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Interview

Metallindustrie
„Der Sinn für Solidarität hängt am Geldbeutel“

5 min
Ein Mann sitzt am Schreibtisch und hält einen Helm in der Hand.

Der Schutzhelm zierte Werner Kusels Büro als Andenken an seine Zeit bei Steinmüller. Der IG-Metall-Chef will ihn seinem Nachfolger Haydar Tokmak überlassen. 

Werner Kusel (62) ist seit 2011 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Gummersbach, nun geht er in Ruhestand. Reiner Thies traf ihn zum Rückblick auf 40 Jahre Gewerkschaftsarbeit.

Sie haben 1983 ihre Ausbildung bei Steinmüller in Gummersbach zum Schmelzschweißer abgeschlossen, wurden dann aber schon 1987 als Betriebsrat freigestellt und wechselten 1991 mit 27 Jahren hauptamtlich zur Gewerkschaft. Können Sie heute noch mit einem Schweißgerät umgehen?

Werner Kusel: Aber sicher. Ich habe zu Hause noch meinen alten Schweißtrafo stehen. In Haus und Garten mit der Hand zu arbeiten war mir immer ein wichtiger Ausgleich. Handwerker können bei mir nicht viel verdienen.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Steinmüller?

Schon mein Vater hat dort gearbeitet, es war klar, dass ich beim Steinmüller meine Ausbildung mache. Wir waren damals 350 Lehrlinge, der größte Ausbildungsbetrieb im Rechtsrheinischen. Nur Ford auf der anderen Rheinseite hatte mehr Azubis. Ich war schon an der Hauptschule in Derschlag Schülersprecher gewesen, und habe mich an meinem ersten Arbeitstag beim Betriebsrat für die Gewerkschaft angemeldet. Ich wurde bald Jugendvertreter und habe die anderen Azubis angeworben. Der damalige Erste Bevollmächtigte Rolf Dresbach hat mich dann zur IG Metall geholt.

Sie haben die oberbergische Industrie über Jahrzehnte begleitet. Wenn Sie heute durch die Betriebe im Kreis gehen: Was hat sich am stärksten verändert?

Mir ist damals bald klar geworden, dass die normale oberbergische Industrie anders ist als das große Steinmüller-Werk. In vielen Betrieben wie Brocke war noch die Gründergeneration in der Verantwortung. Auch bei den Beschäftigten gab es eine hohe Identifikation mit der Firma. Die Chefs der Familienunternehmen lebten mit ihren Beschäftigten im selben Ort, hatten einen persönlichen Bezug. Kompromisse zu finden war einfacher als es heute ist, wenn einem irgendwelche ortsfremden Manager gegenübersitzen. Es gibt noch immer große Unternehmen wie Rüggeberg, S+C oder BPW, die von Familien dominiert werden, die im Arbeitgeberverband organisiert sind und wissen, dass sie von der Sozialpartnerschaft mit den Gewerkschaften profitieren. Aber das bröckelt. Ich mache mir Sorgen um jeden Betrieb vor Ort, in dem die familiäre Nachfolge nicht gewährleistet ist. Es ist dann auch kein Wunder, wenn die Arbeitsstelle für viele Beschäftigte nur noch ein Job ist und die Wechselbereitschaft hoch.

Steinmüller kam dann ja auch unter die Räder.

Man sollte nicht vergessen, dass Steinmüller nicht pleite, sondern sogar besser aufgestellt war als das Konkurrenzunternehmen Babcock, das den Standort dann übernommen und schließlich abgewickelt hat. Der Schmerz, der damit verbunden ist, den spüre ich noch heute. Den Ordner mit dem Steinmüller-Sozialplan habe ich beim Ausräumen des Büros mit nach Hause genommen.

68 Sozialpläne und 11.300 von Entlassungen betroffene Beschäftigte haben Sie seit 1991 begleitet. Welche Entwicklungen hinter diesen Zahlen haben die oberbergische Industrielandschaft besonders geprägt?

Wichtig ist, dass die Arbeitslosenquote in dieser Zeit nicht nach oben gesprungen ist, trotz der Stellenverluste bei Ackermann, Brocke und ISE. Wir hatten 1991 in der Metall- und Elektroindustrie 21.000 Beschäftigte. Heute sind es 20.800. Die oberbergische Industrie hängt nicht von einzelnen Unternehmen ab, sondern ist breit aufgestellt. Es gibt eine hohe Innovationskraft, das wird uns auch bei den künftigen Herausforderungen helfen. Firmen wie S+C haben Produkte, die auch morgen noch gebraucht werden. Man lässt sich dort stets was Neues einfallen. Wichtig ist, dass die Regionalbanken sie bei dieser Transformation unterstützen. Sorge muss man sich um die Unternehmen machen, deren Leitung nicht bereit ist, in Veränderung zu investieren. Also um die Niederlassungen von Konzernen, die ihre Produktion aus Oberberg nach Polen oder Tschechien verlagern, um die Marge für die alten Produkte zu retten. An den Lohnkosten ist aber noch kein Betrieb in Oberberg gescheitert. Sondern an Managementfehlern oder Eigentümerfamilienstreit.

