Bis zu seinem Abitur am Gummerbacher Jungengymnasium lebte der weltweit anerkannte Philosoph in der oberbergischen Kreisstadt.
Der größte Sohn der StadtJürgen Habermas mit 96 Jahren gestorben – so lebte er in Gummersbach

Jürgen Habermas ist in Gummersbach aufgewachsen. Bild vom 14.03.2026.
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Jürgen Habermas ist tot. Der in Gummersbach aufgewachsene Philosoph galt als eine der einflussreichsten Stimmen in Deutschland. Nun ist er in Starnberg im Alter von 96 Jahren verstorben und seine Stimme verstummt.
In Starnberg hatte Habermas seit Jahrzehnten seinen Lebensmittelpunkt. Bis ins hohe Alter stand Gummersbach aber immer wieder auf seiner Besuchsliste. Hier lebten immer noch Freunde, die er besuchte, wenn er an das Grab seiner Eltern kam. Zuletzt in Bensberg lebte sein ebenfalls schon verstorbener Bruder Hans-Joachim, der, wie schon zuvor der Vater, die oberbergische Geschäftsstelle der IHK geleitet hatte.
Gemeinsamer Rundgang durch das alte Gummersbach mit Jürgen Habermas
An einem Rundgang durch die Kreisstadt, zu dem der Gummersbacher Historiker Jürgen Woelke die Habermas-Geschwister eingeladen hatte, durfte in den frühen 2000er Jahren auch diese Zeitung teilnehmen. Den Niedergang des Kesselbauers Steinmüller habe er aus Starnberg nicht mehr so verfolgt, sagte er damals im Gespräch, er sei aber von den Ausmaßen schockiert. „Zu meiner Zeit waren Steinmüller und Gummersbach auf Leben und Tod verbunden“, sagte Habermas.
Viele Erinnerungen wurden geweckt, als es vorbei an der Vogtei ging, wo der damalige Hausarzt der Familie praktizierte, oder an der evangelischen Kirche, wo die Geschwister konfirmiert wurden und der Großvater predigte, und natürlich das Elternhaus in der Körnerstraße. Obwohl Jürgen Habermas Gummersbach nach dem Abitur verließ, hatte er damals keinen Zweifel: „Die Zeit hier hat mich geprägt.“ Woelke freute sich, dass der „größte Schüler des Gymnasiums Moltkestraße“ seine Wurzeln nicht vergessen hat.
Beinahe wäre Habermas Journalist geworden
Dass er beinahe Journalist geworden wäre, verriet der Philosoph damals auch. Seine ersten Berichte schrieb er für die oberbergischen Zeitungen. „In den Semesterferien habe ich über die Gründung der Oberbergischen Verkehrsgesellschaft (Ovag) und die Theateraufführungen des Siegburger Landestheaters im evangelischen Gemeindehaus berichtet“, erinnerte er sich.
Für Aufsehen sorgte im Jahr 2006 ein Bericht des Magazins „Cicero“. Darin war zu lesen, dass Habermas während seiner Zeit in Gummersbach als Hitlerjunge mit dem NS-Regime sympathisiert habe. Er selbst sagte dieser Zeitung, dass er nie die Schnur der Hitlerjugend getragen habe.
Für Aufklärung sorgen konnte damals Habermas' Ausbilder in der Feldscher-Gruppe (Sanitäter-Gruppe). Das war der Gummersbacher Arzt Dr. Henner Luyken. Die kursierende Behauptung, die Waffen-SS habe versucht, Habermas zu ziehen, war für Luyken „absolut undenkbar“. Der Mediziner wusste noch ganz genau, dass Habermas, der zwar aus einem deutsch-national geltenden Elternhaus kam, nie zur HJ gewollt habe.
Eine Ehrung seiner Heimatstadt Gummersbach ist dem großen Sohn bis zu seinem Tod verwehrt geblieben. Überlegungen, seine ehemalige Schule nach Habermas zu benennen, kamen nicht über ein Anfangsstadium hinaus. Auch als anlässlich der Fusion der beiden Gymnasien noch einmal über einen neuen Namen nachgedacht wurde, fiel die Wahl auf „Lindengymnasium“.
Später sagte Habermas einmal dieser Zeitung, dass er keine Ehrungen mehr annehme. Dazu passt dann auch, dass der Versuch von Bürgermeister Frank Helmenstein, Habermas den Ehrenring der Stadt zu verleihen, bei einem anfänglichen Briefwechsel blieb. Mit Jürgen Habermas verliert die Stadt einen ihrer ganz großen Söhne, vielleicht sogar ihren größten.

