Am Mittwoch ist Merz erst ein Jahr im Amt, aber seine Regierung wirkt schon zerbrechlich. Über einen Mann, der an sich selbst scheitern könnte.
Ein Jahr als KanzlerKoalition, Emotion, Explosion – Ob Merz es noch lernt?

Am 6. Mai 2026 ist er ein Jahr im Amt: Bundeskanzler Friedrich Merz.
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Friedrich Merz fühlt sich sichtlich wohl an diesem Vormittag. Es ist ein scheinbar leichter Termin im heimischen Sauerland zu Beginn dieser wieder einmal brutal schweren Woche. Am Abend muss er zurück in Berlin sein, Vorstandsklausur seiner unzufriedenen Unionsfraktion, parallel dazu das Ringen um die Einsparungen im Gesundheitswesen. Obendrein die Aufstellung der Eckpunkte für den Haushalt 2027 samt Schließung von Milliardenlücken - sein Verhältnis zu Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) ist, naja, angeknackst.
Es wird eine Woche, die exemplarisch für das Wirken des Friedrich Merz in seinem ersten Jahr als Bundeskanzler ist: Emotion, Explosion, Konfusion und wieder Konzentration.
Ein Kanzler, der sagt, was er denkt
Montag voriger Woche. Die Europaschule im sauerländischen Marsberg bereitet dem Kanzler einen großen Empfang. Europa ist ein Herzensthema des einstigen Europaabgeordneten Merz. Die Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern hat etwas von Wohnzimmeratmosphäre.
Und so sagt der 70-Jährige, selbst Vater und Großvater, was er denkt. Und nicht, was der deutsche Regierungschef auf eine Frage zum verminten Terrain des US-israelischen Kriegs gegen den Iran besser hätte sagen sollen. Und wenn er noch so gefrustet ist, dass dieser Krieg den Mini-Wirtschaftsaufschwung in Deutschland zu Jahresbeginn gleich wieder zunichtegemacht hat.
Die Körperhaltung ist typisch für den 1,98-Meter-Mann: Ellenbogen auf die Stuhllehnen gestützt, Beine übereinander geschlagen, ernster Blick durch die Brille. Dann sagt er mit bedeutungsschwerer Betonung: „Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie.“ Das hätte Donald Trump trotz seiner Gier nach Lobpreisung vielleicht noch mit einem bloßen Seitenhieb beantwortet.
Doch Merz macht etwas, das eben auch typisch für ihn ist. Er redet drauflos. Oft bekommt er die Wirkung seiner eigenen Worte erst einmal gar nicht mit. Wie bei seiner Bemerkung über das „Stadtbild“ in Deutschland. Er wollte die Ängste vor allem von Frauen vor nächtlichen Begegnungen mit Gruppen krimineller Migranten aufgreifen, erweckte aber bei vielen den Eindruck, er stelle Migranten unter Generalverdacht. Trotzig wie er in solchen Momenten nun mal sein kann, mochte er das tagelang auch nicht aufklären.
Oder seine Feststellung, die gesetzliche Rentenversicherung werde „allenfalls noch eine Basisabsicherung“ im Alter sein. Eigentlich wollte er erneut auf die Selbstverständlichkeit hinweisen, dass man in dieser alternden Gesellschaft künftig mehr privat vorsorgen muss. Jetzt aber bekamen viele Menschen unnötig Angst, dass ihre gesetzliche Rente gekürzt werde.
Und so holt Merz in Marsberg zu einem Tiefschlag aus, den wohl kein US-Präsident verpackt hätte. Die Iraner seien offensichtlich stärker als gedacht, erklärt er seinen jungen Zuhörern. Dazu noch dies: „Da wird eine ganze Nation gedemütigt durch die iranische Staatsführung.“ Das Verbrecher-Regime in Teheran, das seine eigenen Bürger bei Demonstrationen abschlachtet, demütigt also nach den Worten des deutschen Kanzlers die demokratische Weltmacht USA. Das hat Konsequenzen.
