Ein anspruchsvolles Konzert mit Tiefe hat im Altenberger Dom das neue Jahr eingeläutet.
MusikWarum das Neujahrskonzert im Altenberger Dom so anspruchsvoll war

Das Neujahrskonzert für "Orgel zu vier Händen und Füßen" im Altenberger Dom war für die Organisten eine Herausforderung, die sie mit Bravour bestanden haben.
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Vergessen wir das Klatschen im Takt. Wer den Radetzkymarsch nicht mehr erträgt und wem die Wiener Seligkeit der Neujahrskonzerte zu glatt erscheint, findet Zuflucht im Bergischen. Hinter den hohen Fenstern des Altenberger Doms herrscht kein Dreivierteltakt, keine Walzerseligkeit, sondern die majestätische Wucht der Klais-Orgel. Hier treffen altes und neues Jahr nicht im Polkaschritt aufeinander, sondern in geistiger Substanz. Ziehen die Domorganisten Rolf Müller und – seit diesem Jahr erstmals – Jens-Peter Enk die Register, weicht die leichte Heiterkeit der traditionellen Neujahrskonzerte der Gänsehaut.
Ob zum Jahresausklang oder als erster Weckruf am 1. Januar: In Altenberg gibt es kein Lametta für die Ohren, sondern Klanggewalt. Dazu ein geistliches Wort, das nachklingt, und Musik, die dem Wort Raum gibt, zu wirken. Zum Einstieg: Präludium und Fuge in C für Orgel zu vier Händen von Johann Georg Albrechtsberger. Ein Stück mit Tiefe, das den Besucher abholt, kaum dass er sich gesetzt hat. Eine klare Melodie im Präludium bietet Orientierung. Dann ein lebendiges Fugenthema: mit Sechzehnteln, mit Synkopen, vor allem mit zwei eng geführten ersten Themeneinsätzen, die Laune machen. Beide Organisten spielen die vitale Melodie in präzisem Staccato. Das sitzt.
Frühe reif geworden
Danach zwei Uraufführungen in Altenberg. 275 Jahre hat es gedauert, bis man die beiden Ciaconnen des 18-jährigen Bach wiederentdeckte. „Da bin ich mal gespannt, wenn ich bedenke, was ich mit 18 Jahren so von mir gegeben habe“, scherzte die evangelische Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel. Bachs Werke sind natürlich seriös und zeigen, dass der Komponist früh zu reifer Handschrift fand.
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Das Herzstück bildet in diesem Jahr ein Text, der ohne jedes Adjektiv auskommt und doch die Welt erklärt: der Prolog des Johannesevangeliums. „Im Anfang war das Wort“, las der katholische Pfarrer Felix Gnatkowski. Kein kirchliches Beiwerk, sondern sprachliche Urgewalt. Keine flüchtige Laune. Wer sich dieser Verbindung aus Wort und Orgel aussetzt, nimmt Klarheit mit. Es ist das Erlebnis von Ordnung. „Das Licht leuchtet in der Finsternis!“, so heißt es später. Dass das keine fromme Floskel bleibt, beweist der direkte Anschluss. Wenn nach den Worten des Evangeliums die Ouvertüre zu Mozarts „Zauberflöte“ durch das Kirchenschiff braust, wird das Evangelium zu einem akustischen Ereignis. Die Orgel macht hörbar, wie das Licht den Raum erobert – mit jener Strahlkraft, die Mozart eigen ist.
Den Schlusspunkt setzen die beiden Domorganisten nicht mit einer Verbeugung, sondern mit einem Orkan: Ravels Bolero. Minutenlang harrt das Publikum auf dem unerbittlichen Grundschlag aus – ein Ticken, ein markanter Puls, der sich unaufhaltsam steigert. Die Spannung wächst bis zum Zerreißen. Dann, am Ende, der befreiende Tonartwechsel. In diesem Moment hört man die Orgel nicht mehr nur – man spürt sie im Brustkorb. Das Instrument brüllt, als wolle es die Mauern des Doms zum Schwingen bringen. Langer Applaus, eine kurze Zugabe – und glückliche Organisten nach dieser Schwerstarbeit.

