Helen Brecht ist die sechste Trägerin des Förderpreises Kunst der Kölner Hochschule für Medien. „Liegenschaften“ ist ihre erste Einzelausstellung.
Kunstmuseum MorsbroichHelen Brecht findet Poesie und Weisheit, wo wir sie nicht vermuten

Helen Brecht vor einem Teil der Installation „Stilllegung eines Öltanks“
Copyright: Peter Seidel
Sie wissen, wie Papierfischchen aussehen, und Kleidermotten sind Ihnen auch ein Begriff? Aber was der gemeine Nagekäfer ist oder was Holzwürmer sind, wissen Sie nicht, möchten aber gerne mehr erfahren über diese Tierchen, die auch und gerade in Archiven leben? Dann sollten Sie die Textinstallation „Archives & Butterflies“ von Helen Brecht in Betracht ziehen. Die Installation füllt einen ganzen Raum im Schloss Morsbroich im Rahmen der Ausstellung „Liegenschaften“ von Brecht.
Die 1987 in Düsseldorf geborene Brecht ist sechste Trägerin des Flinta*-Preises der Kölner Kunsthochschule für Medien und des Kunstmuseums. „Liegenschaften“ im Kunstmuseum Morsbroich ist Brechts erste Einzelausstellung. Und zwei wesentliche Merkmale ihrer Kunst treten dem Betrachter und Leser an vielen Stellen entgegen. Das Widerständige, das Sich-Nicht-Unterkriegen-Lassen in dem Bestreben, die Welt zu einem Ort mit „Nestern der Fragilität“ zu machen, auch und gerade in einer Zeit, in der vom Bundeskanzler und von der Bundestagspräsidentin queeres Leben in Deutschland offen in Frage gestellt wird. „Das, was da gesagt wurde, beeindruckt mich sehr“, so Brecht. „Die einzige Reaktion für mich ist: nach vorne gehen“, sagt sie am Donnerstag bei der Vorstellung der Ausstellung im Museum. Diese Haltung tritt einem schon im ersten Raum entgegen, wo an der Wand ein kurzes Gedicht Brechts mit dem Titel „Die Tauben“ zu lesen steht.
„Eine Taube gurrte: Graue Tage habe ich schon/ viele gesehen. Sie pickte nach einem alten Stück/ Brot und verschluckte es vollständig./ Eine zweite Taube ließ sich in ihrer Nähe nieder/ und sprach: Genossin, wir schlucken das Grau der/ Tage und scheißen die Welt weiß./ Die Tauben erhoben sich.“
Und so präsentiert Brecht in einem für die Videoprojektion abgedunkelten Raum Textfragmente aus Interviews, die sie mit vier an Demenz erkrankten Frauen geführt hat. Die Texte sind von Schauspielerinnen gelesen, die interviewten Frauen sind nicht zu sehen. Wer sie hören will, setzt sich auf einen rotierenden Stuhl und die Kopfhörer auf. Auf der Videoleinwand sind währenddessen Motive von Materialien aus dem Altersheim zu sehen. „Es war mir wichtig, dass die Texte im Mittelpunkt stehen und man ihnen zuhört und nicht auf die Frauen reagiert. Ich will die Frauen nicht ausstellen“, so Brecht. Denn, so Ausstellungskuratorin Thekla Zell: „Diesen Frauen wird einfach nicht zugehört.“ Dabei haben sie so viel zu erzählen und zu sagen, unglaublich poetische Sätze, wie den für die Installation titelgebenden: „Heute machen wir die Augen zu und sehen noch genauso viel“.

Die Kölner Künstlerin Helen Brecht hat für eine ihrer Arbeiten mit vier an Demenz erkrankten Frauen gesprochen.
Copyright: Peter Seidel
Der zweite Aspekt ist der Perspektivwechsel auf Bekanntes, zu dem Brecht uns ein ums andere Mal einlädt. Im Raum für „Archives & Butterflies“, einem Raum voller Texte, geht es zunächst darum, wie Brecht erfolglos versucht hat, im Stadtarchiv die Nachlässe zweier Frauen einzusehen. Die Anfragen verliefen ins Leere. „Dieses Nicht-Drankommen hab’ ich zum Thema gemacht“. Anstatt sich mit den Archivalien zu beschäftigen, schafft Brecht selbst welche, indem sie ihren ehemaligen Liebhaberinnen Briefe schreibt. Und rückt dem Archiv auch auf sehr humorvolle Art und Weise auf den Leib, indem sie eine Art Hommage an Archivschädlinge schafft: „Ich hab’ ihnen Widmungen geschrieben.“
Wie viel Poesie auch in der „Stilllegung eines Öltanks“ begründet liegen kann, erfährt der Besucher im dritten Raum. In der Mitte steht ein Plexiglasbehälter mit Heizöl, über einen Projektor wird ein Text an die Wand geworfen, in dem der Prozess der Stilllegung eines Öltanks das Thema ist.
Der Raum wartet außerdem noch mit einer wieder sehr subversiv-humorvollen Variante von Parkscheinen auf, mit denen sich Bottroperinnen und Bottroper im Sommer 2024 konfrontiert sahen.
Das ist Ihnen im Stehen zu viel zu lesen und Sie wollen sich im Raum „Archives & Butterflies“ mal kurz auf diesen hübschen Hocker mit der runden hölzernen Sitzfläche setzen? Bitteschön, aber Vorsicht: Es steht was drauf.
Die Ausstellung „Liegenschaften“ von Helen Brecht wird am Sonntag, 10. Mai, 12 Uhr, im Rahmen der Morsbroicher Kunsttage eröffnet. Um 14 Uhr stellt Brecht ihre Arbeiten in einem Künstlerinnengespräch mit Kuratorin Thekla Zell vor. Der Eintritt ist frei.
