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„Lage ist wirklich fürchterlich“Kölner Schriftsteller Kermani wirft Trump „Fehlkalkulation“ im Iran vor

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Der deutsche Autor und Friedenspreisträger Navid Kermani hat iranische Eltern.

Der deutsche Autor und Friedenspreisträger Navid Kermani hat iranische Eltern.

Navid Kermani glaubt nicht, dass ein Regimewechsel in Teheran bevorsteht – obwohl Trump dies zunächst angekündigt hatte.

Donald Trump hat die am Samstag begonnenen Angriffe der USA und Israels auf den Iran mit dem Ziel eines Regimewechsels begründet – zunächst jedenfalls. In seiner ersten Videobotschaft rief der US-Präsident die Iraner dazu auf, die Führung des Landes selbst in die Hand zu nehmen. „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung“, hatte er gesagt und damit suggeriert, die USA würden den unterdrückten Iranerinnen und Iranern die Demokratie bringen.

Später widersprachen Vize JD Vance und andere führende Republikaner Trump recht deutlich und sagten, es sollten bestimmte „militärische Kapazitäten“ des Iran beseitigt werden. Das klang nach einer deutlich kleineren Lösung, die das Wohl des iranischen Volkes nicht in den Fokus stellt, sondern allein die Interessen der USA. Diese Botschaft ist offenbar angekommen, wie der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani im WDR-Interview erklärt.

Kölner Kermani berichtet von vielen zivilen Opfern im Iran

Der Kölner hat Kontakte in seine Heimat und berichtet, viele Menschen hätten derzeit zunächst einfach Angst vor den Bomben, die auf Ziele mitten in den Städten abgeworfen würden. „Die Lage ist wirklich fürchterlich“, so Kermani. Es habe viele zivile Opfer gegeben.

Arbeiter montieren in Teheran eine Plakatwand an einer Überführung mit einem Porträt des getöteten iranischen Obersten Führers Chamenei.

Arbeiter montieren in Teheran eine Plakatwand an einer Überführung mit einem Porträt des getöteten iranischen Obersten Führers Chamenei.

Nach dem Tod Chameneis zu Beginn der Angriffe sei bei vielen Genugtuung und auch Hoffnung aufgekommen, „dass dieser Angriff zu einem Sturz des Regimes führt“. Inzwischen sei aber die Skepsis gewachsen, auch angesichts der jünsten Statements aus den USA. Das Regime werde wohl bestehen bleiben, wenn auch geschwächt. Und dies könne sich in noch größerer Brutalität gegen die Bevölkerung niederschlagen. 

Der 58-Jährige macht den USA Vorwürfe: „Wenn man schon militärische Mittel einsetzt, dann sollten sie nicht einfach nur das Regime enthaupten und danach zieht man ab“, so Kermani. Man sollte eine politische Lösung suchen, sie notfalls auch „herbeibomben“. Das Kalkül der USA scheine aber zu sein, dass die Fraktion der Hardliner in Teheran übernehmen werde.

Kermani sieht eine „große Fehlkalkulation“ bei Trump-Regierung

Die Trump-Regierung scheine zu glauben, mit einem „geschwächten Iran“ dann „besser umgehen“ zu können. „Ich glaube, das ist eine große Fehlkalkulation – nach innen wie nach außen“, kritisiert Kermani. Bislang könne er keine Anzeichen dafür erkennen, dass die USA einzugreifen versuchten und beispielsweise eine Übergangsregierung einsetzen wollten.

Bereits im vergangenen Jahr hatte sich Kermani ähnlich positioniert. Nach den Angriffen auf die Atomanlagen des Mullah-Regimes im Sommer sprach der Kölner Autor der Trump-Regierung jegliches Interesse an einem Sturz der iranischen Regierung ab. Den US-Präsidenten interessiere die „Demokratie in der Welt nicht“, so Kermani damals. Ein Krieg werde alles „noch schlimmer“ machen. Ein Regimewechsel von außen sei nicht möglich, war seine Einschätzung im Sommer.

Kermani verfasst „Brief an meine Freunde im Iran“

Kermanis Prognose, dass das Regime die eigene Bevölkerung in Zukunft noch stärker unterdrücken und „massakrieren“ werde, bestätigte sich dann spätestens in den ersten Wochen 2026, als Tausende Menschen brutal ermordet und unzählige festgenommen wurden. 

Ende Januar verfasste der Schriftsteller dann einen „Brief an meine Freunde im Iran“, in dem er der Bevölkerung Mut bei ihren Protesten zuspricht – und sich beschämt über die „eigene, deutsche, europäische, westliche Verzagtheit“ äußert.

Kermani ist Sohn iranischer Immigranten und wurde in Siegen geboren. Er ist Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und sieht sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen. In Köln lebt er seit Mitte der 80er Jahre.