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Erfolge und EmotionenVier Jahre Unterstützung aus Oberberg für die Ukraine

8 min
Ein Gruppenfoto aller Unterstützer.

Unterstützer aus Oberberg und Betroffene haken sich unter, wenn es darum geht, Hilfestellung für die Ukraine zu leisten.

Vier Jahre Krieg in der Ukraine, vier Jahre Hilfe: Unterstützer aus Oberberg und Betroffene teilen ihre persönlichen Gedanken, berichten von Hilfseinsätzen, Erfolgen und Emotionen.

Vier Jahre tobt in der Ukraine der Krieg. Heute auf den Tag genau, am 24. Februar 2022, war an Weiberfastnacht auch dem größten Karnevalsjecken die Lust aufs Feiern vergangen, als Russland seinen Angriffskrieg startete. Seitdem sind zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer aus ihrer Heimat geflüchtet. Auch im Oberbergischen haben einige Zuflucht und Unterstützung gefunden.

Neben den vielen Hilfen in unserem Kreis, setzte sich schon wenige Tage nach Kriegsbeginn ein erster Hilfstransport aus Gummersbach in die Ukraine in Bewegung. Ihm sind kreisweit viele weitere gefolgt. Bis heute hält die vielfältige Unterstützung in und aus Oberberg für die Ukraine an. Zum Jahrestag des Kriegsbeginns lassen engagierte Oberbergerinnen und Oberberger sowie Betroffene die vergangenen vier Jahre Revue passieren.

Andrea Missbrandt, Mitarbeiterin der Caritas Oberberg: „Ich weiß noch genau, wie wir an diesem Morgen in einer Besprechung saßen. Die Nachrichten und Bilder vom Krieg in der Ukraine hatten uns erreicht. Die Fassungslosigkeit lag spürbar im Raum. Wir beschlossen, unsere Pläne zu ändern. Mit Genehmigung des Caritasvorstandes wollten wir helfen. In den sozialen Medien war mir in Zusammenhang mit Hilfen für die Ukraine immer wieder Valentyna Butulay begegnet. Ich nahm Kontakt zu ihr auf. Was mit einer Nachricht begann, wurde der Start einer großen Spenden- und Hilfsaktion.

Niemals hätte ich damals gedacht, dass ich vier Jahre später noch immer damit beschäftigt sein würde. Die Spendenbereitschaft der Menschen in Oberberg hat mich überwältigt. Kaum hatten wir zur Hilfe aufgerufen, stapelten sich an der Kirche die Kartons. Ein Gummersbacher Unternehmer stellte uns daraufhin eine große Lagerhalle zur Verfügung. Bereits am vierten Tag nach dem Start unserer Aktion rollte der erste Lkw an. Aus meiner Teilzeitstelle wurde schlagartig eine Aufgabe von Montag bis Sonntag, von morgens bis abends. Und doch bin ich bis heute froh und dankbar, dass ich diesen Schritt gegangen bin.

Andrea Missbrandt im Porträt.

Andrea Missbrandt ist Mitarbeiterin der Caritas.

Nur wenige Tage später kamen die ersten Ukrainerinnen in Oberberg an. Eine kleine Tasche in der einen Hand, das Kind an der anderen. Ich sehe ihre Gesichter noch vor mir: erschöpft, verängstigt, innerlich zerrissen. Wir versuchten, sie zum Ausruhen zu bewegen. Doch sie sagten, sie könnten unmöglich stillsitzen. Das hat mich zutiefst berührt. Und es hat mir Kraft gegeben.

In vielen Gesprächen habe auch ich viel gelernt. Das Bedeutungsvollste ist die Beziehung zu anderen Menschen. Alles andere kann von heute auf morgen verloren gehen. Herkunft, Sprache, Besitz. All das tritt in den Hintergrund, wenn Menschen einander offen begegnen. In den vergangenen vier Jahren habe ich unzählige Menschen kennengelernt, die mich tief beeindruckt haben durch ihre Hilfsbereitschaft, ihren Mut, ihre Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen – selbst im größten Schmerz. Menschen, die mir bis heute vertrauen. Dafür bin ich unendlich dankbar.“

Igor Prudkov aus Charkiw, Psychiater am Krankenhaus Gummersbach: „Der 24. Februar 2022 war für mich voller Verwirrung, Schock und unendlicher Hilflosigkeit. Ich wusste nicht wohin mit mir und welche Möglichkeiten ich habe, um zu helfen. Aber wie sagt man: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und so fand damals eine perfekt aufeinander gebaute Kettenreaktion statt, die in Zukunft Leben retten sollte. Ich rief einen Studienkollegen in Charkiw an, der in den nächsten Jahren die meiste Zeit im OP-Saal verbringen würde, um verwundeten Soldaten zu helfen. Er erzählte mir, dass dringend Hilfe für Krankenhäuser benötigt werde.

