Abo

Segnung am SonntagDie Pfeifen der neuen Orgel in St. Severin in Lindlar sind nur Attrappe

4 min
Kantor Martin Außem spielt auf dem neuen Instrument.

Kantor Martin Außem spielt auf dem neuen Instrument, das den Klang verschiedener Kirchenorgeln imitieren kann.

Am Sonntag, 19. April, wird die neue virtuelle Kirchenorgel von St. Severin in Lindlar gesegnet und vorgestellt.

Wer in diesen Tagen an der Kirche St. Severin im Herzen von Lindlar vorbeigeht oder das Gotteshaus betritt, hat gute Chancen, lange vermisste Klänge zu hören. Denn seit kurzem hat die katholische Kirche eine neue Orgel. Am Sonntag, 19. April, 18 Uhr, wird  das Instrument im Rahmen einer Andacht von Pfarrer Martin Reimer gesegnet, bevor der Orgelbauer und Kantor Martin Außem das neue Instrument der Öffentlichkeit vorstellt.

Die Orgel kann einige Besonderheiten verweisen. Sie ist vermutlich Oberbergs erste virtuelle Pfeifenorgel. Was bedeutet, dass die Orgeltöne nicht von Orgelpfeifen, sondern elektronisch mittels sogenannter Samples erzeugt werden. Dafür wurden reale Klänge aufgenommen, digitalisiert und gespeichert. „Das Ergebnis klingt täuschend echt und füllt den Raum“, berichtet Kantor Martin Außem erfreut. Kleinere elektronische Orgeln, die in einigen Kapellen stehen, sind damit nicht vergleichbar.

Lindlarer Orgel basiert auf der Software der Firma Hauptwerk

Die Lindlarer Orgel basiert auf der Software der Firma Hauptwerk, die mit einem Eichenholz-Spieltisch der Orgelbaufirma Osi aus Birkenau kombiniert wird. Auf den ersten Blick sieht der Spieltisch mit drei Manualen und einem Pedalwerk für die Füße wie bei jeder Kirchenorgel aus. Doch links und rechts der Manuale, dort, wo üblicherweise Dutzende von Registerzügen angebracht sind, verfügt das Instrument über zwei berührungsempfindliche Bildschirme. Farbige Balken zeigen die Register wie „Trompete“ „Flöte“ oder „Viola da Gamba“ an.

Die neue Orgel in Lindlar.

Die neue Orgel in Lindlar.

Während der Organist mit einer Hand weiter spielt, kann er mit einer Fingerspitze andere Register hinzu- oder abschalten und damit das Klangbild verändern. Für den besonderen Sound verfügt das Instrument über acht Lautsprecher und einen großen Basslautsprecher – einen Subwoofer. Der sorgt dafür, dass die Zuhörer die tiefen Bässe auch im Bauch spüren. Die Lautsprecher wurden hinter dem alten Orgelprospekt verbaut, so dass der Eindruck entsteht, die Musik käme aus den Pfeifen.

„Für einen Laien ist der Unterschied zu einer analogen Kirchenorgel nicht zu erkennen“, sagt Außem. Er selbst könne nur bei einigen Registern einen leichten Lautsprecherklang wahrnehmen „aber vielleicht ist das auch nur Einbildung“, sagt der Kirchenmusiker.

Für einen Laien ist der Unterschied zu einer analogen Kirchenorgel nicht zu erkennen.
Martin Außem, Kantor von St. Severin

Das Instrument kann noch mehr. Die Software ahmt den Klang von drei Instrumenten aus verschiedenen Ländern und Epochen nach. Instrument Nummer eins ist eine italienische Barockorgel aus Pinerolo, gebaut nach dem Vorbild einer norddeutschen Orgel von Arp Schnitger. Nummer 2 orientiert sich am Klang einer Rieger-Orgel aus dem australischen Melbourne, die seit 1999 in Betrieb ist. Vorbild Nummer drei ist ein romantisches Instrument aus Nancy, geschaffen vom französischen Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll.

Darüber hinaus kann jeder Organist, der häufiger auf dem Instrument spielt – das sind in Lindlar derzeit zehn bis zwölf Personen – seine ganz persönlichen Einstellungen als individuelles Profil abspeichern und wieder abrufen.

Martin Außem, seit 30 Jahren in Lindlar als Kirchenmusiker tätig, erzählt die Vorgeschichte. Die Kirche St. Severin verfügt seit 1912 über eine Orgel. Das Instrument wurde seitdem mehrfach überholt und modernisiert – doch ein Grundmangel blieb bestehen. Der Orgelprospekt wurde in eine Nische eingezwängt, der Klang konnte sich damit nie wirklich frei entfalten. Im September 2022 brach in der Kirche nach einer Brandstiftung ein kleines Feuer aus. Der Ruß schlug sich in den Orgelpfeifen nieder, das Instrument musste stillgelegt werden.

Ein in Auftrag gegebenes Orgelgutachten kam zu dem Schluss, dass sich eine gründliche Überholung angesichts der baulichen Mängel nicht lohne. Eine neue, herkömmliche Kirchenorgel aber würde mehrere hunderttausend Euro kosten. Auch mit Zuschüssen des Erzbistums wäre das für die Kirchengemeinde nur schwer zu stemmen gewesen.

„Wir haben uns zwei Jahre Zeit genommen, uns ausführlich informiert und beraten lassen“, sagt Außem. Auch er sei bei einer elektronischen Orgel erst skeptisch gewesen, doch der Klang der Hauptwerk-Orgeln habe ihn schließlich überzeugt. Die neue virtuelle Pfeifenorgel in Lindlar sei ein sehr hochwertiges Instrument, koste aber nur ein Zehntel einer vergleichbaren analogen Kirchenorgel.