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Interview

Politisches Urgestein
Der Bergneustädter Friedhelm Julius Beucher wird 80 Jahre alt

7 min
Ein Mann steht in einem Büro eines sozialen Vereins

Das VfsD-Büro in der Bergneustädter Altstadt ist für Friedhelm Julius Beucher ein besonderer Ort. Die Gründung des Vereins für soziale Dienste trieb er bereits 1983 voran. 

Im Interview spricht Friedhelm Julius Beucher über ein Leben, das vor allem der Politik und dem Sport gewidmet ist.

Oberberger und Abgeordneter, Sozialdemokrat, Pädagoge, Sportsmann, Vereinsmensch und Strippenzieher: Friedhelm Julius Beucher ist mit einem einzigen Wort unmöglich zu beschreiben. Heute vor 80 Jahren wird er in der Bergneustädter Altstadt geboren, die immer seine Heimat geblieben ist. Im Gespräch mit Florian Sauer erinnert sich der Jubilar an Begegnungen mit Johannes Rau und Wolfgang Clement, spricht über sein schwieriges Verhältnis zu den Sozialen Medien. Und er verrät, warum Lebenszeit für ihn auch Verantwortung bedeutet.

Empfang der SPD Oberberg im Bergneustädter Krawinkelsaal

Herr Beucher, heute Abend wird die SPD Oberberg für Sie einen Empfang im Krawinkelsaal ausrichten – eine große Veranstaltung, wie man hört.

Friedhelm Julius Beucher: Ja, die Gästeliste ist lang. Torsten Burmester, der Kölner OB, wird ein paar Worte sagen und natürlich auch Jochen Ott, der SPD-Landeschef. Von Bärbel Bas soll es eine Videobotschaft geben. Besonders freue ich mich auch natürlich auf einige Olympia- und Paralympicssieger. Vielleicht sollte ich mir tatsächlich ein Butterbrot mitnehmen (lacht).

Bergneustädter ist seit 59 Jahren SPD-Mitglied

Ihre Partei liebt Sie. Aber immer weniger Menschen lieben Ihre Partei. Die aktuelle Umfrage sieht die SPD bei 12 oder 13 Prozent. Schmerzt Sie das?

Ja natürlich, ich bin schließlich seit 59 Jahren Mitglied der SPD. Viele Menschen blenden heute leider aus, was die Sozialdemokratie für die Gesellschaft erkämpft hat. Angefangen beim Wahlrecht für die Frauen, über die Verankerung der Gleichheit aller Menschen im Grundgesetz bis zum Acht-Stunden-Tag. Wir müssen klar machen, dass man dafür heute wieder einstehen muss. Aber dafür braucht man Mehrheiten. Sie glauben gar nicht, was man sich am Wahlkampfstand alles anhören muss.

Wir müssen klar machen, dass man dafür heute wieder einstehen muss.
Friedhelm Julius Beucher über die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz und den Acht-Stunden-Tag

Erzählen Sie doch mal!

Da winken Leute ab und sagen, „Demokratie ist mir egal, Hauptsache ich habe etwas zu fressen“. Die nächsten schimpfen auf die Pflege. „Alles viel zu teuer, es kann doch nicht sein, dass ich dafür mein Haus verkaufen muss.“ Politik braucht Ehrlichkeit und dazu gehört nun mal, dass die Menschen heute viel älter werden und es viel mehr Ältere gibt. Manches funktioniert eben nicht mehr wie früher. Das Ärgerliche ist, dass Parteien profitieren, die alles versprechen, aber nie beweisen müssen, wie sie es finanzieren.

Sie kritisieren, dass viele nicht mehr zugänglich sind für die Diskussion, und sehen da auch einen Einfluss der Sozialen Medien.

Die sogenannten Sozialen Medien haben oft asoziale Auswirkungen. Ich halte es da mit Johannes Rau: Kein noch so großes Banner kann das persönliche Gespräch am Gartenzaun ersetzen.

35 Meter-Ballon der SPD als Idee aus Bergneustadt

Einspruch! Manchmal waren Sie ja schon Fan großformatiger Wahlwerbung.

