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„Ich darf nicht zeigen, wofür ich bezahle“Warum ein Leverkusener Wirt die WM-Spiele nicht zeigen darf – obwohl sie im Free-TV laufen

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Viele Fans wollen in Kneipen und Bars die WM-Spiele verfolgen. Doch für die Inhaber kann genau darin die Problematik liegen.

Viele Fans wollen in Kneipen und Bars die WM-Spiele verfolgen. Doch für die Inhaber kann genau darin die Problematik liegen.

Dede Haprich steht vor der WM vor einem rechtlichen Rätsel: ARD und ZDF laufen – aber er darf sie in seiner Kneipe nicht ausstrahlen. 

Dede Haprich ist seit jeher Fußballfan. Seit 13 Jahren führt er das Jraaduss, eine Kneipe in Leverkusen. An einem normalen Sonntag ist bereits gegen 22 Uhr dicht, es ist nicht viel los. Zur am Donnerstag beginnenden Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada könnten es mehr werden, besonders zum ersten Spiel von Deutschland gegen Curacao. „Dann könnten 20 Gäste zusammenkommen, bei den anderen Spielen spätabends ungefähr fünf Gäste“, erklärt Haprich. Könnte — wenn er die Spiele zeigen dürfte. Darf er aber nicht.

Ohne Sky gibt es keine Lizenz

Oder genauer: Darf er nicht, ohne gegen geltendes Recht zu verstoßen. Denn was zunächst wie ein kleines Ärgernis klingt, ist ein bundesweites Problem — und eines, das die meisten Wirte und nahezu alle Gäste noch gar nicht kennen.

Die Deutsche Telekom hat für die Fußball-WM 2026 in Deutschland die Rechte an allen 104 Spielen erworben. Dass trotzdem etwa 60 Partien bei ARD und ZDF laufen, ist einer Sublizenzierung geschuldet: Die Telekom hat die Free-TV-Rechte an die Öffentlich-Rechtlichen weitergegeben — die Gastro-Rechte jedoch nicht. Stattdessen hat sie dafür eine Kooperation mit Sky geschlossen. Das bedeutet im Klartext: Wer als Wirt WM-Fußball zeigen will, braucht zwingend einen Sky-Decoder. Auch dann, wenn dasselbe Spiel gleichzeitig auf ARD oder ZDF läuft.

Kneipen ohne bestehendes Sky-Business-Abo können für einmalig 299 Euro einen sogenannten Sky-Gastro-Pass erwerben. Bestehende Sky-Kunden erhalten die drei neu eingerichteten MagentaTV-WM-Senderkanäle ohne Aufpreis. Wer hingegen einfach ARD oder ZDF einschaltet und das öffentlich-rechtliche Signal über seinen Fernseher laufen lässt — wie er es jeden anderen Abend tut —, begeht eine Lizenzverletzung und Strafen drohen, sollte es auffliegen.

Haprich zahlt GEMA-Gebühren für seine Gastronomie — eine Pauschale, die explizit auch die gewerbliche Nutzung von Fernsehgeräten und den öffentlich-rechtlichen Sendern umfasst. „Ich zahle meine Fernseher extra über das Portal der GEMA“, erklärt er. „Das betrifft natürlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sprich eigentlich alle Spiele, die wir so zeigen können und wollen. Ich darf das öffentlich-rechtliche Signal aber nicht verwenden, obwohl ich es bezahle. Es ist absoluter Wahnsinn.“

