Der größte Arbeitgeber im Chempark Leverkusen leidet unter vielen Problemen. Aktionäre kritisieren Vorstandschef Matthias Zachert deutlich.
ChemieDie Strategie bei Lanxess geht bisher nicht auf

Auch Lanxess hat tiefgreifende Probleme. Auch wenn sie ganz andere Ursachen haben als die der früheren Mutter Bayer.
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Der Konzernumbau bei Lanxess ist voriges Jahr abgeschlossen worden. Einen wirtschaftlichen Effekt hat das allerdings nicht gehabt, und das wurde am Donnerstag auf der Hauptversammlung mehr als einmal kritisch angemerkt. Die ehemalige Bayer-Chemie hat 2025 einen hohen Verlust gemacht. Das Minus von 577 Millionen Euro bezeichnete Aktionärsvertreter Frederik Beckendorff als „ernüchternd“. Der Mann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) äußerte Zweifel, dass die Strategie von Vorstandschef Matthias Zachert tatsächlich aufgeht.
Der Manager hat sich Stück für Stück von der Polymer-Chemie abgewandt und Lanxess zu einem tatsächlichen Spezialchemie-Konzern umgemodelt. Das, so die Überzeugung des Vorstands, macht das Geschäft weniger zyklisch, und der Energie- und Rohstoffeinsatz ist bei Spezialchemikalien auch ungleich niedriger. Gleiches gilt, wenn es um Investitionen geht.
Die europäische Chemie steht im perfekten Sturm
Zachert findet, dass er mit diesem Umbau den richtigen Riecher gehabt hat – und das vergleichsweise früh. Inzwischen träten viele europäische Chemieunternehmen die Flucht aus dem energieintensiven Massengeschäft an. Und das bedeute nicht nur Verkäufe, sondern oft auch Aufgabe: Seit 2022 habe sich die Zahl der Schließungen von Chemiewerken in Europa versechsfacht. Das entspricht rund 40.000 Arbeitsplätzen – „gut bezahlten Arbeitsplätzen, die nicht zurückkommen“, betonte Zachert. Die europäische Chemie stehe „im perfekten Sturm“ aus einer weltweit schwachen Nachfrage und einer Produktschwemme aus Asien.

Lanxess-Vorstandschef Matthias Zachert musste auf der Hauptversammlung eine Menge kritischer Fragen beantworten.
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Der Vorstandschef von Lanxess ist ein Freund klarer Ansagen. Mit dem Rahmen, den die EU-Kommission und die Bundesregierung bisher setzen, ist der Manager immer noch unzufrieden. Man befinde sich immer noch auf einer „ökologischen und wirtschaftlichen Geisterfahrt“; zu den inzwischen zwar versprochenen, aber nicht umgesetzten Gegenmaßnahmen sagte er: „zu wenig, zu langsam“.
Widerstand gegen chinesische Dumpingpreise
Das Umsatzminus von elf und der Ergebnisrückgang um 17 Prozent „spiegeln die schwere weltweite Krise unserer Branche“, fasste Zachert zusammen. Selbst in seiner neuen Aufstellung stehe der Konzern also „unter zunehmendem Druck“, vor allem aus China. Von dort würden Massenprodukte zu Dumpingpreisen in den europäischen Markt gedrückt, weil sich die USA mit den von Donald Trump verhängten Zöllen abschotten.
Was das im Einzelfall bedeutet, erklärte Zachert auf Nachfrage auch: So habe China den europäischen Markt mit Adipinsäure – das ist Zwischenprodukt für Nylon – regelrecht geflutet, natürlich zu Preisen, die deutsche Hersteller nicht machen können. Lanxess strengte eine Untersuchung bei der EU-Kommission an, und die verhängte schließlich 42 Prozent Einfuhrzoll für Adipinsäure aus China. Der Haken bei der Sache: Das Verfahren hat 18 Monate gedauert, weil man in Brüssel ausgerechnet in diesem Bereich personell schwach besetzt sei. Mit Blick auf die Dauer redete Zachert ebenso Klartext: „Ein Konzern wie wir kann sich das leisten, ein Mittelständler steigt da aus.“ Was wiederum Arbeitsplätze kosten könne.
Sparprogramme überlappen sich
Jobs fallen allerdings auch seit Jahren bei Lanxess weg. Die Sparprogramme überlappen sich inzwischen. Das erste mit einem Effekt von 150 Millionen Euro jährlich wurde nach zwei Jahren Ende 2025 abgeschlossen. Ein weiteres soll bis Ende nächsten Jahres 50 Millionen Euro sparen. Das dritte Sparpaket soll bis Ende 2028 550 Stellen kosten, davon zwei Drittel in Deutschland – vor allem im Lanxess-Tower, also der Verwaltung. Aber auch da wolle Lanxess „sozialverträglich und anständig“ vorgehen, versprach der Vorstandschef.
Aktionärsvertreter Beckendorff hat allerdings Zweifel: Kosten senken, das sei auf Dauer keine Strategie. Das ist auch die Sicht von Linus Vogel, der die Anleger der Sparkassen vertritt. Seine Wahrnehmung nach dem tiefgreifenden Umbau: Lanxess sei „ein kleinerer, verletzlicherer Konzern“. Das zeigten die Zahlen aus dem ersten Quartal. Vogel sieht „einen Tiefpunkt der Ertragskrise“. Besonders die in Leverkusen angesiedelte Tochter Saltigo zeige „eine auffällige Schwäche“.
Nächste Wende bei Saltigo
Die ehemalige Feinchemie setzt bisher auf Vorprodukte für den Agrarsektor, und das sei eigentlich ein guter Plan gewesen, betonte Zachert. Aber: Die Agrochemie in Europa schwächelt „das erste Mal seit 20 Jahren“, so der Vorstandschef. Abhilfe soll ein erneuter, kleiner Strategiewechsel bei Saltigo sein: Die Tochter setzt mehr auf Kunden in der Pharma-Branche, verliert allerdings auch Jobs.
Pech hatte Lanxess bisher auch mit einer anderen strategischen Entscheidung. Die Hinwendung zum eigentlich verlässlichen Bausektor traf in den vergangenen zwei, drei Jahren auf eine tiefgreifende Krise. Die könnte zwar wegen des Infrastrukturprogramms der Bundesregierung vorzeitig beendet werden. Bei Lanxess werde das aber „frühestens in der zweiten Jahreshälfte ankommen“, prophezeite Zachert.

