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BürgerbuschWas der neue Förster im großen Leverkusener Wald machen will

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Um den Bürgerbusch soll sich der Dipl. Ing. Forstwirt Nikolai Cramer kümmern. Mit seinem Hund Harro, einer deutschen Bracke.

Um den Bürgerbusch soll sich der  Forstwirt Nikolai Cramer künftig kümmern. Mit seinem Hund Harro, einer Deutschen Bracke, steht er im Wald nahe dem Grünen Weg. 

Im Bürgerbusch könnte sich was ändern, es gibt einen neuen Forstberater.

Ganz sicher ist die Tatsache, dass sich der Bürgerbusch in Privatbesitz befindet, einer der Stacheln im Fleisch der Leverkusener. Kein Wunder: Betrachtet man ein Luftbild von der Stadt, wird klar, wie wichtig dieser zentral gelegene Wald für Leverkusen ist: Er liefert Sauerstoff, filtert Luft, gibt vielen Erholung. Klimakarten zeigen, wie wichtig der Bürgerbusch fürs Stadtklima ist.

Der staatliche Revierförster hat wenig Rechte in dem Privatwald; eine Eigentümergemeinschaft entscheidet, was dort geschieht. Lesern und Fachleuten war in den vergangenen Jahren aufgefallen, dass die Inhaber besonders große und wertvolle Bäume aus dem Wald geerntet haben. Vielfach haben das Waldfreunde, aber auch anerkannte Fachleute als wenig nachhaltig im Sinne des Waldes erkannt. Dort werde Raubbau, kein Naturschutz betrieben, nicht einmal nachhaltige Forstwirtschaft, so die Vorwürfe. Aus Sorge um den Leverkusener Zentralwald gründeten Leverkusener die Interessengemeinschaft Bürgerbusch.

Ein Zeichen an einem Baum, der abgesägt werden soll.  Um den Bürgerbusch soll sich der Dipl. Ing. Forstwirt Nikolai Cramer kümmern. Bild: Ralf Krieger

Ein Zeichen an einem Baum, der abgesägt werden soll.

In dieser Woche stellte sich ein Förster vor, der sich jetzt im Auftrag der Inhaber um den Wald kümmern soll. Nikolai Cramer ist gelernter Diplom-Forstwirt und Unternehmer; er berät und kommt bei Bedarf in den Wald. Sein Firmensitz ist in Xanten. Wie auch die Inhaber, nach allem, was bekannt ist, nicht in Leverkusen leben, wird auch der Förster nicht ins Forsthaus mitten im Wald in Neuendriesch einziehen. Im Wald am Grüner Weg erklärt er, dass er zuerst mit Wegesicherung beschäftigt sei.

Luftbild vom Bürgerbusch Foto: Geobasis NRW/ Ralf Krieger

Ein Luftbild vom Bürgerbusch: Man sieht deutlich viele kahle Stellen, die erst vor wenigen Jahren durch Windbruch und vor allem Borkenkäfer entstanden sind.

Aus dem Busch sind zwar eine Menge Bäume herausgenommen worden in letzter Zeit, aber nicht die am Waldrand, die etwa auf die Straße fallen könnten. Der 44-jährige Cramer hat in seinem Berufsleben viel als Baumkontrolleur gearbeitet und entlang des Grüner Wegs einige Bäume mit einem roten Strich markiert: Die müssten bald gefällt werden, wegen der Wegesicherungspflicht. Dasselbe Problem habe er in Schlebusch an der Bensberger Straße festgestellt: Auch im dortigen Wald, der denselben Inhabern gehört, sind Bäume markiert, die er als gefährlich einschätzt. Die meisten blieben stehen, sagt er, das Gefühl, dass man durch einen Wald fährt, bliebe an den Straßen erhalten, verspricht Cramer. Für die Fällungen bittet er um Verständnis, die seien überfällig. Einige Bäume an der Straße sind grün markiert. Das bedeutet, dass darin tote Äste herausgeschnitten werden sollen, die herunterfallen könnten.

Eine besonders gewachsene Hainbuche im Bürgerbusch

Manche Bäume wachsen einfach schön krumm, so wie diese Hainbuche.

