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BerichtImmer mehr Bewerber auf weniger Ausbildungsstellen in Leverkusen

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Jüngst für gute Ausbildung ausgezeichnet: Veranstaltungstechniker Andreas Winkelmann (l.) und Auszubildender Marco Dettmann erhalten das Zertifikat von Volker Zilles und Nicole Jordy.

Jüngst für gute Ausbildung ausgezeichnet: Veranstaltungstechniker Andreas Winkelmann (l.) und Auszubildender Marco Dettmann erhalten das Zertifikat von Volker Zilles und Nicole Jordy.

Die Agentur für Arbeit hat ihre Halbjahresbilanz zum Ausbildungsmarkt vorgelegt.

Auf 100 freie Ausbildungsplätze kommen in Leverkusen aktuell 195 Bewerberinnen und Bewerber – damit ist das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt noch einmal schlechter geworden. Im Vorjahr lag das Verhältnis bei 159 zu 100. Das geht aus der Halbjahresbilanz der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach hervor, die am Dienstag gemeinsam mit der IHK Köln und der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land vorgestellt wurde.

Die Schieflage wird aus zwei Richtungen befeuert: Die Zahl der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, steigt: 1032 Bewerberinnen und Bewerber listet der Bericht auf, das sind 21,7 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar knapp 57 Prozent mehr als im Jahr davor. Gleichzeitig bilden immer weniger Unternehmen aus: 539 Stellen wurden gemeldet, 13 Stellen weniger als zuletzt.

62 Prozent der jungen Menschen unversorgt

Damit gelten aktuell 639 junge Menschen, fast 62 Prozent aller Bewerber, als unversorgt – sie haben also noch keinen Ausbildungsplatz und keine Alternative gefunden. Allerdings blieben auch 391 der gemeldeten Stellen unbesetzt. Angebot und Nachfrage passen oder finden offensichtlich nicht gut zueinander.

Ein Hinweis auf die Gründe lässt sich in der Statistik zur Ausbildungsart finden: In Leverkusen werden an erster Stelle Auszubildende zum Chemikanten/Chemikantin (88 Stellen) gesucht, gefolgt von Kaufleuten im Einzelhandel (60) und Verkäufern (45). Auf der Liste der nachgefragten Ausbildungsberufe stehen hingegen Kaufmann/frau für Büromanagement, Kfz-Mechatronik und Medizinische Fachangestellte ganz oben. Diese werden nicht so häufig angeboten. Sich auf andere offene Positionen einzulassen, fällt vielen Interessenten offenbar schwer.

Schlechte Quote im Rheinisch-Bergischen Kreis

Noch deutlicher ist die Tendenz im Rheinisch-Bergischen Kreis: 1240 Bewerberinnen und Bewerber standen im März 2026 nur 586 gemeldeten Stellen gegenüber. Auf 100 Ausbildungsplätze kommen damit rechnerisch 215 Interessierte – die schlechteste Quote im gesamten Bezirk. 808 junge Menschen, gut 65 Prozent aller Bewerber, gelten als unversorgt. Besonders gefragt sind auf Bewerberseite Kfz-Mechatroniker, Kaufleute für Büromanagement und Fachinformatiker – Berufe, bei denen das Angebot der Betriebe weit hinter der Nachfrage zurückbleibt. Beim Stellenangebot führen Kaufleute im Einzelhandel und Verkäufer die Liste an – und finden weniger Zulauf.

Nicole Jordy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach, nimmt die Unternehmen in die Pflicht: „Fachkräfte fallen nicht vom Himmel – sie müssen ausgebildet werden. Daher ist ein Rückzug aus diesem Bereich keine Option.“ Wer heute nicht ausbilde, werde in wenigen Jahren mit einem massiven Fachkräfteproblem konfrontiert sein – zumal der geburtenstärkste Jahrgang der Bundesrepublik in drei bis fünf Jahren in Rente gehe.

Lichtblick Handwerk

Ein Lichtblick kommt aus dem Handwerk: In Leverkusen, dem Rheinisch-Bergischen Kreis und dem Oberbergischen Kreis zusammen verzeichnet die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land zum Stichtag März 2026 ein Plus von 15,6 Prozent bei den unterzeichneten Ausbildungsverträgen gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der freien Handwerksstellen übersteigt weiterhin die Bewerberzahl – Jugendliche haben dort also gute Chancen. Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, macht jedoch auf ein strukturelles Problem aufmerksam: „Nach wie vor fehlt häufig an Gymnasien die Offenheit dafür, nach dem Abitur eine Ausbildung im Handwerk zu absolvieren.“

Gleichzeitig macht die Agentur für Arbeit selbst darauf aufmerksam, dass die Zahlen durch eine „prozessuale Umstellung“ bei der Bundesagentur leicht verfälscht seien. Bundesweit würden demnach rund sechs Prozent zu wenige gemeldete Ausbildungsstellen ausgewiesen, auf Landesebene bis zu neun Prozent. Die tatsächliche Lage auf der Angebotsseite sei damit wohl etwas günstiger, als die abgebildeten Zahlen darstellen. An der Korrektur werde gearbeitet.

Trotz dieses Vorbehalts bleibt die Tendenz eindeutig: Die Schere zwischen Angebot und Nachfrage öffnet sich. Jordy appelliert deshalb an die Unternehmen: „Wer ausbildet, tut etwas für die Zukunft – für die des eigenen Unternehmens und die der angehenden Fachkraft.“