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Leverkusener Tageseltern„Die Kitas schnappen uns die Kinder weg“

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Tagesmutter Barbara Sittart mit ihren Tageskindern

Tagesmutter Barbara Sittart mit ihren Tageskindern

Wo noch vor Kurzem ein Kampf um Betreuungsplätze getobt hat, gibt es jetzt einen Konkurrenzkampf um Kinder.

Es ist noch nicht lange her: Eltern, die sich schon während der Schwangerschaft zu Betreuungsplätzen informieren und das Kind direkt nach der Geburt auf Wartelisten bei Kitas oder Tageseltern setzen. Die in Fördervereine eintreten, mit ihren Babys zu Sommerfesten kommen und Kuchen backen, um die Chancen auf einen Platz zu verbessern. Und in der Vergabezeit dann der tägliche bange Gang zum Briefkasten und die Frage: Ist eine Zusage darin oder gibt es nur Ablehnungen, wie man es überall im Bekanntenkreis gehört hat.

Plötzlich scheint sich das Bild in Leverkusen komplett gedreht zu haben. Auf einmal müssen nicht mehr die Eltern um die Plätze kämpfen, sondern die Betreuungseinrichtungen um die Kinder. „Uns werden die Kinder vor der Nase weggeschnappt“, klagt Reiner Sittart. Seine Frau Barbara arbeitet seit 21 Jahren als Tagesmutter, um die 100 Kinder müssten mittlerweile bei ihr gewesen sein, die ersten fahren jetzt schon Auto. Fünf Kinder kann sie im privaten Eigenheim mit Garten betreuen. „Früher war es gar kein Problem, die Plätze voll zu kriegen, mittlerweile läuft es sehr schleppend“, sagt Sittart. Zum neuen Betreuungsjahr seien erst drei der fünf Plätze vergeben und bei einer Zusage sind sie nicht sicher, ob die Eltern dabei bleiben oder doch dem Druck der Kita nachgeben. Diese würden nämlich mittlerweile eine „aggressive Politik“ betreiben, um Eltern davon zu überzeugen, ihre Kinder schon so früh wie möglich in die Kita zu bringen.

Die Kitas sagen den Eltern: Bringt die Kinder mit ein oder zwei Jahren, oder ihr bekommt bei uns keinen Platz mehr.
Tünde Licz-Egharevba, Kintawelt

Das bestätigt auch Tünde Licz-Egharevba, die mit ihrer Kintawelt acht Großtagespflegen in Leverkusen betreibt: „Die Kitas sagen den Eltern: Bringt die Kinder mit ein oder zwei Jahren, oder ihr bekommt bei uns keinen Platz mehr.“ Das sei Quatsch, gerade für über Dreijährige gibt es in Leverkusen mittlerweile ausreichend Kita-Plätze.

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Laut der aktuellen Betreuungsplatzberechnung fehlen in der Stadt rechnerisch 735 Betreuungsplätze für das Kindergartenjahr 2026/2027 – fast ausschließlich im Bereich der unter Dreijährigen. Doch auch Jugendamtsleiterin Ayleen Dogan stellt fest: „Wir müssen überprüfen, ob unsere Planungsgrundlagen noch richtig sind.“ Denn auch aus den Kitas bekommt sie teilweise die Rückmeldung, dass nicht alle verfügbaren Plätze belegt werden können. „Nach aktuellem Stand weist der Kita-Planer zum 1. August 2026 insgesamt 854 freie Kita-Plätze aus, davon 253 Plätze im U3-Bereich und 601 Plätze im Ü3-Bereich“, bestätigt Dogan. Diese Zahlen seien nicht endgültig, weil Eltern teilweise mehrere Plätze zugesagt bekommen haben und sich noch entscheiden müssten, welchen Platz sie nehmen. Fakt ist aber: „Wir haben aktuell keine Wartelisten.“

In der Kindertagespflege Wolkenhaus der „Kintawelt“ steht Tanz auf dem Programm.

In der Kindertagespflege Wolkenhaus der „Kintawelt“ steht Tanz auf dem Programm.

Das heiße aber nicht, dass jedes Kind den gewünschten Platz bekommt. Einige Stadtteile sind gefragter als andere, aktuell verzeichnet die Stadt vor allem einen Ansturm auf Wiesdorf. Das könne unterschiedliche Gründe haben, erklärt Dogan: „Es entscheidet nicht immer der Wohnort, sondern einige Eltern suchen auch Plätze in der Nähe ihrer Arbeitsstelle oder dort, wo die Großeltern wohnen, die die Kinder abholen.“ Deshalb wolle das Jugendamt auch an dem teuren Plan festhalten, das marode Gebäude in der Dhünnstraße wieder zu einer Kita zu sanieren. Hier sei die Nachfrage da und sie sehe es als ihre Aufgabe, sich am Bedarf der Familien zu orientieren, sagt Dogan.

