MedizinWie einer der Erfinder von Aspirin in Leverkusen bis heute verschwiegen wird

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Arthur Eichengrün im Wuppertaler Bayer-Laboratorium

Arthur Eichengrün im Wuppertaler Bayer-Laboratorium

Der Chemiker Arthur Eichengrün trieb entscheidend die Markteinführung von Aspirin voran. 

Aspirin erfreut sich auch im 125. Jahr seiner Markteinführung durch die Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co am 6. März 1899 weltweit enormer Beliebtheit. Ähnlich wie Tempo ein Synonym ist für Papiertaschentücher, steht der Name Aspirin für Medikamente gegen Schmerzen. Bayer selbst zählt Aspirin auch weiterhin zu seinen umsatzstärksten Produkten.

So groß die Bedeutung des Aspirin-Wirkstoffs Acetylsalicylsäure für das Unternehmen war und ist, so wenig bekannt ist der Weg von seiner Entwicklung im Bayer-Labor am 10. August 1897 bis zu seiner Markteinführung gut anderthalb Jahre später. Immerhin steht fest: Entwickler des Wirkstoffs Acetylsalicylsäure ist der Chemiker Felix Hoffmann. Doch das ist weniger als die halbe Wahrheit. Der zweite Vater des Schmerzmittels – zugleich auch derjenige, der dem neuen Medikament den Namen Aspirin gegeben hat – ist Arthur Eichengrün. Doch Eichengrün taucht in den Darstellungen zur Geschichte des Medikaments bis heute meist nicht auf. Und das hat viele Gründe. 

Der Chemiker kam 33-jährig im Oktober 1896 nach Wuppertal zu Bayer. „Carl Duisberg hat ihn mit dem ausdrücklichen Auftrag eingestellt, dass er eine systematisch arbeitende, wissenschaftlich-pharmazeutische Abteilung aufbaut“, erzählt dazu Ulrich Chaussy. Chaussy ist Autor einer neuen Biografie über Arthur Eichengrün. Fast zeitgleich mit der neuen, von Eichengrün geleiteten Abteilung ließ Duisburg damals von dem Chemiker Heinrich Dreser ein pharmakologisches Labor aufbauen. „Das war revolutionär damals. Bayer war die erste Firma, die in einem eigenen Labor die in seiner Forschung gefundenen Stoffe auf ihre medizinische Wirksamkeit und ihre Nebenwirkungen geprüft hat“, erzählt Chaussy im Gespräch mit dem „Leverkusener Anzeiger“. 

Dreser war sehr mächtig im Gefüge der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer & Co. Nur Wirkstoffe, die sein Labor passiert hatten und denen er sein Placet gegeben hatte, durften anschließend an Kliniken herausgegeben werden. Und Eichengrün und Dreser kamen offenbar nicht gut miteinander klar. Chaussy: „Das waren beides Alphatiere, die sich ziemlich spinnefeind waren.“ In dem im Bayer-Archiv erhaltenen Laborjournal vom 10. August 1897 schildert Felix Hoffmann, wie es ihm gelang, Acetylsalicylsäure chemisch darzustellen. Von einer Zusammenarbeit mit Eichengrün ist in dem Protokoll nichts zu lesen. Muss es auch nicht. Denn es geht darin nur um den Arbeitsprozess am Labortisch.

Und nicht darum, dass es, so Chaussy, Eichengrün war, der vor Hoffmanns epochaler Entdeckung die Versuchsreihe konzipiert hatte, in der Hoffmanns Arbeit nur ein Teil war. Sie erbrachte schließlich etwa acht Derivate der Salicylsäure. An der Reihe seien neben Hoffmann auch andere Chemiker beteiligt gewesen, so Chaussy. In einer Direktionsbesprechung 1897 regt Eichengrün nach positiven Ergebnissen mit Versuchstieren an, klinische Versuche mit Menschen mit Acetylsalicylsäure aufzunehmen. Dreser jedoch lehnt das ab und diffamiert den Wirkstoff als „direktes Herzgift“.

