Hat der Bekannte seine Umhängetasche freiwillig abgegeben? Oder wurde sie ihm von drei jungen Männern abgenommen und die 1000 Euro waren nur das sehr willkommene, aber zufällige Ergebnis jenes abendlichen Treffens am Akdeniz-Grill gegenüber dem Wiesdorfer Bahnhof?
Zuvor war laut Anklage von einem „Denkzettel“ die Rede, den drei junge Männer einem Bekannten am 18. Juli 2026 verpassen wollten. Im Ergebnis ist das gelungen – spätestens, nachdem ein vierter Kumpane das Opfer im nahen Stadtpark gestellt hatte: Da gab er die Bauchtasche ab, in der 1000 Euro steckten. Wie freiwillig das sein konnte, nachdem er mit Pfefferspray traktiert, mehrfach mit einem Teleskopstab auf den Kopf geschlagen und ihm ein Messer an den Hals gesetzt worden war, ist die Frage. Zumal sich eine Morddrohung dazugesellte: „Wir töten Dich jetzt“, ist in der Anklage festgehalten.
Die Frage soll in den kommenden Wochen von der 3. Großen Strafkammer am Kölner Landgericht beantwortet werden. Aber: „Das Geschehen liegt ziemlich im Dunkeln“, stellt am Dienstag Stephan Kloke, der Vorsitzende Richter, fest. Wie weit die drei Angeklagten sich an der Aufklärung beteiligen, ist beim Prozessauftritt noch nicht klar.
Aussagen widersprechen Darstellung der Polizei
Dafür tritt am Mittag der wichtigste Zeuge auf. Aber das, was das Opfer am Dienstag erklärt, hat kaum etwas mit seinen beiden Aussagen vor der Polizei zu tun: „Von den Jungs hat mich keiner angegriffen“, sagt er mit Blick auf die drei Angeklagten. Der in der Anklage erwähnte vierte Mann habe ihn mit Pfefferspray attackiert und ein Messer gezückt, ein weiterer Unbekannter mit dem Teleskopstock geschlagen. Und die Bauchtasche mit den 1000 Euro? „Habe ich selbst weggeworfen“, so der Zeuge.
Immer wieder behauptet der 24-Jährige, sich nicht erinnern zu können – die Antworten auf seine Fragen sind derart wirr, dass Richter Kloke zusammenfasst: „Das sind alles Angaben, die wir schwer glauben können.“ Weil gegen das vorgebliche Opfer in anderer Sache ermittelt wird, zieht Kloke Konsequenzen und beendet die Vernehmung mit einem Haftbefehl. Vor Saal 112 des Kölner Landgerichts nehmen zwei Wachtmeister den Zeugen in Empfang.
Für die Verteidiger ist dieser Zeugenauftritt Anlass für Anträge, die beiden inhaftierten Angeklagten sofort zu entlassen. „Wegen so einer Aussage sitzt mein Mandant jetzt seit Monaten in Untersuchungshaft“, empört sich Sebastian Schölzel. Abdou Gabbar, dessen Schützling nicht in U-Haft sitzt, beschreibt die Lage im Verfahren so: „Würfeln wir hier etwas aus?“
Selbst die Staatsanwältin sieht keinen Grund mehr, zwei der drei Angeklagten in Haft zu lassen. Die Kammer beurteilt die Lage nach Beratung auch so. Die Haftbefehle bleiben zwar aufrechterhalten, aber außer Vollzug. Trotzdem muss versucht werden, das Geschehen am Akdeniz-Grill und im Stadtpark zu entwirren.
