16 Männer wurden im Rahmen der 725-Jahr-Feier angeklagt. Es ging sogar um Hochverrat: die Zusammenarbeit mit den Gummersbachern.
Amüsante VerhandlungHistorisches Femegericht hatte kein Erbarmen mit Bergneustadts Promis

Wenig zimperlich ging das Femegericht mit den Delinquenten um, die – wie hier Norbert Jockram – aber auch um keine Ausrede verlegen waren.
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Einen Nerv getroffen hat der Heimatverein mit den Strafprozessen vor dem historischen Femegericht am Freitagabend. Mehrere hundert Zuschauer drängelten sich auf der Wallstraße, um dabei zu sein, als das Gericht um den Vorsitzenden Utz Walter, die Richter Uwe Binner, Detlef Kämmerer, Helga Sterling-Schmuck und Wilfried Holberg sowie Pfarrer Andreas Spierling stadtbekannte Persönlichkeiten gehörig in die Mangel nahm. Doch die insgesamt 16 Angeklagten – übrigens allesamt Männer – waren vorbereitet und nie um eine Ausrede verlegen, schließlich ging es regelmäßig auch um nicht weniger als ihren Kopf.
Das feindliche Ausland ist Gummersbach
Einen besonders perfiden Fall verhandelte die Kammer gleich zu Beginn mit der Anklage gegen Ex-Sparkassen-Hauptmann Frank Grebe. Dieser habe sich mit seiner Kutsche ins „feindliche Ausland“ abgesetzt (gemeint war natürlich Gummersbach), um dort seinen Ruhestand zu verbringen. Aber schlimmer noch: Dabei habe er auch die allerletzten Goldbarren der Feste mitgenommen, um sie nun in Robin-Hood-Manier an Vereine zu verteilen.
Es ist festzustellen: Glatzenträger werden bei Ihnen viel weniger gewahr als Langmähnige. Diese Unterscheidung wird das Gericht nicht länger hinnehmen.
Zimperlich gingen die Richter dabei nicht mit Ganove Grebe um („Machen wir ihn einen Kopf kürzer, er ist eh zu groß“) und auch das Publikum mischte mit und tat mit einem wohlgesonnenen „Hui“ oder eben abschätzigem „Pfui“ sofort kund, was es von den Aussagen der Delinquenten hielt. Nur Grebes Beteuerungen, das Gold habe retten zu wollen, bevor es in einem Anbau ans Heimatmuseum versickert, bewahrten ihn letztlich vor dem schweren Beil von Scharfrichter Klaus Koch.
Spende an den Heimatverein Bergneustadt rettete den Kopf
Apropos Gummersbach: Sportsmann Stefan Kuxdorf musste sich fragen lassen, wie man denn bitteschön allen Ernstes einen gemeinsamen Handballclub mit den Derschlagern habe gründen können – aus Sicht des Gerichtes ein klarer Verstoß gegen das Verbot, mit dem Erzgegner im Westen gemeinsame Sache zu machen. Kuxdorfs pfiffige Rechtfertigung: Alles nur Tarnung, um die Absichten der Gummersbacher unauffällig auszuspionieren.
Aber auch vor der Alltagskriminalität wollten die Richter kein Auge zudrücken. Bestes Beispiel: Der Haarschneider Norbert Jockram, der inzwischen vom Ampelfrisör zum Kreiselfrisör befördert worden sei, wie Richter Holberg in einem Anflug von Milde anerkennend feststellte. Durchaus könne man auch noch darüber hinwegsehen, dass Jockram eine „zentrale Anlaufstelle für Information und Indiskretion“ unterhalte. Skandalös sei dagegen, dass Glatzenträger bei ihm viel weniger gewahr würden als Langmähnige – eben, weil Jockram mit ihnen viel schneller fertig sei. Nachdem der Angeklagte mit dem Vorhaben gescheitert war, das Gericht mit Haarschnitt-Gutscheinen (ausgestellt auf einen Montag) zu bestechen, blieb ihm nur die großzügige Spende an den Heimatverein, um sein Leben freizukaufen.
Sogar Bergneustadts Pfarrer stand vor Gericht
Das Besondere an den mittelalterlichen Femegerichten war, dass drakonische Strafen allen Ständen drohten, eben ohne Rücksicht auf Titel, Ansehen oder Vermögen der Beschuldigten. Genau so hielt man es nun auch in Bergneustadt. Zahnarzt Dirk Binner (Vorwurf: Einbau billiger China-Implantate, mit denen die Patienten dem Eisenbeißer aus dem James Bond-Klassiker ähneln) zog den Groll der Richter genauso auf sich wie Hermann Schürfeld (nervtötendes Stören der Mittagsruhe durch Propellerflugzeug), Physiotherapeut Stefan Rothstein („ein Knochenverrenker, ein Hexer!“) und Pfarrer Dietrich Schüttler (Einschleusen von Holzwürmern in den Kirchturm, um mit dem Förderverein die Kirchenkasse zu füllen).
Mann, Sie haben jahrzehntelang das Bier so langsam gezapft, dass ein Vollrausch gar nicht möglich war.
Kai Hoseus, im Rathaus zuständig für den Straßenbau und deshalb wegen vorsätzlicher Angriffe auf die Stoßdämpfer der Neustädter Kutschen am Pranger, schlug sich gut – ein paar Runden im Triller, einem drehenden Eisenkäfig, blieben ihm trotzdem nicht erspart. Am geschicktesten meisterten aber wohl die Wirte Heinz Jaeger und Axel Tomasetti ihre heikle Lage: Schlitzohr Jaeger hatte eine nicht jugendfreie Erklärung dafür parat, dass die Biergläser bei ihm nie ganz voll waren, und bestach das Gericht obendrein mit Frikadellen – Tomasetti (angeklagt wegen Geizes, weil er ausschließlich zweilagiges Klopapier anbiete) ließ ein großes Fass Bier für die Landsknechte springen und machte sich dann flott aus dem Staub.
Zwei ziemlich gute Nachrichten gab es am Ende der rund eineinhalbstündigen Verhandlungen für die versammelten Halunken: Niemand wurde hingerichtet. Und das nächste Femegericht tagt in Bergneustadt vermutlich auch erst wieder in 25 Jahren.
