Eine Spule, die ein Magnetfeld erzeugt, steht im Zentrum der sogenannten repetitiven transkraniellen Magnetstimulation.
500. PatientEvangelisches Krankenhaus in Gladbach behandelt Depressionen mit Hirnstimulation

Die Magnetspule wird seitlich am Kopf aufgelegt. Es entsteht ein schwacher Stromfluss in der Hirnrinde.
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Rund 16 Prozent der Bevölkerung erkranken laut der Bundespsychotherapeutenkammer mindestens einmal in ihrem Leben an einer Depression, leiden an einer niedergeschlagenen Stimmung, können sich kaum zu Aktivitäten aufraffen, empfinden Gleichgültigkeit gegenüber den Sachen, die ihnen eigentlich Freude bereiten.
Es gibt verschiedene Behandlungsoptionen, etwa Psychotherapie oder Antidepressiva. Doch nicht immer helfen diese oder sie verursachen Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Schlafstörungen. Eine alternative oder ergänzende Option lautet dann: repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS). Im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach (EVK) wurde kürzlich der 500. Patient mit dieser Methode behandelt.
Stromfluss soll die Erregbarkeit der Nervenzellen beeinflussen
Die rTMS ist nach Angaben des EVK ein nicht-medikamentöses Behandlungsverfahren. Dabei wird eine Magnetspule, die ein rasch wechselndes Magnetfeld erzeugt und ein bisschen an einen sehr flachen schwarzen Föhn mit zwei Öffnungen erinnert, seitlich am Kopf aufgelegt.
Das Resultat: ein schwacher Stromfluss in der Hirnrinde. Der soll die Erregbarkeit der Nervenzellen beeinflussen und einen Bereich des seitlichen Vorderhirns stimulieren. Dieses ist laut EVK bei einer Depression Teil eines fehlverschalteten Netzwerks von Nervenzellen.
Wir sehen ein positives Ansprechen auf die rTMS bei jedem zweiten Patienten. Jeder dritte Patient zeigt nach der Behandlung keine relevanten Symptome der Depression mehr
Wer bei dieser Beschreibung nun an strominduzierte Krampfanfälle denkt, der verwechselt das Verfahren möglicherweise mit der Elektrokonvulsionstherapie. Diese existiert nach Angaben der Nationalen Versorgungsleitlinien, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften und dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, bereits seit den 1930er-Jahren. „Über Oberflächenelektroden an der Kopfhaut wird durch kurze Stromimpulse ein generalisierter Krampfanfall ausgelöst“, heißt es darin. Bei der rTMS käme es selten zu epileptischen Anfällen. Die häufigsten Nebenwirkung seien lokale Missempfindungen im Bereich der Stimulation und vorübergehende Kopfschmerzen.
„Wir sehen ein positives Ansprechen auf die rTMS bei jedem zweiten Patienten. Jeder dritte Patient zeigt nach der Behandlung keine relevanten Symptome der Depression mehr“, sagt Chefarzt PD Dr. med. Fritz-Georg Lehnhardt, der das Therapieverfahren vor sechs Jahren am EVK eingeführt hat. „Vor allem die sehr gute Verträglichkeit und die höhere Wirksamkeitserwartung bei früher Therapieresistenz zeichnen das Verfahren gegenüber einer rein medikamentösen Behandlung bei der Depression aus.“
Metallteile im Bereich des Kopfes sprechen gegen die Behandlung
Im EVK ist die rTMS fester Bestandteil des ambulanten und stationären Behandlungsspektrums. Neben ihr kommen psychotherapeutische, psychopharmakologische, sowie kunst-, körper-, musik- und ergotherapeutische Verfahren zum Einsatz. Für eine Behandlung mit rTMS kommen laut EVK ausschließlich Erwachsene in Frage.
Allerdings gebe es Gründe, die dagegensprechen. Etwa Metallteile im Bereich des Kopfes, Herzschrittmacher oder Anfallserkrankungen. Neben der Depression gebe es weitere Einsatzgebiete, zum Beispiel bei Schmerzsyndromen, akustischen Halluzinationen und Angst- sowie Zwangsstörungen.
In der Regel benötigen Patienten nur eine vollständige rTMS-Serie
Patientinnen und Patienten würden während der Behandlung ein klickendes Geräusch hören und ein Klopfen am Kopf spüren. Das Krankenhaus empfiehlt, sich währenddessen zu entspannen. Es sei auch möglich, Musik zu hören oder fernzusehen.
In der Regel benötigten Patientinnen und Patienten nur eine vollständige rTMS-Serie. Das bedeutet: fünf wöchentliche Sitzungen von circa zehn bis 20 Minuten über maximal vier bis sechs Wochen. Die Dauer des Effekts sei je nach Person unterschiedlich. Momentan würden die Kosten der Behandlung ausschließlich von privaten Krankenversicherungen übernommen. „Ich war sehr froh zu erfahren, dass es neben Medikamenten und Psychotherapie auch weitere Verfahren in der Klinik gibt“, sagt der 500. rTMS-Patient im EVK, ein 55-jähriger Mann. Bei ihm werde das Verfahren begleitend zur weiteren Behandlung seiner Depression angewandt.
