Bisher hat kaum ein Mehrparteienhaus Stromanschlüsse dafür. Das soll sich ändern, die Vorgaben werden bald deutlich verschärft.
E-MobilitätAuto laden im Mietshaus – so sieht es in Leverkusen aus

Die neuen Parkplätze am Sitz der WGL in Wiesdorf sollen auch Ladeanschlüsse bekommen.
Copyright: Thomas Käding
Es ist das alte Henne-Ei-Problem. Und es stellt sich für Menschen, die in einem Mehrfamilienhaus wohnen, ganz besonders. Das sind die allermeisten in Leverkusen. Es geht um Elektroautos. Wer kein Eigenheim mit Garage oder Parkplatz am Haus besitzt, hat zunächst auch mal keine Möglichkeit, das Vehikel daheim zu laden. Wallboxen in Mehrfamilienhäusern sind immer noch die absolute Ausnahme.
Dabei ist der Bedarf gewaltig. So gewaltig, dass zum Beispiel am Fürstenbergplatz in Opladen ein Unternehmen gegründet wurde, das sich auf den Ausbau dieser speziellen Ladeinfrastruktur spezialisiert hat: Wallbox Now.
Die Firma von Tahsin Yigit dürfte in naher Zukunft noch deutlich gefragter sein. Denn die Bundesregierung will, dass viel mehr Ladeinfrastruktur in private Gebäude kommt, vor allem natürlich in Mehrfamilienhäuser. Das Gebäude‑Elektromobilitätsinfrastruktur‑Gesetz, sinnvoll abgekürzt mit GEIG, macht dafür seit 2021 schon Vorgaben. Denn allzu viele Menschen schrecken vor einem Elektroauto zurück, weil sie es nicht ausschließlich in freier Wildbahn laden wollen. Warum das so ist, dazu später mehr.
Alles zum Thema EVL
- E-Mobilität Auto laden im Mietshaus – so sieht es in Leverkusen aus
- Strom und Gas Nach der Abrechnung: So prüfen Sie Ihren Abschlag
- Ab 1. März E-Auto-Fahrer verlieren Rabatt bei der Energieversorgung Leverkusen
- Versorgung in Leverkusen EVL kontrolliert Hausanschlüsse in Hitdorf und Bürrig
- Bildungsausschuss Großes Interesse an Diskussion zu Schulumzügen in Leverkusen
- Überspannung in Leverkusen Versicherung zahlt oft gar nichts
Die Regelungen werden sehr bald verschärft
Das GEIG wird aber sehr bald deutlich nachgeschärft, weiß Alpaslan Dilekci. Der Kollege von Tahsin Yigit bei Wallbox Now skizziert die erwarteten Neuerungen: Auch in kleineren Gebäuden müssen Leitungen verlegt werden, damit Wallboxen angeschlossen werden können. Es werde auch Pflicht, mindestens einen Ladepunkt zu installieren, es also nicht bei Leitungen zu belassen. Und das alles werde für viel mehr ältere Gebäude gelten, auch ohne große Sanierung. Sein Fazit: „Die Zeit, in der man das Thema gelassen aussitzen konnte, ist vorbei.“
Und zwar spätestens am 29. Mai. Bis dahin muss Deutschland die EU-Gebäuderichtlinie in nationales Recht umsetzen.

Alperen Bilal, Wallbox-Now-Gründer Tahsin Yigit und Ulrich Giesen an einer Stromzapfstelle in einer Burscheider Tiefgarage.
Copyright: Thomas Käding
Allerdings sind auch die jetzigen Vorgaben schon nicht ohne. Und das eben nicht nur für Neubauten. Sobald ein älteres Haus saniert wird, gelten die Bestimmungen auch dafür. „Es reicht, wenn sie die Gebäudehülle anpacken“, präzisiert Dilekci. Und da reichen auch Teile der Außenhaut: Der Richtwert beträgt 25 Prozent. Dann müssen – sofern es mehr als fünf gibt – sämtliche Stellplätze mit Stromleitungen ausgestattet werden: dick genug, um eine Wallbox zu betreiben.
Wohlgemerkt: Kein Hausbesitzer muss auch nur eine einzige Wallbox montieren, solange es dafür keine Nachfrage gibt. Das gilt für reine Wohngebäude. Bei gewerblichen Immobilien sind die Regeln strenger: Sobald diese renoviert wird, muss auch ein Ladepunkt her, wenn es insgesamt mehr als 20 Stellplätze gibt.

