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Alternativer Karneval„Wasser marsch“ auf Leverkusens kleinster Sitzung

4 min
Szene aus Leverkusens kleinster Sitzung

Was kostet dieses Badetier? Das heitere Preiseraten mit Ralf aus Opladen, „Gündä“, der Tigermücke, „Dieter“ und Katharina aus Monheim (von links)

„Glühphosat“ und andere Ingredienzien: Karneval traf Kabarett im Kulturausbesserungswerk.

Dieser Abend beginnt mit Tangipan. Schließlich sind wir in Leverkusen. Fabian Vollbach, an diesem Abend heißt er wieder Dieter, schwelgt in Erinnerungen an Bayers tolles Präparat mit einem Dutzend Vitaminen. Die Wirkung sei spektakulär gewesen. Fast hätte man glauben können, das Unternehmen habe da schon einen Wirkstoff ausprobiert, der erst viel später zugekauft wurde und die Firma seit ein paar Jahren an den Abgrund führt: „Glühphosat“.

Wer im Schatten des Bayer-Kreuzes Karneval feiert, bekommt da auch nüchtern einen Lachanfall. Und darum geht es ja auf Leverkusens kleinster Sitzung. Deren Programm taumelt in gewohnter Manier zwischen Satire, Skurrilitäten und aufregender Musik. Fast noch mehr Kreativität als in den Nummern auf der Bühne steckt in den Einspielfilmen. Allerdings versendet sich so mancher guter Einfall ein bisschen. Das liegt nicht nur am häufigen Klirren umfallender Flaschen im voll besetzten Kulturausbesserungswerk, sondern einfach am Grundrauschen im Publikum.

Ob der Flaschenlärm den diesmal gesundheitlich etwas angeschlagenen Sitzungspräsidenten Wolfgang Müller-Schlesinger wirklich nervt, lässt sich gar nicht genau ausmachen: Dass „dä Gündä“ aus Rüdesheim droht, nach der fünften umgekippten Flasche die Kölsch-Preise zu verdoppeln, sorgt jedenfalls erst mal für Vergnügen – und weiteres Klirren aus dem Untergrund.

Der Nord-Süd-Gegensatz

Zu Beginn verwandelt sich Hausmeister Wuzz in die Tigermücke Wuzz, ausgesprochen „Tiger-Mück“. Egbert Rumpf-Rometsch bestreitet den restlichen Abend in einem schreiend komischen Kostüm – das bringt’s bei seinen vielen Auftritten. Schließlich hat er bei diversen Quiz-Runden zu assistieren: LKS ist ja nichts für den stumpfen Konsum, da muss man schon mal mitmachen und wird auf die Bühne gezerrt. Allein aus der Sitzordnung ergeben sich Team Nord und Süd; da ist die Gegnerschaft da, ehe man es sich versieht.

Rachel und Roland drehen am Glücksrad – und das lange, bevor der Spruch erkannt wird: „Jemandem den Wind aus den Segeln nehmen.“ Denn es geht immer wieder um den Klimawandel. Auch wenn der in der Stadt mit der „hohen Durchfahrqualität“, die ihr ernsthaft von Gutachtern bescheinigt wurde, noch immer kaum wahrgenommen wird: Wupper- und Dhünn-Hochwasser hin oder her. Ist ja jetzt auch schon bald fünf Jahre her.

Szene aus Leverkusens kleinster Sitzung

Auf religiöse Abwege begaben sich Mark Welte, Michael Meierjohann und Nina Schäfers.

Das Klima-Ding scheint immer wieder hervor, oft subtil, manchmal drastisch wie im Angebot der Touristiker von „Final Destination Reisen“: „Schauen Sie dem letzten Eisbären dabei zu, wie ihm die letzte Scholle unterm Arsch wegschmilzt.“

Zwischendurch wird es auch immer wieder lokal. Der AfD-Mann Yannick Noé, der sich als Kulturpolitiker versteht und deshalb den Vorsitz des entsprechenden Stadtratsausschusses übernommen hat, bekommt natürlich eine Breitseite, weil er städtische Finanzspritzen an die Kultur plötzlich politisch bewerten lassen will. Das trifft nicht nur auch, sondern vor allem das Kulturausbesserungswerk.

Szene aus Leverkusens kleinster Sitzung

An irren Schlagwerkzeugen herrscht an der Musikschule kein Mangel, also auch nicht im Kulturausbesserungswerk.

Streng lokal ist auch in der 2026er Edition von LKS Andreas Bender unterwegs. Die exorbitante Stadtverschuldung bringt er so auf den Punkt: „Jedem Leverkusener fehlen 350 Kästen Bier.“ Das muss man sich mal vorstellen. Sein Vorschlag, um Geld in die Kasse zu bekommen: „Wir verkaufen die Waldsiedlung für 30 Milliarden nach Köln.“ Angesichts der Friedhofsruhe dort „würde das sowieso keiner merken“. Kein Schaden also aus Opladener Sicht.

Potenzial habe, dass in Leverkusen die meisten Ehen geschieden werden. Im deutschen „Scheidungsparadies“ ließen sich tolle, neuartige Dienstleistungen anbieten: Scheidungsplaner, mit der Kutsche zur Eheauflösung ins Amtsgericht, Scheidungsgarderobe – warum nicht? Vielleicht würden solche Firmen sogar Gewerbesteuer bezahlen. Auch das wäre etwas Neues.

Der Saal im Kulturausbesserungswerk bei Leverkusens kleinster Sitzung

Und am Schluss machen wieder alle mit: Leverkusens kleinste Sitzung ist längst ein Klassiker.

Andere Leverkusener Absonderlichkeiten, die man kabarettistisch aufspießen könnte, werden an diesem Abend nur gestreift: das Desaster um die Rettungsdienstgebühren, die beiden binnen Wochen abhanden gekommenen Dezernenten … da wäre noch etwas gegangen.

Allerdings war es immer schon ein Kennzeichen von Leverkusens kleinster Sitzung, dass Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen. Und genau das wollen die Leute: Alle vier Sitzungen waren nullkommanix ausverkauft. Die Frequenz wäre also ausbaufähig. Wenn es denn nicht ein Hobby wäre für „Gündä“ und seine vielen Mitstreiter. Und Hobbys sollten nicht in Arbeit ausarten. Selbst wenn das Ergebnis so professionell daherkommt wie Leverkusens kleinste Sitzung.