Zum Auftakt der neuen Reihe „Erzähl mal“ gaben vier Veteranen Einblick ins Musikgeschäft. Darunter Scorpions-Produzent Dieter Dierks.
GesprächsabendWie ein Gummersbacher fast zum Popstar wurde

Geschichten aus 60 Jahren Rock ’n’ Roll: (v.l.) Dieter Dierks, Peter Sommer, Ernie Wirth, Martin Kuchejda, Winfried Bode und Bastian Ganser.
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Vier ältere Herren erzählen von früher. Klingt nicht so spannend, war es aber. Beim Auftakt der neuen Gesprächsreihe „Erzähl mal“, präsentiert von unserer Zeitung am Donnerstag in der Studiobühne der Halle 32, hörten die Zuhörer von legendären Erfolgen im Musikgeschäft – und von noch legendäreren Misserfolgen.
Die Moderatoren Martin Kuchejda und Bastian Ganser befragten vier Musikprofis, die sich auf Augenhöhe begegneten, obwohl ihre Lebenswege ganz unterschiedlich verlaufen sind. Den Namen Dieter Dierks (82) kennt nicht jeder, wohl aber die Musiker, die er als Produzent groß gemacht hat. In seinem Studio in Stommeln nordwestlich von Köln haben Eric Burdon, Tina Turner und Michael Jackson Musik aufgenommen.
Hannoveraner Nachwuchsband spielte in Essen
Und dass eine Hannoveraner Nachwuchsband zu den ganz wenigen internationalen Superstars der Rock- und Popmusik aus Deutschland avancierte, ist auch sein Verdienst. Die Scorpions sah er 1973 erstmals bei einem Konzert in einer Essener Turnhalle, bei dem die Band trotz überschaubarem Publikum alles gab, berichtete Dierks in der Gummersbacher Runde. „Rudolf Schenker hat auf dem Kopf stehend Gitarre gespielt und die Hose runtergelassen. Das war die richtige Einstellung, um Karriere zu machen.“
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An der fehlenden Einstellung hat es bei Winfried Bode (77) und Ernie Wirth (72) sicher nicht gelegen. Dass die beiden über den Status des Lokalmatadors nie hinausgekommen sind, war wohl eher Pech. Und sie waren mal ganz nah dran am großen Erfolg. Zur Zeiten der Neuen Deutschen Welle wollte der WDR-Radio-DJ Mal Sondock Ernie Wirth groß herausbringen. „Als Sondock gesagt hat, ich bräuchte einen Gitarristen mit langen blonden und einen Bassisten mit langen schwarzen Haaren, war ich raus.“
Rudolf Schenker hat auf dem Kopf stehend Gitarre gespielt und die Hose runtergelassen.
Winfried Bode hat 1967 mit seiner damaligen Band The Gang vor 8000 Zuhörern im Vorprogramm der Kinks in der Kölner Sporthalle gespielt, 1973 nahm er in den Berliner Hansa-Studios eine Langspielplatte auf. Doch diese wurde nach einem Streit zwischen Produzent und Label nie veröffentlicht.
Andere Bode-Aufnahmen, die wegen finanzieller Zwistigkeiten verschollen sind, entstanden übrigens im Studio von Dieter Dierks. Auch sonst taten sich allerlei Querverbindungen auf. Bode und Wirths sind 1972 mit ihren damaligen Bands in der Dieringhauser Aggerhalle aufgetreten. Die Welt der (rheinischen) Rockmusik wirkte auf einmal überraschend klein.
Gummersbacher Lehrer bereut nichts
Man kennt sich und man schätzt sich. Peter Sommer (68), eigentlich dritter Moderator der Reihe, gehörte beim Auftakt zu den Zeitzeugen. Der langjährige Regisseur der „Rockpalast“-Fernsehaufnahmen holte Dieter Dierks nach Gummersbach, weil der eine den anderen im Zuge der aktuellen Aufnahmen für Filmporträts schätzen lernte.
Dass Bode und Wirths keine Stars geworden sind, bekümmert sie heute nicht. Der pensionierte Lehrer Ernie Wirths weiß es zu schätzen, dass er ohne wirtschaftlichen Druck Musik machen konnte. Und Winfried Bode, der heute vor wenig älteren Altenheimbewohnern auftritt, glaubt: „Musik ist für mich eine Droge. Ich weiß gar nicht, ob mir eine große Karriere gutgetan hätte.“
Alle Protagonisten sind auch im Rentenalter kein bisschen leise und behaupten sich auf ihre Weise im durchdigitalisierten Business. Dieter Dierks arbeitet gerade mit einer chinesischen Pianistin daran, die von einer KI generierte Ballade „Still Waiting at the Door“ neu aufzunehmen und sie in dieser Weise zu „vermenschlichen“.
Gern hätte man mehr Anekdoten und altersweise Einsichten gehört. Beim nächsten Abend der Reihe „Erzähl mal“, voraussichtlich im Juni, werden dennoch nicht ältere Herren, sondern jüngere Frauen zu Wort kommen.
