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StadtteilbibliothekenLeverkusener Ehrenamtliche: „Es lohnt sich, zu kämpfen“

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Silvana Tomasa und Sohn Levin suchen nach Lesestoff, Ehrenamtlerin Doris Lück hilft bei der Auswahl.

Silvana Tomasa und Sohn Levin suchen nach Lesestoff, Ehrenamtlerin Doris Lück hilft bei der Auswahl.

Engagierte Bürgerinnen und Bürger bekommen viel Rückhalt für den Kampf um die Stadtteilbibliothek.

Schlechte Nachrichten führen oft zu guten Bewegungen. So auch im Fall der Stadtteilbibliotheken in Schlebusch und Opladen. „Wir sind als Team total eng zusammengewachsen und haben viele tolle Ideen entwickelt“, berichtet Insa Flothow, die das Team von 22 Ehrenamtlichen in der Schlebuscher Filiale koordiniert. Außerdem hat sich ein Arbeitskreis Bibliothek gegründet, dem auch engagierte Eltern, Schüler und Lehrkräfte des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums angehören. Eine Petition, gestartet vom Opladener Vater Benjamin Diese, hat mehr als 5000 Unterschriften für den Erhalt gesammelt.

Beide Standorte standen auf der ersten Streichliste der Stadt für ihre Haushaltssanierung, die Stadtbibliothek sollte alleine auf die Hauptstelle in Wiesdorf konzentriert werden. Nach heftigen Protesten aus Bevölkerung und Politik wurde der Beschluss zunächst zurückgestellt. Aber auch der aktuelle Bericht der PD schlägt deutliche Stellenstreichungen im Bereich der Stadtbibliothek vor, auch wenn dadurch „ein verringertes Leistungsangebot und Schließung von Stadtteilbibliotheken zu erwarten ist.“

Ort zum Runterkommen

Wer selbst Teil eines Projektes ist, der empfindet das natürlich immer als wichtig und wertvoll. Die Ehrenamtlichen in Schlebusch wollten wissen, ob und was die Besucher an ihrer Stadtteilbücherei schätzen und haben eine Pinnwand aufgestellt. Schülerinnen beschreiben die Bibliothek etwa als „Ort zum Runterkommen“. „Ich lese mehr“ und „freue mich immer, nach der Schule dort hingehen zu können“, steht dort beispielsweise. „Mich hat besonders ein Zettel gefreut, auf dem ein Schüler geschrieben hat, dass dies ein Begegnungsort zwischen jungen und älteren Menschen ist“, sagt Flothow. „Ich finde es bemerkenswert, dass Kinder das als wertvoll erkennen.“ Außerdem beteiligen sich sehr viele Kinder an der neu ausgerufenen „Lesechallenge“, bei der es nicht nur darum geht, wer am meisten liest, sondern auch, wer so mutig ist, ein unbekanntes Genre auszuprobieren oder ein Buch an mindestens fünf verschiedenen Orten zu lesen.

Auch auf dem Schlebuscher Frühlingsfest haben die Ehrenamtlichen ein Stimmungsbild gesammelt. „Ganz viele sind stehen geblieben und haben sich für den Erhalt ausgesprochen“, sagt Flothow. „Einige wussten aber auch gar nicht, dass die Bücherei öffentlich zugänglich ist.“ Dann seien sie aber begeistert gewesen, etwa auch von der Möglichkeit, sich Bücher aus Wiesdorf in die lokale Filiale schicken zu lassen. Ähnliche Erfahrungen hat Diese in Opladen gemacht. „Vor allem die Nachfrage aus Schulen und Kitas in der Umgebung ist ungebrochen“, berichtet er. Für diese Kinder, die die Stadtteilbibliothek zu Fuß erreichen können und hier zum Lesen finden, wäre eine Schließung für die Öffentlichkeit fatal. Kita-Personal könne eben nicht mit einer Gruppe Kleinkinder in den Bus nach Wiesdorf steigen.

Ehrenamtlerin Insa Flothow mit dem Stand der Lese-Challenge.

Ehrenamtlerin Insa Flothow mit dem Stand der Lese-Challenge.

Wiesdorf: Bei dem Gedanken daran, zukünftig dorthin fahren zu müssen, um ihre beiden Söhne mit Büchern und Hörspielen zu versorgen, stöhnt Silvana Tomasa. „Das ist so aufwendig, vor allem mit dem Kinderwagen“, sagt die Mutter. Im Parkhaus parken, Parkgebühren zahlen, Kinderwagen ausladen und durch die volle Rathaus-Galerie. „Hier in Schlebusch ist alles entspannter und familiärer. Und die Auswahl an Tonie-Figuren ist viel besser.“ Diese Hörspielfiguren sind sehr beliebt, aber auch teuer in der Anschaffung, ebenso wie neue Bücher. Gerade für Familien, die auf das Budget achten, ist die Ausleihe eine tolle Alternative, weiß auch Flothow: „Das ist auch eine Frage von Bildungsgerechtigkeit.“ Für Tomasa ist es wichtig, dass ihre Kinder reichlich Auswahl an Geschichten zum Anschauen, Lesen und Hören haben. „Man muss ja irgendwie versuchen, sie von den digitalen Medien fernzuhalten.“

Der Sensenhammer, die Bibliotheken – wo sollen Kinder denn noch was lernen, außerhalb der Schule.
Doris Lück, Ehrenamtliche in der Stadtteilbibliothek

Diese Sorge teilt auch Doris Lück. Die 79-Jährige kann schon gar nicht mehr genau sagen, seit wie vielen Jahren sie ehrenamtlich in Bibliotheken arbeitet, begonnen hat sie in der mittlerweile geschlossenen Filiale in Steinbüchel. „Die Kinder versauern doch sonst vor dem Bildschirm.“ Die aktuell diskutierten Sparmaßnahmen besorgen sie sehr: „Der Sensenhammer, die Bibliotheken – wo sollen Kinder denn noch was lernen, außerhalb der Schule?“ Die Schlebuscher Filiale nutzen aktuell neun Schulen und Kindergärten in der näheren Umgebung, darunter auch Kinder aus der benachbarten Zweigstelle der Hugo-Kükelhaus-Förderschule. „Die kommen einmal pro Woche, leihen Bücher aus und bekommen vorgelesen“, erzählt Flothow. Und auch viele Senioren gehören zu den Stammgästen. „Die fahren nicht nach Wiesdorf“, fürchtet auch Lück.

Dass die Stadt sparen muss, versteht Insa Flothow vollkommen, aber die komplette Schließung der Stadtteilbibliothek dürfe nicht die Lösung sein. „Wir haben festgestellt: Es lohnt sich, zu kämpfen.“ Die Stadt dürfe sich allerdings nicht ganz aus der Verantwortung ziehen, findet Diese: „Ich finde es schwierig, wenn alles auf Eltern abgewälzt wird.“ Ein gewisses hauptamtliches Fundament muss gegeben sein, sind sich beide einig. Um hier einen guten Weg mit der Stadt zu finden, setzen die Ehrenamtlichen weiter auf die Unterstützung der Bevölkerung. „Wenn sie wollen, dass die Stadtteilbibliotheken bleiben, müssen sie kommen und sie nutzen“, ruft Flothow auf.