Wirtschaftswald oder ökologische Nische

„Ich bin kein Freund von Schubladen“, sagt der Forstingenieur. Das soll heißen, dass er Wälder weder als reine Geldmaschine noch komplett aus der ökologischen Warte heraus betrachten möchte. Berater haben zwar Einfluss, aber in letzter Konsequenz muss er als Dienstleister natürlich machen, was der Inhaber wünscht. „Mir hat nicht alles gefallen, was ich in dem Wald vorgefunden habe“, drückt es der Ingenieur diplomatisch aus. Dass die Waldarbeiter mit ihren Harvestern einfach kreuz und quer durch den Forst gefahren seien und die guten Bäume herausgeschnitten haben, gehe nicht.

Mir hat nicht alles gefallen, was ich in dem Wald vorgefunden habe
Förster Nikolai Cramer

Über die schweren Maschinen, die kreuz und quer tief verdichtete Spuren in den empfindlichen Waldboden gedrückt haben, hatten sich auch Leser immer wieder geärgert. Mit weißen Doppelstrichen hat Cramer kürzlich Gassen markiert, auf denen gefahren werden darf. Falls Bäume abseits davon gefällt werden, sollen die künftig mit Seilwinden herausgezogen werden. Cramer: „Das werde ich auch kontrollieren.“

Zeichen für einen Habitatbaum. Um den Bürgerbusch soll sich der Dipl. Ing. Forstwirt Nikolai Cramer kümmern. Bild: Ralf Krieger

Mit diesem Zeichen werden Habitatbäume gekennzeichnet. Sie bleiben stehen, auch wenn sie tot sind.

An einer Stelle sei der Boden so sensibel, dass Cramer darüber nachdenkt, dort die Stämme mit einem Pferd herauszuziehen, wenn gefällt wird.

Im Wald sind allerdings auch gesunde Buchen rot markiert, das nennt man „Durchforstung“: Buchen, die es im Wald ans Licht geschafft hätten, neigten dazu, nahe stehende Eichen zu verdrängen, sagt Cramer; um die wertvollen „Zukunftsbäume“ im Forst zu fördern, werden Buchen gefällt. Die Unternehmen, die mit der Durchforstung und der Wegesicherung beauftragt werden, werden mit dem Holz entlohnt, das sie aus dem Forst holen.

Eine tote Eiche an der Straße Zum Forsthaus im Bürgerbusch

Eine tote Eiche an der Straße Zum Forsthaus. Der wird gefällt, weil er irgendwann auf die Straße kippen könnte.

Einige Bäume haben ein Symbol, das an einen fliegenden Vogel oder eine liegende 3 erinnert. Die Bäume sind meist tot, sollen aber dennoch stehenbleiben für Insekten und Vögel. „Ich bin kein Freund davon, den letzten Knüppel aus dem Wald zu holen, es soll auch was verrotten“, sagt Cramer.

Der Begriff Nachhaltigkeit gehört heute zum allgemeinen Wortschatz. Er stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, die ein vorausschauendes und geduldiges Vorgehen erfordert. Um Aufforstung will sich Cramer bemühen. Die Inhaber des Bürgerbuschs haben auf den großen Waldstücken, auf denen der Borkenkäfer oder der Sturm den Bestand niedergemacht hatte, bisher nichts nachgepflanzt. Warum? Bäumchen sind teuer: Einen Hektar aufzuforsten, kann 15.000 Euro kosten. „Und mehr“, sagt Cramer.  


Eigentümer wechselte vor etwa 15 Jahren

Der Bürgerbusch (etwa 2,8 Quadratkilometer groß) gehörte bis etwa 2010 der Familie von Diergardt, die den Wald an den Porzer Immobilienhändler Wilfried Hilgert verkauft hat. Um den Verkauf gab es ein längeres juristisches Gezerre, aus dem der Porzer als Sieger hervorgegangen war. Er soll schließlich weniger gezahlt haben als die im Kaufvertrag ausgehandelte Summe von 2,2 Millionen Euro. Hilgert starb 2016. Die Stadt Leverkusen, damals im Nothaushalt mit Oberbürgermeister Reinhard Buchhorn, machte von ihrem Vorkaufsrecht keinen Gebrauch, was Kritiker bis heute aufregt. (rar)