Mithilfe unserer Krankenhausapotheke organisierte ich Medikamente. Als mein Freund die Lieferung erhielt, war er tief bewegt. Es war die erste medizinische und humanitäre Hilfe aus dem Ausland, die das Krankenhaus erreichte. Diese Hilfe schenkte Hoffnung, nicht vergessen zu werden. In Zusammenarbeit mit dem Klinikum Oberberg habe ich weitergemacht. Die Hilfsbereitschaft übertraf all meine Erwartungen. Meine Kolleginnen und Kollegen sammelten in vier Jahren mehr als 180.000 Euro. 2023 haben wir mit unserer Initiativgruppe und der Unterstützung der Caritas einen intensivmedizinisch ausgestatteten Rettungswagen für ein Sanitätsbataillon organisiert, der an der Front im Einsatz ist.

Igor Prudkov bei einem Videotelefonat mit einem Freund in der Ukraine.

Igor Prudkov kommt aus Charkiw und ist Psychiater am Krankenhaus in Gummersbach. Regelmäßig telefoniert er mit Freunden in der Ukraine.

Rolf Kühr und ich fuhren gemeinsam durch ganz Polen und die Ukraine bis nach Charkiw, um ihn persönlich zu übergeben. Die Fahrt nach Charkiw war für mich wohl der bewegendste Moment während dieses ganzen Krieges. Die eigene Heimatstadt so zu sehen, in der man geboren wurde, aufgewachsen ist und studiert hat – jetzt mit schweren Wunden, Zerstörungen und riesigen Löchern in den Wohnblocks. Dazu die angespannten Gesichter der Menschen, die täglich in der Gefahr leben, getötet zu werden.

Heute reagieren wir nicht mehr ganz so emotional wie in den ersten Monaten und Jahren des Krieges. Stattdessen wächst leider etwas anderes: eine tiefe Enttäuschung – über das Handeln der Vereinten Nationen, die unzureichende Unterstützung durch einige europäische Länder und seitens der Europäischen Union. Und Enttäuschung darüber, dass es derzeit an wirklich entschlossenen und starken Führungspersönlichkeiten fehlt. Und dennoch bleiben wir Optimisten, setzen unsere Hilfe fort. Ich hoffe, dass ich eines Tages in eine friedliche, blühende und freie Ukraine reisen werde, um den Menschen zu danken, die sie verteidigt haben.“

Valentyna Butulay, gebürtige Ukrainerin: „Ich lebe seit 1999 in Deutschland – ruhig und sicher. Deutschland wurde zu meinem zweiten Zuhause. Natürlich wusste ich, was seit 2014 in der Ukraine geschah: die Annexion der Krim, der Krieg im Donbass, in Luhansk und Donezk. Die Ukraine kämpfte, es gab politische Veränderungen. Doch hier in Westeuropa wirkte das Leben ruhig. Der Krieg fühlte sich weit weg an. Bis zu diesem Morgen um sieben Uhr in der Früh. Ich war im Urlaub. Es war der Geburtstag meiner Schwägerin, und ich wollte ihr gratulieren. Stattdessen traf mich die Nachricht wie ein Schlag – persönlich, tief. Ich hatte das Gefühl, dass meine Welt angegriffen wurde: meine Familie, mein Land, mein innerer Frieden.

Am 25. Februar flog ich zurück nach Deutschland. Ich fühlte mich klein und gleichzeitig voller Entschlossenheit. In derselben Nacht bastelte ich mit meiner Nichte ukrainische Flaggen. Am nächsten Tag gingen wir zur Mahnwache auf dem Gummersbacher Lindenplatz. Wir waren nur vier ukrainische Frauen. Aber ich wollte kämpfen – nicht mit Waffen, sondern mit Hilfe, Menschlichkeit und meiner Stimme.

Valentyna Butulay und Igor Prudkov stehen mit medizinischen Geräten vor dem Krankenhaus in Gummersbach.

Valentyna Butulay, hier mit Igor Prudkov, lebt seit 1999 in Deutschland.

Am 1. März bekam ich einen Anruf von Andrea Missbrandt von der Caritas Oberberg, damals noch unter der Leitung von Peter Rothausen. Er entschied, unsere Arbeit zu unterstützen und eine Partnerschaft für Spendenaktionen aufzubauen. In den folgenden vier Jahren haben wir unglaublich intensiv zusammengearbeitet. Wir gewannen das Vertrauen vieler Bürgerinnen und Bürger, sammelten Spenden und unzählige gute Worte. Diese Hilfe hat in der Ukraine unglaublich viel bewegt.