Wie kommt die oberbergische Industrie durch die Energiewende?

Einige sind ziemlich gebeutelt. Anders als ihr grüner Vorgänger Robert Habeck hat die amtierende Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche keinen Sinn für die Sorge der Unternehmen. Was wir brauchen, ist eine Perspektive für nachhaltige und kostengünstige Energiequellen, am besten aus regionaler Erzeugung. Der Weg dorthin dauert viel zu lange.

Welche Rolle spielt heute die Mitbestimmung? Kann ein Betriebsrat heute noch genauso viel bewirken wie zu Beginn Ihrer gewerkschaftlichen Laufbahn?

Die Erosion der Sozialpartnerschaft findet auf der Arbeitgeberseite statt. Es fehlt an der Einsicht, dass die Sozialpartnerschaft Deutschland groß gemacht hat. Früher waren mehr Betriebe im Arbeitgeberverband. Fast alle, die in den vergangenen Jahren ausgetreten sind, haben wir zwar wieder über einen Haustarifvertrag eingefangen. Aber das ist nicht dasselbe wie ein Flächentarifvertrag und immer ein Riesenaufwand. Damals wie heute sieht uns mancher Arbeitgeber lieber von hinten als am Verhandlungstisch. Aber wir werden noch immer mit Respekt wahrgenommen.

Und das hängt vom Organisationsgrad ab, also davon, wie viele Mitarbeiter Mitglied in der Gewerkschaft sind.

Der Sinn für Solidarität hängt am Geldbeutel. Wo es gut läuft und es keine Konflikte um den Tarif gibt, sinkt die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder. Der Organisationsgrad ist aber heute eher höher als in den 1990er Jahren und liegt im Durchschnitt bei über 50 Prozent. Wenn es nötig ist, können wir noch überall die roten Fähnchen rausholen.

Wie muss sich die IG Metall verändern, um auch die nächste Generation zu erreichen?

Unsere Geschäftsstelle hat schon seit vielen Jahren einen hauptamtlichen Sekretär, der für die Jugendarbeit zuständig ist und anders als ich die Sprache der jungen Leute spricht. Mehr als 70 Prozent der Auszubildenden sind Mitglieder. Aber wir müssen immer wieder ganz grundsätzlich erklären, wofür es Gewerkschaften gibt und wozu ein Tarifvertrag gut ist. Diese Fragen spielen in der Schule leider keine Rolle. Früher haben die Eltern auch in dieser Frage ein Verhaltensmuster vorgegeben, heute muss der Ausbilder umgekehrt Erziehungsaufgaben übernehmen. Corona wirkt noch nach. Vielleicht wird sich das wieder ändern.

Sie geben jetzt nach 35 Jahren hauptamtlicher Gewerkschaftsarbeit Verantwortung ab. Gibt es eine Entscheidung oder eine Auseinandersetzung, auf die Sie heute besonders stolz sind – und eine, bei der Sie im Rückblick etwas anders machen würden?

Besonders stolz bin ich darauf, dass ich damals beim Konkurs von IBS Brocke dafür gesorgt habe, dass 1300 Leute von ISE übernommen wurden und eine neue Perspektive bekamen. Dass ISE selbst später leider auch gescheitert ist, hatte wieder eigene Gründe. Gewerkschaftspolitisch herausragend war rückblickend mein Beitrag zum neuen Entgeltrahmenabkommen. Ob ich etwas anders machen würde? Sicher war ich früher im Umgang mit der Arbeitgeberseite manchmal naiv. Es gab Fälle, in denen ich die Strategie auf der anderen Seite zu spät erkannt habe und Zugeständnisse gemacht habe, obwohl sich die Geschäftsleitung nur die Taschen voll machen wollte.

Wenn Sie Ihrem Nachfolger zum Amtsantritt einen Rat für die kommenden Jahre geben dürfen: Worauf sollte er im Oberbergischen besonders achten?

Ich kenne Haydar Tokmak seit er Klassenkamerad meiner Tochter in der Niederseßmarer Grundschule war. Ich bin überzeugt, dass wir mit ihm den Richtigen gefunden haben. Er kennt die kulturellen Gegebenheiten im Oberbergischen, die sich von Tal zu Tal unterscheiden. Dazu kommt sein türkischer Migrationshintergrund. Er hat nur ein Problem: Er kann nicht Nein sagen. Er muss noch lernen, dass er nicht überall und am besten heute noch auftreten kann. Man braucht in dieser Funktion eine gewisse Gelassenheit, ohne gleichgültig zu sein. Die Welt dreht sich immer weiter.

Auch für Sie dreht sie sich. Was kommt jetzt?

Ich werde mich weiterhin in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit einsetzen. Ansonsten habe ich mir vorgenommen, mit meiner Lebenspartnerin Rita in den kommenden Monaten auf Reisen zu gehen. Wie sie vielleicht wissen, kann ich auch privat gut mit Arbeitgebern umgehen und besonders mit Rita Kemmerich, die zur Eigentümerfamilie von Jokey SE gehört. Aber zur Demonstration am 1. Mai bin ich wieder hier.