Trump zieht Konsequenzen
Es sei kein Wunder, „dass es Deutschland so schlecht geht, sowohl wirtschaftlich als auch in anderer Hinsicht“, ätzt Trump. Merz wisse nicht, wovon er spreche. Am Freitag schließlich kündigt der US-Präsident den Abzug von mindestens 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Das dürfte Deutschland Geld und Sicherheit kosten. Er lerne es einfach nicht, falle oft zurück in die Oppositionsrolle, sei schon immer großsprecherisch gewesen, sagen Unionsanhänger, die ihn lange kennen.
Sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) hat es mal auf Plattdüütsch ausgedrückt, an einem Abend im ZDF, nachdem er im Bundestag die Vertrauensfrage gestellt hatte. „Fritze Merz erzählt gern Tünkram“, also Unsinn, antwortete Scholz auf die Frage, ob die Geschichte stimme, die Merz erzählt habe. Demnach hatte ein EU-Regierungschef Scholz in einer Sitzung aufgefordert, auch mal was zu sagen, und Scholz habe erwidert, dass jener Ministerpräsident ja auch nichts gesagt habe. „Zum Fremdschämen“, rief Merz.
Im Austeilen gut, im Einstecken weniger
Er hat sich dann wiederum den „Tünkram“ verbeten. Wobei ihn der „Fritze“ mindestens genauso geärgert haben soll. Bei Kritik ist Merz selbst etwas empfindlich.
Es ist kaum eineinhalb Jahre her, dass an jenem Tag im Dezember 2024 im Bundestag das Ende der Ampelkoalition besiegelt wurde. Für deutsche Verhältnisse ist ein Regierungsbruch eine Erschütterung. Merz wollte alles besser machen, die Wirtschaft ankurbeln, den Reformstau auflösen und die Stimmung im Land aufhellen. Der CDU-Chef ist mit einem solchen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein ausgestattet, dass es ihm kaum in den Sinn kommt, Fehlentwicklungen könnten auch an ihm liegen. In dieser Hinsicht ähnelt er Scholz übrigens sehr.
Miese Umfragewerte
An diesem Mittwoch ist Merz ein Jahr im Amt. Schlechte Umfragewerte für ihn und seine Regierung trüben die Stimmung bei Union und SPD, was sich wie Blei über die Bevölkerung legt. Dünnhäutig erlebt man Merz inzwischen häufiger, dann rutscht dem grundsätzlich höflichen Sauerländer eine pampige Bemerkung raus – ihm, der Rückschläge eigentlich wegstecken kann. Etwa, als er im Gegensatz zu allen Vorgängern bei der Kanzlerwahl am 6. Mai 2025 im ersten Wahlgang durchfiel. Schon am Abend legte er das zu den Akten.
Doch Meinungsforschungsinstitute bescheinigen ihm heute, er sei der bisher unbeliebteste Kanzler der Bundesrepublik. Da hilft es ihm wenig, dass er den Mut zur Schaffung des ersten Digitalministeriums hatte, mit Karsten Wildberger einen Manager zum Minister machte, der vorankommt. Auch die vielen Entscheidungen zur Stärkung der inneren Sicherheit, zum Kurswechsel in der Migrationspolitik und beim Bürgergeld, zu Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur, zur Ankurbelung der Wirtschaft und zum Abbau der Bürokratie haben in der Bevölkerung - den Umfragen zufolge - noch keine entsprechend positive Wirkung erzielt. Erfahrungsgemäß braucht es Zeit, bis die Menschen die Verbesserungen spüren. Das kann also noch kommen.
557 Vorhaben wurden insgesamt auf den Weg gebracht. Zugleich hat der zehnte Kanzler der Bundesrepublik Deutschland 31 Länder bereist. Eine extrem hohe Schlagzahl, die man nur mit einer überragenden Konstitution durchhält. Und trotzdem: Selbst eigene Parteikollegen reden über einen möglichen Bruch der Koalition, der Abgeordnete Christian von Stetten unkte sogar öffentlich, das Bündnis werde nicht die vollen vier Jahre durchhalten.
Minderheitsregierung?
