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Kinderschutzbund„Es gibt Kinder in Leverkusen, die haben nur ein Paar Schuhe“

6 min
Almuth Turkowski, Bruno Bermes und Petra Hardt stehen dem  Kinderschutzbund Leverkusen vor

Almuth Turkowski, Bruno Bermes und Petra Hardt stehen dem  Kinderschutzbund Leverkusen vor

Bruno Bermes, ehemaliger Leiter der Gesamtschule Schlebusch, ist jetzt Vorsitzender des Kinderschutzbundes. Ein Gespräch mit dem Vorstandsteam zur Situation der Kinder in Leverkusen. 

Bruno Bermes, Almuth Turkowski und Petra Hardt sind das neue Vorstandsteam im Kinderschutzbund Leverkusen. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, wie es den Kindern in Leverkusen 2025 ergangen ist, und was sie sich für 2026 wünschen.

Herr Bermes, im Sommer 2024 sind Sie als Schulleiter der Gesamtschule in Schlebusch in Ruhestand gegangen, jetzt treffen wir Sie als Vorsitzenden des Kinderschutzbundes wieder. Wie ist es dazu gekommen?

Bruno Bermes: Schon vor rund sieben Jahren, als Helmut Ring gerade Vorsitzender im Kinderschutzbund geworden war und ich noch recht neu an der Gesamtschule war, hat er mich direkt angesprochen: Das scheint ja hier deine letzte Station zu sein, wenn du in Rente gehst, komm‘ zum Kinderschutzbund. Das wäre was für dich. Und von da an hat er auch nicht mehr lockergelassen, immer nachgefragt: Wie lange machst du noch? Du denkst dran, hier geht’s weiter! So war mein Weg vorgezeichnet (lacht).

Ein bisschen freiwillig machen Sie das aber schon?

Bermes: Ja klar, auch beim Privatmenschen Bruno Bermes war der Kinderschutzbund immer präsent. Wir haben die abgelegte Kleidung unserer Kinder immer zur Kleiderkammer gebracht und auch mal gegen etwas anderes eingetauscht, der Nachhaltigkeitsgedanke ist mir auch wichtig. Und meine Nichte war mal Fotomodell für Nummer gegen Kummer in Wuppertal. Als bekannt wurde, dass ich in Ruhestand gehe, kamen tatsächlich einige Organisationen auf mich zu und fragten, ob ich mich ehrenamtlich engagieren möchte. Aber da habe ich direkt gesagt: Nein, ich bin schon vergeben!

Wenn wir jetzt zusammen auf das Jahr 2025 zurückblicken: Wie geht es den Kindern in Leverkusen?

Almuth Turkowski: Nicht gut. Die Kinderarmut steigt, die Probleme werden größer. Wir erleben jetzt in der Beratungsstelle verstärkt auch die Folgen der Coronakrise, in der viele Kinder stark isoliert waren. Es gibt viel Aggression und Wut bei Kindern, die dann auch in der Schule nachhängen. Das zusammen mit der Kinderarmut ist ein großes Problem.

Bermes: Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen ist immer stärker verbreitet. Das liegt wohl daran, dass in Corona viele gar nicht gelernt haben, wie man soziale Kontakte aufbaut, oder sie sind in der Zeit verloren gegangen. Die Kinder haben in der Zeit verstärkt digitale Medien genutzt, den Wechsel zurück ins normale Leben haben viele nicht geschafft. So entsteht Einsamkeit.

Besonders in der Weihnachtszeit wird auch der Unterschied zwischen den Kindern, unter deren Baum sich die Geschenke stapeln und denen, bei denen es nichts oder wenig gibt, deutlich.

Petra Hardt: Absolut. Wir haben uns als Vorstand dieses Jahr auch an der Wunschbaumaktion beteiligt – mit Geschenken für jeweils 20 Euro, hübsch verpackt. Und es gibt Kinder, für die war das das Einzige, was sie zu Weihnachten bekamen.

Turkowski: Früher haben wir gesagt: Solche materiellen Einzelfallhilfen machen wir nicht, wir kümmern uns um Beratung und Hilfe. Aber es wird einfach nötig.

Hardt: Es gibt auch viele Familien, die kommen eigentlich klar, aber dann passiert etwas, und sie brauchen kurzfristig und unbürokratisch Hilfe. Etwa, um ein Kinderbett zu kaufen, oder einen Schulranzen. Oder Schuhe – es gibt Kinder in Leverkusen, die haben nur ein Paar Schuhe. Wie kann das sein, in so einem Land?

Warum hat sich die Situation so verschärft?

Turkowski: Die Mietsituation ist ein großes Problem. Wenn die Miete dreiviertel des Einkommens frisst, dann passiert danach nicht mehr viel. Allgemein geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander.