Sie spielen auf den SPD-Ballon im Bundestagswahlkampf 1987 an. Delta Johannes – ein toller Hingucker. Das SPD-Logo 35 Meter hoch. Im Landesvorstand haben mich anfangs alle für verrückt erklärt. Aber es funktionierte. Die Menschen sprachen über den Ballon und die Zeitungen schrieben darüber. Zeitung ist übrigens ein gutes Stichwort: Wissen Sie, dass wir beide gewissermaßen Kollgen sind?

Das müssen Sie mir jetzt aber mal erklären.

Ich war 16 Jahre alt, als ich mitbekam, wie sich Werner Ohrendorf, damals Chef der Bergneustädter Feuerwehr, lautstark über Gummersbach und die OVZ aufregte. Man hatte die Redaktion über einen Einsatz informiert, aber im Artikel war das völlig falsch wiedergegeben worden, so sah die Feuerwehr das zumindest. Für die nächsten Einsätze habe ich mich dann bereit erklärt, die Dinge sauber aufzuschreiben und nach Gummersbach zu schicken. Von dort bekam ich einen sehr netten Brief zurück, damit hatte ich meinen ersten Artikel in der OVZ. Bis zu meinem ersten Staatsexamen 1972 habe ich dann regelmäßig über den Bezirks- und Landesliga-Fußball berichtet. Sonntagabends musste immer alles sehr schnell gehen, die Fotos brachte ein Motorradfahrer ja noch nach Köln.

Promis wie Johannes Rau und Wolfgang Clement in Oberberg

Als Beifahrer im Seitenwagen von Peter Struck sind Sie den Oberbergern wahrscheinlich auch noch im Gedächtnis – die symbolische Motorradfahrt zum Umzug des Bundestags von Bonn nach Berlin. Überhaupt hatten Sie in Bergneustadt viele Politiker aus der ersten Reihe zu Besuch.

Mit Wolfgang Clement zum Beispiel habe ich Wahlkampf auf den Dörfern gemacht. Das hatte ich schon 1980 im Südkreis gelernt, bei meiner ersten Kandidatur für den Landtag: Du musst in die Dörfer fahren und dort mit den Menschen sprechen. Denn sie erzählen es weiter und weiter. In der Stadt käme niemand auf die Idee zu sagen ‚Du, ich habe heute den Beucher am Wahlkampfstand getroffen.‘

1990 holten Sie erstmals ein Bundestagsmandat. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Tage im Parlament?

Deutschland war gerade wiedervereinigt, eine aufregende Zeit. In den ersten Wochen lud unser Fraktionschef Hans-Jochen Vogel die neuen Abgeordneten ein. Ich hatte da eine ziemlich große Schnute, schimpfte auf das Unrecht, das es in der DDR gegeben hatte. Kurz darauf hatte ich den Sitz im Untersuchungsausschuss zur Schattenwirtschaft der DDR. Da saß ich als junger Mann nun da und verhörte plötzlich Erich Mielke und Alexander Schalck-Golodkowski, das war schon Wahnsinn.

Da saß ich als junger Mann nun da und verhörte plötzlich Erich Mielke und Alexander Schalck-Golodkowski, das war schon Wahnsinn.
Friedhelm Julius Beucher über die Arbeit im Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Schattenwirtschaft der DDR

1998 folgte dann der Vorsitz im Sportausschuss des Deutschen Bundestags.

Ich glaube, ich war der erste wirklich politische Vorsitzende dieses Gremiums. Ich hatte nicht nur den Ausschussmitgliedern gleich am Anfang klargemacht, dass wir kein Reiseausschuss sind.

Verreist sind Sie dann trotzdem – und haben zum Beispiel Boxlegende Muhammad Ali und Fußballer Pelé getroffen.

Beides übrigens sehr feine Menschen und hochinteressante Gesprächspartner. Klar, es gab Kritiker, die zu mir sagten ‚Mensch Friedhelm, du fliegst um die Welt und lernst diese Legenden kennen. So einen Job würden wir auch gerne haben.‘ Dass ich an vielen Wochenenden bis halb zwei in der Nacht auf Sonntag am Schreibtisch saß, haben die wenigsten gesehen.

