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Krieg im IranNach Oberberg Geflüchtete nennen Bomben das richtige Mittel gegen das Regime

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Die Königsfahne auf dem Rücken: Die Entwicklungen im Heimatland verfolgt eine iranische Familie heute im Fernsehen. Vor zehn Jahren ist sie nach Oberberg geflohen.

Die Königsfahne auf dem Rücken: Die Entwicklungen im Heimatland verfolgt eine iranische Familie heute im Fernsehen. Vor zehn Jahren ist sie nach Oberberg geflohen.

Bei einer Reise ins Heimatland entgeht eine Familie nur knapp dem Krieg. Wenn dort Frieden herrscht, wollen Eltern und Kinder zurückkehren.

Im Fernseher gibt ein Sprecher auf Persisch Ratschläge, wie man sich bei Bombenangriffen verhalten soll. Er rät dazu, im Keller Schutz zu suchen und vorsorglich Lebensmittelvorräte und Wasserreserven anzulegen. Das TV-Gerät steht in einem oberbergischen Wohnzimmer, der Sender in Großbritannien, die Informationen sind dürftig. Aber Farid will keine Minute verpassen, denn seine ganze Familie, die alten Eltern und Schwiegereltern, Cousins und Cousinen leben im Iran. Und seitdem die USA Krieg gegen das Land führen, ist ein direkter Kontakt beinahe unmöglich.

Zehn lange Jahre dauert in Oberberg die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit den Verwandten

Vor ein paar Tagen habe sie nach hunderten vergeblicher Versuche auf dem Handy ihre Mutter endlich erreicht, ganz kurz nur, schildert Fardis Ehefrau Zahra. Geht es ihnen gut? Haben sie zu essen? „Macht Euch keine Sorgen“, habe die Mutter gesagt, dann brach das Netz zusammen. „Aber stimmt das?“, fragt sich die Tochter. „Oder sagt sie das nur, um uns zu beruhigen? Unsere Herzen sind bei ihnen im Heimatland.“

Farid und Zahra heißen eigentlich anders. Vor fast zehn Jahren sind sie vor Terror und Verfolgung durch das Mullah-Regime und seinen Geheimdienst mit ihren damals kleinen Kindern nach Oberberg geflohen. Jetzt ist die Angst wieder da. Deshalb sind ihre Namen hier geändert. Denn sie haben hautnah erlebt, was im Iran passiert.

Dabei sollte es eigentlich ein freudiges Wiedersehen mit der Familie sein, nach zehn langen Jahren der Sehnsucht, als sie zu Weihnachten für zwei Wochen in den Iran reisten. „Wir wussten, es war nicht ungefährlich“, räumt Farid ein. Aber mit ihren deutschen Pässen, die sie inzwischen besitzen, erschien ihnen das Risiko überschaubar.

Familie aus Oberberg fühlt schon bei der Einreise in den Iran ein großes Unbehagen

Bereits am Flughafen überfiel ihn Unbehagen, als er schriftlich zahlreiche detaillierte Fragen beantworten musste. Wo sie wohnen, wo sie arbeiten. „Als wären wir Spione.“ Dann aber überwog zunächst die Wiedersehensfreude. „Die Kinder fragten, wieso wir nicht jedes Jahr Urlaub im Iran machen, für sie war es wie ein Paradies. Oma, Opa, die Verwandten, die sie verwöhnten. Die Kinder waren überglücklich in der großen Familie, obwohl sie fast kein Persisch sprechen“, erzählt der Vater.

Er selbst und seine Frau Zahra ließen sich vor allem von der herrschenden Stimmung des Aufbruchs tragen. Hatte doch Reza Pahlavi, der älteste Sohn des ehemaligen Schahs Mohammad Reza Pahlavi, das Volk aufgefordert, auf die Straßen zu gehen und „den Mullahs zu zeigen, dass ihre Zeit vorbei ist“. „Er ist unsere Hoffnung, ein guter Mann!“, sagt Farid. Auch er war am 6. Januar die ganze Nacht lang draußen, mit der verbotenen Löwen- und Sonnen-Fahne der Opposition. In der nächsten Nacht dann der Schock: Schüsse, Tränengas.

Zahra, die zu jener Zeit wegen eines kleinen Eingriffs im Krankenhaus war, berichtet erschüttert von Hunderten von Verletzten, die eingeliefert wurden, halb blind, mit blutenden Wunden. Farid schildert, wie sich junge Leute den Revolutionsgarden entgegenstellten. Er ist tief erschüttert. „Mehr als 30.000 Tote. Und so viele Menschen, die in Gefängnissen auf die Todesstrafe warten.“

Die Rückreise nach Oberberg wirkt auf die Familie fast wie eine zweite Flucht

Ihre Kinder hätten geschrien und geweint, sie wollten nach Hause. Nach Oberberg, so schnell wie möglich. Die Eltern mussten zurück zur Arbeit, doch alle Flüge waren gestrichen. So schlug sich die Familie durch, quer durch ein Land im Aufruhr, erreichte ein Schiff, das sie nach Dubai brachte, von dort konnten sie nach Deutschland fliegen. „Es war wie eine zweite Flucht.“

Im Fernsehen werden inzwischen Fotos von Getöteten gezeigt und ihre Namen verlesen. Die Bombardierungen? „Es gibt keinen anderen Weg.“ Davon ist Farid überzeugt, auch, dass die Bomben nur militärische Ziele treffen. Sicher, Trump gefährde seine Soldaten nicht nur wegen der Iraner, räumt er ein. Natürlich habe er den Vorteil der USA im Blick, das Öl, den Einfluss im Nahen Osten.

Aber wer sollte sonst helfen? „Das Volk steht da mit leeren Händen. Die USA und Israel wollen die Ayatollahs vernichten.“ Dazu gebe es keine Alternative. „Gelingt das nicht, wird alles noch schlimmer als vorher. Aus Rache.“ Auch davon ist er überzeugt. Vor allem die jüngeren Leute unter 40 hätten sich weitgehend von der Religion abgewandt, die sie mit Gewalt und Terror verbinden. „In den deutschen Medien wird vom Krieg gesprochen, weil Bomben fallen. Wir nennen es Hilfe. Deshalb gibt es auch keine Flüchtlingsströme wie vor zehn Jahren.“

Farid und Zahra klammern sich an die Hoffnung in ihrer schönen oberbergischen Wohnung, für die sie lange gespart haben. „Uns hat damals niemand eingeladen, wir sind einfach gekommen, um hier Schutz zu suchen, und sind gut aufgenommen worden. Dafür sind wir dankbar“, sagt Zahra. „Daher ist es unsere Pflicht, zu arbeiten, unseren Beitrag zu leisten und uns gut zu integrieren. Aber wenn die Kinder ihren Schulabschluss haben und Iran frei ist, dann gehen wir zurück, denn da sind unsere Wurzeln.“