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Jung und kriminellNächste Generation der Leverkusener Großfamilie vor Gericht

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Landgericht Köln: Giuliano (23) G. und Christopher G. stehen wegen Enkeltricks vorm Landgericht.

Landgericht Köln: Giuliano (23) G. und Christopher G. stehen wegen Enkeltricks vorm Landgericht.

Zwei Mitglieder der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie sind wegen Enkeltricks angeklagt.

Man kann sagen, es ist die nächste Generation an Mitgliedern der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie, denen seit Mittwoch am Kölner Landgericht der Prozess gemacht wird. Giuliano G. (23) und Christopher G. (25) sind noch jung, jetzt droht ihnen schon Gefängnis, denn sie haben sich tatkräftig an einer kriminell organisierten „Firma“ beteiligt und Taten begangen, die zu den niederträchtigsten gehören, die die kriminelle Szene zurzeit zu bieten hat: dem sogenannten Enkeltrick.

Sie sollen Brüder sein, weiß einer der Verteidiger. Und sie werden aus dem Keller des Landgerichts vorgeführt, das heißt, sie sind in Haft. Laut Anklage fungierten die beiden Sprösslinge der vornehmlich in Leverkusen ansässigen Großfamilie als Vertrauenspersonen für unbekannte Hintermänner des Geschäfts mit Schockanrufen. Die Anrufe bei oft sehr alten und hilflosen Senioren sollen aus Polen oder Ungarn getätigt worden sein. Sobald eine Geldübergabe anstand, kamen die Brüder aus Leverkusen zum Zug. Allerdings holten sie Bündel an gespartem Geld, Goldmünzen oder Schmuck nicht selbst bei den Opfern ab, dafür hatten sie „Mitarbeiter“, die sie kontrolliert und geführt haben; die beiden Leverkusener standen in der Hierarchie der „Firma“ also nicht ganz unten, hatten Verantwortung.

Im Landgericht Köln Bild: Ralf Krieger

Landgericht Köln: Giuliano (23) G. und Christopher G. stehen wegen Enkeltricks vor Gericht.

Die beiden Brüder sorgten dafür, dass das oft sauer ersparte Geld alter Leute, das denen am Telefon mit dem Trick Schockanruf abgepresst worden war, abgeholt und an die ominösen Hinterleute weitergegeben wurde, ohne, dass davon etwas verschwand. So viel hat Giuliano G. am ersten Prozesstag zugegeben. Er hat auch Angaben über seinen Anteil an der Beute gemacht: Bei zehn bis 20 Prozent habe der gelegen, davon habe der eigentliche Abholer, der den Senioren meist einen Polizeibeamten oder Anwalt vorgespiegelt habe, noch seinen Anteil bekommen.

16 Taten sind angeklagt, die fast immer ähnlich abgelaufen sind. Den geschockten Menschen wurde eine Story erzählt, nach demselben Muster, aber mit wechselnden Details: Die Tochter habe bei einem Unfall jemanden getötet und könne nur gegen Zahlung einer hohen Kaution, etwa 50.000 Euro, freikommen.

Angeklagte beschafften sich Wegwerfhandys

Die Abholung der von den Geschädigten eilig zusammengesammelten Werte organisierten die Leverkusener auf Zuruf der Zentrale. Dazu beschafften sie für sich und den Abholer in den einschlägigen Geschäften billige Wegwerfhandys, die man nach jedem dieser Coups auch tatsächlich zerstört hat.

Über eine Stunde dauert die Verlesung der Anklage. Die Tatorte, zu denen die beiden Leverkusener die Abholer gefahren haben, liegen verteilt übers Land, Bezirke oder Ähnliches soll es bei dem hoch arbeitsteilig und streng durchorganisierten kriminellen Geschäft nicht geben: Aus Leverkusen fuhr man etwa nach Aachen, Heinsberg, Bad Neuenahr. Solange es läuft, kommt bei der Masche erstaunlich viel Geld rüber. Im August 2024 lief die Sache besonders geschmiert: In der Zeit sind regelmäßige, manchmal täglich stattfindende Abholungen der Leverkusener von den Ermittlern nachgewiesen worden. Die Tatbeuten variieren: Mal sind „nur“ 16.000 Euro im Beutel, mal aber auch weit über 50.000, dazu oft Gold und wertvoller Schmuck.

Giuliano G. entscheidet sich, zur Sache auszusagen. Offenbar sind die Taten sauber ermittelt worden, das wird die Verhandlung zeigen. Dann hat es keinen Sinn, etwas abzustreiten. Der 23-Jährige gibt alle Taten zu und schildert konzentriert und professionell, wie das Geschäft abläuft und wie er dazu gekommen ist: Er sei mit einem Verbindungsmann „bei einer Familienparty bei Düsseldorf“ ins Gespräch gekommen, es habe geheißen, damit könne man gutes Geld machen.

Nach der Party lief alles an

Nach der Party 2024 lief es an: Er sei morgens um 8 Uhr aufgestanden und habe gewartet, ob ein Anruf seines Kontaktmanns gekommen sei, schilderte er seinen Arbeitstag. Oft sei ein Anruf gekommen, manchmal nicht. Man muss in dem Geschäft offenbar flexibel einsatzfähig sein. Er habe dann den eigentlichen Abholer eingeladen und sei in eine Stadt beordert worden, wo man auf die genaue Adresse für die Übergabe gewartet habe. Er habe den jeweiligen Abholer, zu dem man wohl nur bedingtes Vertrauen haben konnte, aus der Ferne beobachtet. Zwei Abholer, es sind keine Mitglieder der stadtbekannten Großfamilie, sind mit angeklagt.

Giuliano G. will immer die komplette Beute an seinen Verbindungsmann weitergegeben haben. Bezahlt worden sei er immer mit Bargeld. Wenn die Beute aus Goldschmuck oder Goldmünzen bestanden habe, sei er damit mit dem Verbindungsmann zu einem Juwelier in der Dönhoffstraße gegangen, um sie zu verkaufen. „Sind Sie auch mal zu einem anderen Juwelier?“, fragt der Richter. Nein, das nicht, denn der hätte ja vielleicht nachgefragt.

G. offenbart bei Nachfragen des Richters Necmettin Gül, dass er sich in dem Geschäft gut auskennt. Auch die Hintermänner kenne er wohl, deutet sein Anwalt an. Verraten könne er die aber nicht: aus verständlicher Angst, erklärt sein Verteidiger. Er deutet an, dass es deshalb bereits zu Bedrohungen gekommen sei.

Das sind die Probleme eines Kriminellen. Von den schweren Nöten, die die geprellten und oft fürs Leben geschockten Senioren nach einem Schockanruf haben, war am ersten Prozesstag noch keine Rede.