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Rund um KölnBeim Radklassiker quer durchs Bergische traten Profis und Amateure in die Pedale

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Radrennfahrer biegen um die Kurve einer Straße.

Wer hier gewinnen will, muss leiden: Der Radklassiker "Rund um Köln" zog viele Zuschauer an die Strecke.

Das Radrennen lockte viel Publikum an die Strecke. Ein Highlight war wieder der Kopfsteinpflaster-Anstieg hinauf zum Bensberger Schloss.

Wer hier gewinnen will, muss leiden. Erst recht, wenn schon viele Kilometer des Velodom 120 in den Knochen stecken. Unten im Kreisverkehr von Overath schießen die Fahrer aus Richtung Heiligenhaus heran, biegen scharf ab – und prallen gefühlt gegen eine Wand: den Ferrenberg. Eine giftige Steigung, sie bricht den Rhythmus. Hier rollt keiner mehr, hier wird gekämpft. Es geht darum, oben anzukommen – und für die Besten um die Bergwertung beim Radrennen „Rund um Köln“. 

Am Streckenrand steht Neni. Sie wartet auf die wichtigste Frau des Tages: ihre Mutter. Damit die Zeit bis zum großen Auftritt schneller vergeht, beschwört das kleine Mädchen magische Kräfte. Sie singt, sie murmelt, sie zaubert mit Bibi Blocksberg: „Eene meene Hexenbein, flieg geschwind, mein Besenfein! Hex-hex! “ Neben ihr stehen die Großeltern. Ihre Mission ist handfest, biologisch – und gelb. Bananen. Das Trio hält Proviant für Fahrer aus dem familiären Umfeld bereit. Kalium und Zucker gegen den drohenden Muskelkrampf.

Das Surren der Ketten kündigt das Feld an

Dann geht es rund. Das Surren von Dutzenden Ketten kündigt das Feld an. Die Fahrer bewegen sich im Wiegetritt, die Gesichter schmerzverzerrt, der Blick starr auf den Asphalt gerichtet. Diesmal sind es knapp 4.000 Teilnehmer, die die anspruchsvollen 120 Kilometer fahren. Aus dem Pulk der bunten Trikots schält sich für Neni ein vertrautes Gesicht. Schweißnass, gezeichnet von den Kilometern, aber fokussiert: die Mutter. Ihr Blick streift den Streckenrand, fixiert das kleine Mädchen. „Neni, ich liebe dich!“, ruft sie – und lacht. Der Ruf wirkt wie ein Katalysator. Ein spürbarer Schub geht durch den Körper.

Ortswechsel, Zeitsprung: 13.30 Uhr am Schlossberg. Mittlerweile ist die 60er-Runde durch. Viele Fahrerinnen und Fahrer vom Velodom 120 ebenfalls und mittendrin die Einsteiger. Sie fahren 30 Kilometer, und gleich zu Beginn wartet der Schlossberg mit Kopfsteinpflaster. Wer sich das wohl ausgedacht hat.

Die 28-prozentige Steigung am Agathaberg sortiert das Feld

Für die Profis, deren Rennen an der Leinwand zu sehen ist, ist der Agathaberg in Wipperfürth Geschichte. Die 28-prozentige Steigung und der Stau im Fahrerfeld haben das Feld sortiert. Neue Führungsgruppe, dicht dahinter die Verfolger. Publikumsliebling Nils Politt mittendrin. Werner Bauschert spricht um Punkt 14 Uhr aus, was Tausende am Streckenrand fühlen.

Radrennfahrer kämpfen sich über das Kopfsteinpflaster zum Bensberger Schloss hinauf. Am Rand stehen Zuschauer.

Das berüchtigte Kopfsteinpflaster an der Steigung zum Bensberger Schloss gehört zum Radklassiker „Rund um Köln“.

Die Karawane zieht weiter; das Kopfsteinpflaster von Bensberg wartet. Dass hier überhaupt sicher gerast werden kann, verdankt das Rennen den Männern und Frauen im Hintergrund. Das Team der Stadt Bergisch Gladbach leistet Schwerstarbeit. Sie blocken Kreuzungen, sichern Kurven, halten den Asphalt frei – ein unsichtbares Netz für die Sicherheit im Stadtgebiet.

Rund 4000 Kalorien verbrennt ein Radrennfahrer im Velodom zusätzlich

Am Mikrofon peitschen derweil zwei Stimmen die Menge auf: Martin Hardenacke und Marcel Klöpping moderieren das Spektakel. Besonders Klöpping liefert Einblicke, die kein Außenstehender bieten kann. Er weiß, wie sich brennende Oberschenkel anfühlen – er war selbst Profi-Rennradfahrer. Wo Laien nur Tempo sehen, seziert Klöpping Taktik und nackte Quälerei.

Die Zahlen, die Klöpping nennt, untermauern den Wahnsinn auf zwei Rädern: Rund 4.000 Kalorien verbrennt ein Fahrer im Velodom zusätzlich. Das ist der Energiegehalt von fast acht Tafeln Schokolade, den der Körper in wenigen Stunden durch die Kette jagt. Dieses „Benzin“ verwandeln Amateure und Profis in pure Geschwindigkeit.

Die Grenze zur Weltelite verschwimmt

Die Grenze zur Weltelite verschwimmt im Rheinisch-Bergischen Kreis, wie ein Blick auf das Vorjahr beweist: Der schnellste Amateur jagte mit einem Schnitt von 43 Kilometern pro Stunde durchs Ziel. Der Sieger der Profis schaffte auf einer längeren Strecke 45 Kilometer pro Stunde. Arthur Tabat, der das Rennen jahrelang organisiert hat, kommt vorbei und gibt ein Zitat zum Besten. Nils Politt habe ihm heute Morgen kurz vor dem Start gesagt: „Ich nehm’ das als Training. “

Die Freiwilligen, die vor dem Café Amelie auf der Schloßstraße strampeln, machen das nicht als Training, sondern sie spenden damit für „Hits fürs Hospiz“. Eine tolle Aktion: Links schwitzen insgesamt über 9.000 Radfahrende, um zum Schloss zu kommen; auf den Spinningbikes rechts jagen die Freiwilligen ihren Puls für den guten Zweck in ähnliche Höhen.