Eichengrün testet Acetylsalicylsäure an sich selbst

Das hätte das Ende von Acetylsalicylsäure sein können. Doch Eichengrün gibt nicht auf. Er testet den Stoff zunächst an sich selbst und stellt keinerlei negative Wirkung auf sein Herz fest. Dann lässt er einem befreundeten Bayer-Repräsentanten in Berlin 100 Gramm selbst hergestellten Wirkstoff zukommen und bittet ihn, das Präparat unter dem Siegel der Verschwiegenheit an befreundete Ärzte zum Test weiterzugeben.

Eichengrün tut damit genau das, wovon sich Bayer mit seiner neuen pharmakologischen Prüfabteilung eigentlich distanzieren wollte. Er geht den „medizinethisch fragwürdigen“ Weg (Chaussy) und lässt den Stoff fast aufs Geratewohl an Menschen ausprobieren. Mit erstaunlichem Erfolg, wie Eichengrün selbst später schildert. Einer der mit dem neuen Präparat versorgten Ärzte ist Zahnarzt. Als eines Tages ein Patient mit starken Zahnschmerzen zu diesem in die Praxis kommt, verabreicht er diesem Acetylsalicylsäure in recht hoher Dosis. Eine halbe Stunde später sind die Zahnschmerzen weg.

Mit dieser Erfolgsmeldung geht Eichengrün zu Duisberg. Dieser erkennt die Chancen, die in dem neuen Wirkstoff steckt, weist Eichengrüns Kontrahenten Dreser an, das neue Produkte zu Tests an verschiedene Krankenhäuser zu schicken und bereitet so den Weg für die Markteinführung von Aspirin. Denn die positiven Ergebnisse aus den Kliniken lassen nicht lange auf sich warten. Ein Jahr nach seinem Veto gegen den neuen Wirkstoff muss Dreser ihm eine positive Würdigung schreiben.

Bayer verschweigt den Aspirin-Erfinder jahrzehntelang

Doch, wie umgehen jetzt mit dem an die Methoden von Quacksalbern erinnernden, unkonventionellen Weg zu dem erfolgversprechenden Medikament? Bayer tue alles, so Chaussy, um die krumme Entdeckungsgeschichte um Aspirin nicht ruchbar werden zu lassen. Ein Chemiker, der am hauseigenen Labor vorbei, einen neuen Wirkstoff in Arztpraxen testen ließ? Das war gegen den vorgeschriebenen Weg und passte nicht zum Bild, dass das Unternehmen von sich schaffen wollte.

Ein Erfinder wird folglich bei der Markteinführung nicht genannt, auch nicht Felix Hoffmann. Der taucht erst in der Nazizeit als Aspirin-Vater auf. 1934, die Nazis waren seit einem Jahr an der Macht, sei die Legende erschaffen worden, so Chaussy, dass Hoffmann Versuche mit Salicylsäure gemacht habe, weil er seinem unter Schmerzen leidenden Vater Erleichterung verschaffen wollte.

Eichengrün findet sich 1899 damit ab, dass ihm im Zusammenhang mit Aspirin öffentlich kein Verdienst zugesprochen wird und er auch finanziell nichts von dem Markterfolg des Medikaments hat. Das tut er wohl auch, weil er weiter erfolgreich bei Bayer arbeitet, bald in der Entwicklung neuer Kunststoffe, und sich schließlich als Kunststoffproduzent auch erfolgreich selbständig macht. Doch während des Krieges, Eichengrüns Unternehmen haben die Nazis ihm, dessen Eltern Juden waren, weggenommen und er ist nur wegen seiner exzellenten Beziehungen noch in Freiheit, sieht er 1941 im Ehrensaal der Chemie des Deutschen Museums, dass dort neben Felix Hoffmann auch Heinrich Dreser als Urheber für Aspirin genannt werden.

