind nicht die einzigen Insekten, die Andrea Jakubzik im Diepental untersucht hat. Auch zahlreiche Wespenarten hat sie erfasst. Viele leben einzeln: Die Weibchen bauen eigene Nester und versorgen ihre Larven mit erbeuteten Insekten. So zeigt sich auch bei den Wespen, wie eng die Arten auf der Fläche miteinander verbunden sind: Wo es Pflanzen und Pflanzenfresser gibt, finden sich auch deren Jäger.

Ein besonderer Fund waren zwei Exemplare der seltenen Heuschreckensandwespe. In Nordrhein-Westfalen ist die wärmeliebende Art bislang nur selten nachgewiesen. Zugleich steht sie für eine Veränderung, die weit über das Diepental hinausreicht: Die Heuschreckensandwespe stammt ursprünglich aus südlicheren Regionen und breitet sich zunehmend nach Norden aus. „Das ist auch ein deutlicher Hinweis, dass sich das Klima bei uns verändert“, erklärt Martin Denecke. Dass eine wärmeliebende Art inzwischen in einem kühlen Tal wie dem Diepental auftaucht, ist für den Biologen besonders interessant. Die Wespe selbst ist dabei kein Problem für das Ökosystem. Sie findet hier offenbar eine passende Nische.

Ein besonderer Fund waren zwei Exemplare der seltenen Heuschreckensandwespe.

Ein besonderer Fund waren zwei Exemplare der seltenen Heuschreckensandwespe.

Ein Trittstein für die Natur

Wespen, Spinnen, Vögel und Fledermäuse profitieren von dem vielfältigen Lebensraum. Ein Monitoring erfasste bereits rund 50 Vogelarten, darunter den Mittelspecht und den Zwergtaucher. Gerade der Zwergtaucher zeigt, welche Bedeutung selbst kleine Gewässer für die Artenvielfalt haben können. 

Wir sind nicht verloren
Martin Denecke, Offenland Stiftung

Für Martin Denecke ist das Diepental mehr als ein Rückzugsort für seltene Tiere und Pflanzen. Es kann zu einem ökologischen Trittstein werden, von dem aus sich Biodiversität stabilisiert und weiter ausbreitet. Die wichtigste Erkenntnis des Projekts: Artenvielfalt lässt sich auch auf wenigen Hektar zurückgewinnen – vorausgesetzt, dort entstehen unterschiedliche Lebensräume. „Wir sind nicht verloren“, sagt Martin Denecke.