Großer Ärger über Vereinbarung

Wobei — die 299 Euro wären für ihn nicht das eigentliche Problem. „Mir geht es nicht darum“, sagt er. „Wenn die Öffentlich-Rechtlichen ihre Hand aufhalten würden und sagen: Ihr müsst jetzt euren Obolus dafür zahlen — dann mache ich das. Ich bin Unterstützer der Öffentlich-Rechtlichen, das liegt an meiner Erziehung. Ich bin noch mit der Tagesschau großgeworden. Mir geht es ausschließlich ums Prinzip.“ Er erläutert dies: „Ein privates Unternehmen verkauft dem anderen privaten Unternehmen ein Signal und verbietet dem Handel und dem Gewerbe die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Signals bei Fußball-Weltmeisterschaften“, formuliert er. „Das kann meines Erachtens nicht Recht sein. Von meinem Gefühl her schreit in mir alles: Hier wird einfach Recht gesprochen ohne Rechtsgrundlage.“ Auch der fixe Betrag von 299 Euro, unabhängig von der Größe des Lokals, findet Haprich nicht fair: „Normalerweise unterscheidet Sky bei der Größe.“

Der Medienstaatsvertrag schreibt vor, dass Spiele der deutschen Nationalmannschaft für jeden empfangbar bleiben müssen. „Für jeden heißt für jeden“, sagt Haprich. „In meiner Demokratie, in meinem Rechtsverständnis.“ Er hat sich bereits an diverse Stellen gewandt: ARD, ZDF, WDR und die GEMA. Geantwortet hat bislang kaum jemand. Auch der Leverkusener Oberbürgermeister Stefan Hebbel, den er aus der Corona-Zeit kennt, sagte, das Thema könnte sogar EU-Recht berühren. Dass die Telekom das Ganze möglichst still hält, hält er nicht für Zufall: „Ich behaupte, die machen das extra nicht so publik.“

 Ein privates Unternehmen verkauft dem anderen privaten Unternehmen ein Signal und verbietet dem Handel und dem Gewerbe die Nutzung des öffentlich-rechtlichen Signals bei Fußball-Weltmeisterschaften.
Dede Haprich

Haprich werde die WM deshalb nicht zeigen — obwohl er weiß, dass viele Kollegen einfach den Fernseher einschalten werden. „Das machen alle, das weiß jeder. Entweder sie zucken mit der Schulter und sagen: Wusste ich ja nicht. Wobei wir wissen: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“ Das Risiko, das er selbst trage, sei ihm zu groß: Bei einer Kontrolle drohen laut seiner Einschätzung bis zu 250.000 Euro Bußgeld. Also werden seine Stammgäste am Sonntag wohl ihre Laptops mitbringen und darüber streamen.

Was ihn aber fast noch mehr ärgert als die eigene Lage, ist die Ungerechtigkeit im Kleinen. Sein Nachbar etwa dürfte 50 Gäste im Vorgarten platzieren, zwei Fernseher aufstellen, die Spiele als Privatperson laufen lassen. „Das wäre völlig okay. Und ich darf das nicht. Kompletter Wahnsinn. Ich möchte ganz einfach eine Fußball-WM mit meinen Gästen gucken.“

„United as one“ ist eine Fehlanzeige

Das Motto der WM 2026 lautet „United as One“ — vereint als Eines. Eine Weltmeisterschaft, die verbinden soll, Menschen zusammenbringen, über Grenzen hinweg, sowohl vor Ort aber auch in Deutschland. Das ist ein schöner Gedanke. Und er reibt sich auf eine fast schon komische Weise mit dem, was Dede Haprich gerade erlebt: Er soll ausgerechnet vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das er mitfinanziert, vom gemeinsamen Erleben ausgeschlossen werden — damit ein Konzern seine Investition refinanziert. Fußball führt zusammen, heißt es immer. Nur eben nicht überall und nicht für jeden.

Ob Haprich einen Anwalt findet, der den Fall aufgreift, weiß er noch nicht, auch weil die Kosten hoch sind. Ob der deutsche Hotellerie- und Gastronomieverband e.V. seinen Aufruf aufnimmt, die GEMA-Gebühren für WM-Lokale zurückzufordern, ebenfalls nicht. Aber dass er schweigt — das ist ausgeschlossen. „Ich schlafe damit ein, ich werde damit wach.“ Dede Haprich ist seit jeher Fußballfan. Daran hat sich nichts geändert. Nur dass „United as One“ in seiner Schankwirtschaft in Leverkusen in diesem Sommer offenbar nicht gilt.