Aufsichtsratschef Rainer van Roessel bekam bei seiner Wiederwahl weniger Stimmen als erhofft.
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Von einer anderen Krise profitiere der Chemiekonzern, berichtete der Vorstandschef: Seit März gebe es „ein leichtes Momentum“ bei der Nachfrage, aber nachhaltig sei dieser Effekt nicht: Denn der Grund ist, dass asiatische Unternehmen wegen des Kriegs im Iran nicht liefern können. Sobald der Engpass beseitigt ist, werde es damit vorbei sein.
Bleibt die Hoffnung auf eine allgemeine wirtschaftliche Belebung: „Wenn sich die Nachfrage erholt, wird Lanxess bereit sein“, kündigte Zachert an.
Zachert wird zu gut bezahlt
Aber diesen Wechsel auf die Zukunft wollte zumindest Deka-Mann Vogel nicht so einfach unterschreiben. Er sieht in Lanxess 2026 weniger einen diversifizierten Spezialchemie-Konzern als „einen geschrumpften Zykliker“, der stark von den großen Markttrends der Branche abhängt. Mit Blick auf die schlechten Ergebnisse hält er auch Zacherts Gehalt für überhöht: Der Vorstandschef bekam knapp 4,2 Millionen Euro.
Und weil der Aufsichtsrat die Strategie des Vorstands billigt, erneuerte Vogel seine Vorbehalte gegenüber dessen Vorsitzenden Rainier van Roessel. Der war unter Matthias Zachert Arbeitsdirektor – deshalb zweifelt der Aktionärsvertreter an dessen Unabhängigkeit. Dass die Sparkassen-Aktionäre in der Hauptversammlung durchaus Gewicht auf die Waage bringen, zeigte sich am Mittag in der Abstimmung: Der Vergütungsbericht, mit dem auch das Gehalt des Vorstandschefs genehmigt wird, bekam nur 85 Prozent Zustimmung. Und bei den Wahlen zum Aufsichtsrat erzielte van Roessel lediglich 87,5 Prozent, während seine ebenfalls neu zu bestimmende Kollegin Uta Kemmerich-Keil 94,6 Prozent bekam.
Der Konzernumbau bei Lanxess wird also kontrovers gesehen. Erst recht bei starken Verlusten, einem miesen Aktienkurs und einer Dividende von ganzen zehn Cent. Die wird am 27. Mai ausgezahlt.