Fitnesstraining im Bergneustädter Freibad

Treiben Sie selbst noch Sport?

Mein persönlicher „Sport-Knick“, wenn man es so nennen will, war eine Operation an der Bandscheibe 1994. Danach haben mir die Ärzte den Fußball und das Rennrad verboten. Ich bin dann aber zum Rückenschwimmen gekommen. Ein- bis zweimal die Woche, das mache ich auch bis heute. Im Winter im Gumbala, im Sommer im Bergneustädter Freibad oder – wenn das Becken da richtig voll ist – in der Aggertalsperre.

Nach Ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag wurden Sie Kuratoriumsvorsitzender des Deutschen Behindertensportverbandes und 2009 schließlich dessen Präsident. Im Mai 2025 endete diese Ära – der DBS hat Sie zum Ehrenpräsidenten gemacht, der Deutsche Olympische Sportbund Ihnen die seltene Ehrenmitgliedschaft verliehen. Man war mit Ihrer Arbeit offenbar sehr zufrieden.

Eine Bewertung sollen andere vornehmen. Aber eines weiß ich: Als ich beim DBS anfing, konnten die wenigsten Menschen in diesem Land das Wort Paralympics fehlerfrei aufschreiben. Das ZDF brachte 1992 nach dem Ende der Spiele eine zwanzigminütige Zusammenfassung. Heute kennen die Deutschen ihre Paralympicssieger mit Namen, das Fernsehen überträgt 70 oder 80 Stunden live. Unsere Arbeit kann jedenfalls nicht ganz verkehrt gewesen sein.

Motor bei der Gründung des VfsD Bergneustadt im Jahr 1983

Kommen wir zurück in Ihre Heimatstadt. Ein Amt, das Sie seit der Gründung bis heute innehaben, ist der Vorsitz des Vereins für soziale Dienste in Bergneustadt. Liegt Ihnen der VfsD besonders am Herzen?

1981 wurde ich Rektor der Grundschule Hackenberg und etwa zeitgleich erlebte das Land eine erste große Welle bei der Jugendarbeitslosigkeit, auch und gerade auf dem Hackenberg. Viele waren nicht reif für eine Lehre, in den oft kinderreichen Familien war für die jungen Leute wenig Platz. Da saßen sie nun in Bushaltestellen und machten immer mehr Blödsinn. Ich habe die maßgeblichen Personen der Stadt zusammengetrommelt, 1983 haben wir den VfsD gegründet. Ein Jugendzentrum sollte her, dafür habe ich auch im SPD-Landesvorstand geworben, wo ja praktisch alle Minister als Beisitzer vertreten waren. Letztlich ist das auch gelungen.

Vor allem ging es aber auch um Arbeit für die Jungen, richtig?

Absolut. Schon am 1. Juli 1984 startete die erste ABM-Maßnahme. Bis heute hat der Verein rund 6.500 Beschäftigungsverhältnisse vermittelt, eine sagenhafte Zahl. Später haben wir sieben Kindergärten übernommen und einen achten auf der Henneweide gebaut. In diesem Jahr werden die beiden letzten als Bewegungskitas zertifiziert werden. Und: Ohne ein starkes Team im Rücken hätte ich das alles nicht geschafft. Seit Jahren würde ich den Vorsitz gerne abgeben, doch es findet sich kein Nachfolger oder eine Nachfolgerin.

Letzte Frage: Haben Sie einen Wunsch zu Ihrem besonderen Geburtstag?

Der liebe Gott hat es wirklich gut mit mir gemeint. Und auch meine Familie, meine Frau haben es sehr gut mit mir gemeint. Hanne ist der ruhigere Pol von uns beiden, wahrscheinlich auch der vernünftigere. Aber sie hat mich immer machen lassen, das war ein großes Geschenk. Wissen Sie, an solch einem runden Geburtstag wird einem vielleicht noch stärker bewusst, dass unsere Zeit begrenzt ist. Ich persönlich finde, dass sich daraus aber auch eine Verantwortung ergibt, sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Und trotzdem wünsche ich mir, dass ich allmählich loslassen kann – und natürlich, dass man mich lässt.