Das lässt dem alten Mann keine Ruhe. Brieflich wendet er sich nach Kriegsende an die neue Unternehmensführung bei Bayer und stellt klar, dass er nie beansprucht habe, „der chemische Erfinder des Aspirins gewesen zu sein“ (Chaussy). Doch er fügt hinzu: „Daß ich es nötig habe, nach vollen fünfzig Jahren mich gegen Falschmeldungen zu wehren, ist recht bedauerlich, besonders bedauerlich für mich, der den Elberfelder Farbenfabriken auf den verschiedensten Gebieten Millionen eingebracht hat, ohne jemals aus formellen Gründen einen einzigen Pfennig Tantiemen zu erhalten.“

Bayer scheitert an dem Versuch, auf Eichengrün zuzugehen

In ihrem langen Antwortschreiben werben die damaligen Bayer-Verantwortlichen bei Eichengrün zunächst um Verständnis, dass sie Hoffmann als Erfinder von Aspirin ansahen. Dann fahren sie fort: „Es wird also, nachdem Sie uns in Ihrem Brief vom 7.6.1948 Ihren Anteil an der Herstellung genau geschildert haben, wohl richtiger sein, bei weiteren Anfragen die Auskunft zu erteilen: 'Aspirin: chemische Darstellung durch Felix Hoffmann auf Anregung von Dr. A. Eichengrün'.“ Die Verantwortlichen gehen sogar noch einen weiteren Schritt auf Eichengrün zu und bitten ihn „sehr“, ihnen eine etwas andere Formulierung mitzuteilen, falls er diese vorziehe.

Allein: Der Brief, der im Bayer-Archiv liegt, wurde aus Furcht vor Ansprüchen von Eichengrün „oder irgendwelchen Organisationen“ nie abgesendet. „Ich bin der Auffassung, dass die Bayer-Werke dieser Geschichtsklitterung endlich ein Ende machen und die Verdienste von Arthur Eichengrün angemessen darstellen müssen“, kommentiert Eichengrün-Biograf Chaussy die Haltung der Bayer AG „in diesem spannenden und vertrackten Wirtschaftskrimi. Das ist einfach überfällig“.

Eine Auffassung, die auch Pfarrer Detlev Prößdorf von der evangelischen Christuskirche in Wiesdorf teilt. Dort hat Chaussy jüngst eine Lesung aus seinem Buch gehalten. Prößdorf fragte einleitend, warum in einer Stadt wie Leverkusen, in der viele Straßen den Namen von Chemikern tragen, bislang keine nach Arthur Eichengrün als Vater der Aspirin-Entwicklung benannt sei und regte an, das zu ändern.

Die Bayer AG scheint sich einstweilen weiter auf die Dokumentenlage zurückzuziehen. Und das einzige belegbare schriftliche Dokument zur Entwicklung von Aspirin ist Hoffmanns Laborjournal. Zwar würdigte das Unternehmen in einer Mitteilung kürzlich Eichengrün als Begründer der medizinischen Chemie im Hause Bayer. Doch dann heißt es weiter: „Bereits 1899 wurde das Jahrhundert-Medikament Aspirin bereitgestellt, als dessen Entdecker der Chemiker Felix Hoffmann gilt.“


Biografie über Arthur Eichengrün

Ulrich Chaussy hat im Oktober 2023 das Buch„ Arthur Eichengrün – Der Mann, der alles erfinden konnte, nur nicht sich selbst“ beim Herder Verlag veröffentlicht. Chaussy, der für seine Bücher etwa über das Oktoberfestattentat oder Rudi Dutschke mit zahlreichen Preisen geehrt worden ist, schildert umfangreich belegt und mit zahlreichen historischen Aufnahmen auf 341 Seiten das Leben des 1867 als Sohn eines Tuchfabrikanten geborenen Eichengrün (alle Schwarz-Weiß-Aufnahmen in diesem Artikel stammen aus dem Buch).

Dabei ist die Entwicklung von Aspirin im Leben des Erfinders und Unternehmers nur eine, wenn auch herausragende Episode. Eichengrün überlebt den Krieg trotz KZ-Aufenthalt und stirbt 1949 in Bad Wiessee. (ps)

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