Reiner Sittart sieht das nicht so: „Die Stadt ist pleite und steckt viel Geld in Sanierung und Bau von neuen Kitas und macht den Markt für Tagesmütter kaputt.“ Seine Familie könne es noch einigermaßen verkraften, wenn mal ein Platz frei bleibe, weil die Kinder im Eigenheim betreut werden. „Aber wer Miete für die Räume zahlen muss, der muss schließen.“ So gehe ein vielfältiges Betreuungsangebot in der Stadt kaputt, das vor allem für die Kleinsten auch viele Vorteile habe: einen kleinen Rahmen mit einer festen Bezugsperson. „Bei uns kriegen sie ihren Mittagsschlaf, ihre feste Tagesstruktur und sind dann mit drei Jahren auch bereit für eine große Kita“, sagt Sittart. „Dann können sie auch mal Ellbogen zeigen und haben die ersten Kinderkrankheiten durch.“ Auch Licz-Egharevba betont, dass es vielen Kindern gut täte, länger in einer Kleingruppe zu bleiben. „Wir hören von vielen, dass die Eingewöhnung in der Kita sehr schwierig verläuft, mit drei Jahren ist das dann gar kein Problem mehr.“

Tünde Licz-Egharevba in den Räumen der Kintawelt in Alkenrath, in denen es auch Co-Working-Arbeitsplätze gibt

Tünde Licz-Egharevba in den Räumen der Kintawelt in Alkenrath, in denen es auch Co-Working-Arbeitsplätze gibt

Dogan betont die Wahlfreiheit der Eltern und sieht auch einen Mentalitätswechsel: „Eltern haben heute sehr klare Vorstellungen davon, was sie wollen und weichen auch nicht mehr davon ab.“ Heißt: Es soll genau diese Kita im gewünschten Betreuungsumfang sein, im Zweifelsfall werden Kinder sogar eher zu Hause gelassen, als sich mit einem suboptimalen Angebot zufriedenzugeben. Ein weiterer Trend: „Eltern wollen heute häufig eine Einrichtung, in der die Kinder von Beginn bis zur Einschulung bleiben können“, sagt Dogan. Damit falle die Tagespflege für viele raus.

Stadt will alles neu prüfen

Die Kapazitäten in der Kindertagespflege wurden auch wegen des Betreuungsnotstands in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Nach Angaben der Stadt sind im laufenden Betreuungsjahr 347 Betreuungsplätze in der Kindertagespflege gemeldet, davon sei nur ein Platz unbesetzt. Für das kommende Betreuungsjahr liegen noch keine belastbaren Zahlen vor.

Nun müsse man reagieren, sagt auch Dogan. Ihre Abteilung arbeite derzeit an einem „umfassenden Umstrukturierungsprozess“. Geplante Neubauprojekte werden unter die Lupe genommen, allerdings muss auch beachtet werden, dass einige bestehende Kitas marode – oder, wie es im Amtsdeutsch heißt – abgängig sind. Positiv wirkt sich auch auf das Betreuungsangebot aus, dass der Personalmangel nicht mehr so groß ist, wie noch vor wenigen Jahren. „Laut Kibiz sind wir auskömmlich besetzt“, sagt Dogan. Eine neue Vorlage zur Kitaplanung soll nach der Sommerpause der Politik vorgelegt werden.

Tünde Licz-Egharevba reagiert pragmatisch. Weiter ausbauen werde sie ihre Großtagespflege aktuell nicht, aber das Bestehende solle erhalten bleiben. Noch sind ihre Plätze auch gut besetzt, auch wenn die Zeiten der Wartelisten vorbei sind. Sie spürt aber noch einen weiteren Trend: „Aktuell bekommen wir vermehrt Anfragen für U1-Kinder, teilweise sechs bis sieben Monate alte Babys.“ Laut eigener Satzung darf sie die in der Kintawelt nur in Ausnahmen aufnehmen, etwa, wenn beide Elternteile voll berufstätig sind. Außerdem müsste der Betreuungsschlüssel geändert werden, da Babys natürlich einen viel höheren Aufwand bedeuten. Aktuell prüft Licz-Egharevba, das Angebot dahin gehend zu erweitern: „Bevor die Plätze leer bleiben.“