Ich bin allen Menschen, die gespendet haben – mit Geld, Sachspenden, Gesprächen und Unterstützung, sehr dankbar. Jede Begegnung und Hilfe zählt. Die Unterstützung kommt direkt dort an, wo sie gebraucht wird. Wir machen weiter. Denn dieser Zusammenhalt und die Solidarität zeigen die schönste Seite der Menschen – selbst in schweren Zeiten.“

Georg Ludwig, Initiator des Vereins „Lindlar-Radomyschl“: „Sofort nachdem die ersten Bilder vom russischen Überfall durch die Medien gingen, haben auch ich und meine Frau Sabine alles Mögliche versucht, um die Ukraine zu unterstützen – mit Lebensmitteln, medizinischem Material und Geldspenden. Nachdem die Gemeinde Lindlar im Sommer 2022 die Zusammenarbeit mit der Partnerstadt Radomyschl startete, taten sich dank der Hilfsprogramme und Spenden aus der Bevölkerung Möglichkeiten auf, gezielt und in großem Umgang zu helfen.

Als damaliger Bürgermeister der Gemeinde fand ich in der Caritas Oberberg und im örtlichen Autohaus Zeka starke Partner. Seit Dezember 2022 wurden neun gebrauchte Nutzfahrzeuge, mehrere Generatoren, Tonnen an Nahrung, Bekleidung und medizinischem Bedarf nach Radomyschl gebracht.

Georg Ludwig sitzt (damals noch als Bürgermeister von Lindlar) an seinem Schreibtisch.

Georg Ludwig ist Initiator des Vereins „Lindlar-Radomyschl“.

Besonders bewegend war für mich ein Moment während eines persönlichen Besuchs in Radomyschl im März 2024: Als wir an einer Trauerfeier für einen gefallenen Soldaten teilnahmen, donnerte ein Jagdbomber im Tiefflug über uns hinweg, alle zuckten zusammen. Erst als jemand ‚naschi‘ (auf Deutsch 'unsere') rief, fiel der Schrecken von uns ab.

Dieses Ereignis steht für mich für das Leid der Menschen in der Ukraine – die Trauer der Familien um Gefallene, und die permanente Furcht vor russischen Angriffen. Es motiviert mich immer wieder aufs Neue zu helfen. Im Herbst 2025 habe ich die Gründung des Vereins „Lindlar – Radomyschl“ initiiert. Sobald der Verein beim Amtsgericht registriert ist, möchten wir auch hier in großem Umfang aktiv werden.“

Aleksandra Tischenko flüchtete aus Charkiw: „Mein Mann und ich bauten gerade unser eigenes Haus, träumten von einem Hund und planten den Sommerurlaub. Im März 2022 verließen wir unsere kleine Heimatstadt in der Region Charkiw mit nur einem Koffer und der Hoffnung, in zwei Wochen zurückzukehren. Doch aus zwei Wochen wurden vier Jahre fernab der Heimat.

Ich hatte das unglaubliche Glück, in Oberberg Seelenverwandte zu treffen. Gemeinsam mit den Vertretern der Caritas wurde das Zentrum „Mittendrin“ in Gummersbach eröffnet. Für mich war dieses Zentrum ein Rettungsanker. Wenn die Nachrichten aus der Heimat mich in Panik versetzten, gab mir die ehrenamtliche Arbeit – das Sortieren von Kleidung – Bodenhaftung und meinem Leben wieder einen Sinn.

Aleksandra Tischenko im Porträt.

Aleksandra Tischenko ist aus Charkiv geflüchtet.

Und so konnte ich selbst aus der Ferne diejenigen unterstützen, die unter dem Beschuss ausharren mussten. Nach einiger Zeit entstand auch das kreative Kollektiv „A-Studio“ aus dem tiefen Wunsch heraus, der Stadt Gummersbach etwas zurückzugeben. Wir begannen mit fünf Mädchen, heute zählen wir etwa 50 Kinder in drei Tanzgruppen, einem Vokalensemble und Stretching-Kursen.

Gemeinsam mit den Kindern studierten wir Tänze und Lieder ein und traten in Marienheide und Gummersbach auf. Es ist unsere Art – in der Sprache der Kreativität – Danke zu sagen. Für die Kinder ist dies weit mehr als nur ein Freizeitkurs, es ist Therapie. Tanzen hilft dabei, Stress aus dem Körper zu schütteln, und Gefühle auszudrücken, für die es keine Worte gibt.“