Bermes: Es wird ja schon einiges gemacht: Der Mindestlohn wurden erhöht, das ist gut. Und es gibt viele Möglichkeiten für bedürftige Familien. Bildung und Teilhabe zum Beispiel läuft super in der Schule. Wenn ein Ausflug oder eine Klassenfahrt gemacht wird, wird das darüber bezahlt. Ein Problem liegt bei den Familien, bei denen die Eltern nicht in der Lage sind, ihre Ansprüche geltend zu machen. Dafür sind wir in der Beratung auch da. Und ich sehe ein großes Problem bei denen, die ein bisschen zu viel haben, um Geld über Bildung und Teilhabe zu bekommen. Da klafft eine Lücke – zu viel zum Sterben und zu wenig zu Leben, sagt man. Die brauchen unsere Hilfe.

Wie kann man es hinbekommen, dass mehr Familien die Hilfe bekommen, die ihnen zusteht?

Hardt: Ein ganz wichtiger Baustein in der Stadt sind die frühen Hilfen. Wir beschäftigen die Lotsen der frühen Hilfen, die für Kinder bis zum sechsten Lebensjahr da sind. Die Lotsen sind im Klinikum und gehen zu jeder Mutter, die dort ein Kind bekommt. Und fragen nach: Haben Sie einen Kinderarzt, ist die Geburtsurkunde da? So kommt man ins Gespräch. Im letzten Jahr haben die Lotsen dort 1900 Gespräche geführt, davon nehmen rund 30 Prozent das Angebot wahr, sie werden vernetzt und weitervermittelt an unsere Stadtteilläden, an die Wellcome-Engel, an die Awo, an Gesprächsangebote. So wissen diese Eltern, wohin sie sich wenden können, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Und auch unsere Tür steht immer offen. Hoffentlich auch noch lange, die Finanzsituation der Stadt ist ja nicht die Beste …

Fürchten Sie größere Einschnitte für ihre Arbeit?

Hardt: Nachdem die Bezirksregierung den 15-Jahres-Plan für die Haushaltssicherung gekippt hat, können wir eigentlich jetzt gerade gar nichts sagen. Im ersten Plan sollte Geld für die Beratungsstelle gestrichen werden, aber an frühen Hilfen und Wellcome sollte festgehalten werden. Jetzt wissen wir gar nichts.

Bermes: Man kann schon sagen, dass die Stadt grundsätzlich gewillt ist, den Kinderschutzbund weiter zu unterstützen.

Was bedeutet diese Unsicherheit für Sie?

Hardt: Klinken putzen, Spenden sammeln. Mehr Mitglieder werben. Wir haben auch einen Förderverein, der uns den Rücken stärkt.

Bermes: Der ist auch wichtig, weil wir bei unseren Hauptamtlichen natürlich in der Pflicht stehen, die Gehälter zu zahlen. Deswegen müssen wir schauen, dass wir immer gut bei Kasse sind. Wenn die Unterstützung der Stadt nun weniger wird, müssen wir schauen, wo wir noch Geld herbekommen. Kopf in den Sand stecken hilft ja nichts.

Turkowski: Eine ganz tolle Aktion ist zum Beispiel auch die Bayer-Becherspende. Bei Fußballspielen im Stadion können Zuschauer ihre Becher spenden und das Pfand wird dann gesammelt gespendet. Da haben wir jetzt schon einmal 3000 Euro bekommen und es wurde uns versprochen, dass da nochmal was kommt, die Saison ist ja noch lang. Es ist auch schön, wenn Fans uns dann schreiben: „Hey, das ist uns eine Ehre, das zu machen.“

Sie sind also optimistisch, dass sie ihr Angebot nicht einstampfen müssen?

Bermes: Einstampfen ist in der derzeitigen Lage keine Option, wir würden im Gegenteil gerne ausbauen. Wir haben aktuell zwei hauptamtliche Beratungsmenschen, wegen der hohen Nachfrage würden wir eigentlich gerne eine dritte Kraft einstellen. Aber da muss natürlich das Gehalt sichergestellt sein.

Turkowski: Positiv stimmt uns auch, dass das Interesse etwa an einer Mitarbeit bei der Nummer gegen Kummer echt groß ist. Wir wollen im neuen Jahr wieder eine Ausbildungsgruppe starten. Ein erster Infoabend im Januar ist schon ausgebucht. Am 11. Februar gibt es einen zweiten Infoabend. Alle ab 16 Jahren, die interessiert sind, können sich gerne noch melden. Die Ausbildung ist eine tolle Sache, aber kostet uns natürlich auch viel Geld für Ausbilder und Supervisoren.

Zum Schluss haben sie noch einen Weihnachtswunsch für die Kinder in der Stadt frei.

Bermes: Ich wünsche mir, dass die Freizeitangebote, die für die Kinder in der Stadt gemacht werden, eher mehr werden, als weniger. Damit Kinder wieder mehr Kinder treffen und herauskommen.

Turkowski: Ich wünsche allen Kindern, dass sie in einer wohlbehüteten, unterstützenden Familie aufwachsen.

Bermes: Und dass die Eltern, die Unterstützung brauchen, den Mut aufbringen, das auch kund zu tun. Manche haben das Gefühl, versagt zu haben, wenn sie Hilfe in Anspruch nehmen. Aber das ist falsch, sie haben nicht versagt. Wer sich Hilfe holt, handelt verantwortungsbewusst für sich und seine Kinder.