Einer ließ Geld aus Betrügereien parken
Klar ist bisher, dass die drei Angeklagten – sie sind 20, 21 und 22 Jahre alt – befreundet sind. Und nicht unbescholten. Wegen Vorstrafen sitzen zwei von ihnen seit dem Vorfall in Untersuchungshaft. Dem Ältesten des Trios wird zudem Geldwäsche vorgeworfen: Er soll sein Girokonto bei der Sparkasse Leverkusen zur Verfügung gestellt haben, um dort insgesamt knapp 6000 Euro zu parken: Vor zwei Jahren waren zwei Personen Opfer von Telefonbetrügern geworden. Sie hatten sich laut Anklage als Bankmitarbeiter ausgegeben und die Opfer gewarnt, dass gerade hohe Geldbeträge von ihren Konten abgebucht würden. Um das zu stoppen, sollten sie Transaktionsnummern bestätigen. In Wahrheit floss erst dadurch Geld ab: einmal 1000, tags darauf sogar knapp 5000 Euro.
Die Beteiligung an diesem großen Betrug gibt der Angeklagte sofort zu – bleibt die räuberische Erpressung nebst schwerer Körperverletzung eineinhalb Jahre später am Bahnhof Leverkusen-Mitte.
Es gibt viele Gemeinsamkeiten
Die Lebensläufe der drei Angeklagten ähneln sich in gewisser Weise. Der Älteste macht noch den gefestigtsten Eindruck: Er habe die entsprechende Ausbildung zwar nicht abgeschlossen, sei aber Friseur aus Leidenschaft. Die lebe er im Salon seines Bruders aus, in der Kölner Südstadt. Sein Lebensmittelpunkt ist allerdings weiterhin in Wiesdorf, wo sein Vater und seine Mutter wohnen. Insgesamt habe er zehn Geschwister, sagt der junge Mann mit arabischen Wurzeln und deutschem Pass.
Sein zwei Jahre jüngerer Freund hat vier Geschwister, aber seine Eltern entstammen echten Großfamilien: Der Vater habe elf, die Mutter neun Geschwister. Schon in der Kindheit sei es nicht so gut gelaufen, berichtet er. Auf der Gesamtschule Rheindorf habe er Stress mit Lehrern und Mitschülern gehabt. Zunächst wurde er in eine Förderklasse gesteckt, nach der neunten Klasse sei er abgegangen. Die Ausbildung in einem Heizungs- und Sanitärbetrieb hat er nach drei Monaten abgebrochen. Seine Bemühungen, an der Volkshochschule den Realschulabschluss nachzuholen, blieben ohne Erfolg. Es folgten Jobs hier und da. Inzwischen aber sei Licht am Ende des Tunnels, sagt der junge Mann, der als Einziger nicht in Untersuchungshaft sitzt: Über einen Vermittler arbeite er jetzt in der Autoproduktion.
Kaum Kontakt zum kleinen Sohn
Der Dritte im Bunde hat dagegen gerade eine Bewährungshelferin zur Seite gestellt bekommen. Er sitzt in der Haftanstalt Wuppertal-Ronsdorf, und das scheint seinem Leben eine gewisse Struktur zu geben. Der 21-Jährige berichtet allerdings von vielen Problemen in seiner Kindheit: Vor seinem Vater, der aus Togo stammt, habe er sehr viel Angst gehabt und sei geschlagen worden. Das Verhältnis zu seiner Mutter, die aus Tunesien stammt, sei hingegen gut. In der Schule sei er sehr oft allzu lebhaft gewesen – gerade auch im Verein mit seinem Bruder. Auch er hat die Gesamtschule in Rheindorf nach der neunten Klasse verlassen, also nur einen Hauptschulabschluss erlangt.
Er hat aber auch noch ein anderes großes Thema: Vor eineinhalb Jahren hat seine Ex-Freundin ungeplant einen Sohn geboren. Den hat er bislang kaum mal gesehen, die Ex wohnt in Bonn. Das nächste Problem: Er hat mehr Drogen genommen als seine Freunde, außer Cannabis gelegentlich auch Kokain. Im Knast kam erst einmal der Entzug.
Inzwischen habe der junge Mann nachgedacht, sagen seine Bewährungshelferin und seine Anwältin Pina Klara: Er wolle künftig versuchen, seinem kleinen Sohn ein besseres Vorbild zu sein. Dazu gehört natürlich auch, dass er ihn häufiger sieht.

