Der Gemischte Chor Schemmerhausen wurde vor 130 gegründet. Die Sängerinnen und Sänger blicken zurück auf eine bewegte Geschichte.
JubiläumGemischter Chor aus Reichshof feiert 130-jähriges Bestehen

Der Laienprediger Heinrich Müller (M., mit Fliege) leitete den Chor in den ersten 50 Jahren, hier bei einem Ausflug 1923.
Copyright: Gemischter Chor Schemmerhausen
Das schlimmste Ereignis der Chorgeschichte liegt noch nicht lange zurück. Im Dezember 2023 waren zwei Sängerinnen und eine Sänger auf dem Weg zur Chorprobe. Wegen eines internistischen Notfalls steuerte der Fahrer das Auto mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum – alle drei Insassen starben sofort. Auch und besonders in solchen Situationen mag es helfen, wenn ein Chor Gemeinschaft und Trost bietet – so wie es der Gemischte Chor Schemmerhausen seit 130 Jahren tut.
Am Sonntag, 2. August, 10.30 Uhr, feiern die Sängerinnen und Sänger den runden Geburtstag bei einem Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Reichshof-Volkenrath. Martha Torkler ist Chorsängerin und Presbyterin der Gemeinde Marienhagen-Drespe. Sie merkt an, dass der Chor nicht nur für 130 Jahre Vereinsgeschichte steht, sondern auch für insgesamt mehr als 2200 Lebensjahre. „Zur Zeit singen 32 Männer und Frauen aus 16 Ortschaften jeden Donnerstag in Wehnrath mit großer Freude ihre Lieder.“
Die älteste Sängerin ist seit 80 Jahren dabei
Die älteste Sängerin ist seit 80 Jahren dabei. Torkler verrät, was die Chorchronik über die Anfänge berichtet. „Zu Beginn des Jahres 1896 sagte Karl Dormann aus Wehnrath zu seinem Nachbar Max Dresbach: Max, wir müssten hie och en jemischten Chor anfangen. Dä Heinerich en Schemmerhusen könn den dirigieren.“ Besagter Heinrich Müller kaufte sich eine Geige und „kratzte solange darauf herum, bis es einigermaßen ging“. In Friedrich Müllers Haus in Schemmerhausen kam im Februar 1896 dann eine kleine Schar Sangeslustiger erstmals zusammen.
Die Satzung hält als Vereinszweck fest, „zur Förderung des auf Gottes Wort gegründeten Christentums mitzuwirken und gelegentlich religiöser Veranstaltungen öffentliche Gesangvorträge zu halten“. Chorleiter Heinrich Müller war Laienprediger. Sonntags zog er zu Fuß über die Dörfer und predigte in Bibelstunden. Der Chor musste immer mit. 50 Jahre lang ging das so, der Chor war bei Müllers Hochzeit, Silber- und Goldhochzeit dabei.
Früher ging es zu Fuß über die Dörfer
Die Schemmerhausener gehörten zu den Chören, die 1906 bei der Gründung des Evangelischen Sängerbundes dabei waren. Dieser lieferte fortan neue Noten, stellte auch mal Dirigenten zur Verfügung, die für besondere Gelegenheiten Lieder einübten. Zu den Chorfesten des Sängerbundes reisten in den nächsten hundert Jahren auch die oberbergischen Sänger an, so nach Berlin, Cottbus und Nürnberg. „Bei einem Abstecher von Cottbus nach Dresden“, berichtet Martha Torkler, „hatten wir sogar die Gelegenheit, in der Frauenkirche ein Lied zu singen.“ Der Chor blieb dem Sängerbund bis kurz vor dessen Auflösung Ende 2025 treu.
Auch nach der Ära Müller hatte der Chor stets ausdauernde Leiter: von 1946 bis 1965 Adolf Simon, danach bis 2010 Siegfried Schneider und seit 2010 Ute Wenigenrath. Diese stehe für ein vielseitiges Repertoire und eine „Engelsgeduld“, sagt Sängerin Martha Torkler.
Heute hat der Gemischte Chor Schemmerhausen Auftritte bei Gottesdiensten und in Altenheimen, muss aber nicht mehr sonntags zu Bibelstunden über die Dörfer ziehen, berichtet Torkler. Ein mobiler Chor ist er geblieben. Im Sommer kann es vorkommen, dass die Sängerinnen und Sänger an der Haustür ehemaliger Chormitglieder auftauchen und ein Ständchen darbringen – um so ganz im Sinne des Vereinszwecks „zur Förderung des auf Gottes Wort gegründeten Christentums mitzuwirken“.