Nicht schon wieder, möchte man rufen, das ist doch ein Spiel mit dem Feuer. Derzeit wären Union und SPD weit von einer Mehrheit im Bundestag entfernt, während die AfD im Aufwind ist. In sehr kleinen CDU-Kreisen wird dennoch durchgespielt, ob sich die Union nicht irgendwie der SPD entledigen und eine Minderheitsregierung stellen könnte. Das liefe allerdings auf eine Tolerierung durch die in Teilen rechtsextreme AfD hinaus.
Und das wäre das Ende der CDU, heißt es in anderen, größeren Kreisen der Union. Vermutlich würde Angela Merkel aus der Partei austreten und Armin Laschet die Fraktion verlassen. Aus der CSU verlautet sogar, sie würde die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufkündigen. Ganz zu schweigen von den vielen Anhängern, die sich von der Union abwenden würden.
Aber wie ernst dieses vermeintliche Hirngespinst Einzelner zu sein scheint, kann man an zwei Fernsehauftritten erkennen. Der eine von CSU-Chef Markus Söder, der andere von Merz, beide am Sonntagabend.
Merz erteilt Minderheitsregierung bei Miosga eine Absage
Ungewohnt milde wirbt Söder da im ZDF für Gemeinsamkeit in der Koalition. Er spricht von nötigen Erfolgen für Schwarz-Rot - und für die Demokratie. Dann sagt er diesen Satz über die Zeit vor der Machtergreifung der Nazis: „Weimar ist nicht gescheitert, weil die Radikalen so stark, sondern weil die Demokraten so müde waren.“ Er mahnt: „Müdigkeit und Ängstlichkeit und mangelnde Kompromissfähigkeit, das darf uns nicht passieren.“
Merz ist wenig später in der ARD-Talkshow „Caren Miosga“. Er schlägt überraschend in dieselbe Kerbe: „Vergesst die Hoffnung, dass es da was mit Minderheitsregierung oder Duldung der AfD gibt!“ Es ist eine Warnung an die Querulanten in den eigenen Reihen. Er jedenfalls, so ist es ihm jetzt zu glauben, würde das nicht mitmachen. Ob er die Vertrauensfrage stellen würde, um die anstehenden Reformen der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung durchzusetzen, fragt Miosga. Für jeden Kanzler sei das eine Option, aber er denke nicht darüber nach, antwortet er. Das ist kein Nein.
Es läuft im Moment nicht gut zwischen Union und SPD. Über Koalitionsvertrag und Kabinettsbesetzung wurde auf Augenhöhe entschieden, obwohl die SPD der deutlich kleinere Partner ist. Jetzt hätte die Union gern, dass die Sozialdemokraten Einschnitte ins Sozialsystem oder die Absage an eine Belastung von Spitzenverdienern ohne großes Murren mittragen. Aber das können die Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil nicht leisten, weil von der Sozialdemokratie vermutlich nicht mehr viel übrigbliebe. Die ersten beiden Landtagswahlen in diesem Jahr hat die SPD verloren. In den Umfragen liegt sie bei 12 Prozent. Todeszone für eine Volkspartei.
Merz bestreitet, Klingbeil angeschrien zu haben
In der SPD werden bei einem Koalitionsbruch Zugewinne für die AfD befürchtet. In Unionskreisen gibt es aber noch eine andere Lesart. Sollte die CDU auf eine Minderheitsregierung mit Tolerierung der AfD setzen, hätte die SPD bei der nächsten Wahl einen historischen Moment, heißt es. Und zwar mit der Glaubwürdigkeit, die die älteste Partei Deutschlands immer unter Beweis gestellt habe, auch zu Weimarer Zeiten: mit ihrem Antifaschismus.
Medien berichteten, Merz habe Klingbeil beim jüngsten Koalitionsausschuss angeschrien. Der Kanzler räumt „Meinungsverschiedenheiten“ ein. Aber er brülle niemanden an, betont er am Sonntagabend. Er schaut freundlich, wirkt versöhnlich, die Ruhe selbst nach dieser verrückten Woche. Miosga fragt ihn noch, was er sich aus heutiger Sicht zum Amtsantritt geraten hätte: „Ich hätte dem Friedrich Merz von damals gesagt: Bleibe geduldig.“ Dem Friedrich Merz von heute könnte er sagen, dass er aus Fehlern doch lernen kann.