WGL-Chef Gerald Hochkamer registriert bisher kaum Nachfrage nach Wallboxen.
Copyright: Thomas Käding
Mit dem Thema Nachfrage nach Wallboxen haben Gerald Hochkamer und sein Kollege Jan Schwenke so ihre Erfahrungen. Und das macht den Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Leverkusen und seinen Prokuristen bislang nicht gerade zu Fans von Autosteckdosen in ihren Häusern. Vor allem, weil es sich um „relativ teure“ Infrastruktur handle, so Hochkamer. So habe man den großen WGL-Neubau in der Opladener Kantstraße selbstverständlich mit Wallboxen ausgestattet. Zehn Stück gebe es in der dortigen Tiefgarage, berichtet Hochkamer auf Anfrage. Bisher habe das aber in Sachen Elektromobilität kaum etwas gebracht: Nach nunmehr vier Jahren habe die WGL die erste Wallbox vermieten können. „Die Nachfrage ist nicht da“, muss Jan Schwenke bilanzieren.
Stromtankstellen passen gut in Parkdecks
Trotzdem werde natürlich bei allen Neubauten Ladeinfrastruktur für Elektroautos gebaut. Das geplante Parkdeck an der Luisenstraße in Manfort bekomme natürlich ebenfalls Wallboxen, so der WGL-Chef. Ebenso die Quartiersgarage am Königsberger Platz, die manchen Rheindorfer derzeit noch in Rage bringt. Aus Hochkamers Sicht ist die Pflicht, Ladepunkte vorzusehen, ein weiteres Argument für den Bau von Sammelgaragen. Auch wenn das teuer ist.
Im eigenen Haus, das betont der Geschäftsführer der Stadttochter, setze man konsequent auf Elektromobilität: „Wir haben fast 30 Firmenwagen. Ein Drittel der Flotte ist schon elektrisch.“ Auch, weil es dabei nicht bleiben soll, werden die neuen Parkplätze auf der Rückseite der WGL-Zentrale Ladepunkte bekommen. Und das kostete, so Hochkamer: mehr als 100.000 Euro allein für die Trafoanlage.
Die Lastverteilung ist entscheidend
Wenn es um die Stromversorgung der Ladepunkte gehe, werde aber oft übertrieben, sagt Alpaslan Dilekci vom Spezialisten Wallbox Now. Ein neuer Hausanschluss sei keineswegs notwendig. Eine wichtige Nachricht, denn der koste schnell mehr als 50.000 Euro und ist auch nicht schnell gelegt. Entscheidend sei ein „digitaler Dirigent“ für das Hausnetz, so Dilekci. Werde der Strom nur richtig verteilt über 24 Stunden, könne man auch viele Autos langsam laden. In der Regel ist dafür ja Zeit.
Und je günstiger die Ladeinfrastruktur ist, desto billiger könne man ja laden. Dilekci spricht von Preisen um die 29 Cent pro Kilowattstunde, und das sei noch nicht einmal die Untergrenze. Die Zukunft liege im „Smart Charging“: Wer sein Auto bei Stromüberschuss lädt – und den gibt es schon jetzt an sonnigen, windigen Tagen –, könne durchaus „bei null Cent landen“, so der Spezialist.
So weit muss es längst nicht kommen, um daheim günstiger Strom zu tanken als an einer öffentlichen Ladesäule. Dort kann je nach Anbieter die Kilowattstunde auch schon mal dreimal so viel kosten wie zu Hause. Und mit der Preistransparenz ist es auch nicht weit her. Vor allem nicht, wenn man in der Not zu einer Ladekarte greift. Dann fallen oft Roaming-Gebühren an, die an die schlimmsten Zeiten der Mobiltelefonie erinnern.
Gerade sind die lokalen Versorger dabei, ihre Kunden in diese Preishölle zu schicken: Das „TankE“-Netzwerk ist zerbröselt, die zugehörige App kann man schon seit Beginn des Jahres nicht mehr laden. EVL-Kunden wissen nach einer Recherche des „Leverkusener Anzeiger“ jetzt immerhin, dass sie ihren Zehn-Cent-Rabatt ab März nicht mehr bekommen. Der Versorger wickelt das Ladegeschäft an seinen wenigen Säulen in der Stadt künftig über einen Dienstleister ab. Damit sei es nicht mehr möglich, die eigenen Kunden zu bevorzugen, hieß es auf Nachfrage.
Es gibt also immer mehr Gründe, die Ladeinfrastruktur in Mehrfamilienhäusern auszubauen. Und das Henne-Ei-Problem zu lösen.

