Annika Mörser und Eileen Becker sind sechs Monate auf dem Jakobsweg unterwegs mit Stute GoGo.
Auf dem JakobswegWarum zwei Frauen mit Pferd sechs Monate lang pilgern

Über Stock und Stein ging es für Annika Mörser (links) und Eileen Becker.
Copyright: Richard Unger
Von Overath im Bergischen Land bis ans Kap Finisterre – das „Ende der Welt“. Annika Mörser, Eileen Becker und GoGo pilgerten als eine Art Trio Infernale von Deutschland nach Spanien. Sie gingen nicht los, um dem Leben zu entkommen, sondern um ihm zu begegnen: langsam, unverstellt und ohne Abkürzungen.
Einmal quer durch Europa wandern – für viele Pilger und Pilgerinnen ist der Jakobsweg eine Reise zu sich selbst. Die 27-jährige Küsterin Annika Mörser und die 26-jährige angehende Lehrerin Eileen Becker entschieden sich für eine besonders ungewöhnliche Form: zu Fuß mit GoGo, einer siebenjährigen Stute. Über sechs Monate und fast 3000 Kilometer führte ihr Weg von Deutschland durch Frankreich bis nach Spanien.
Aus einem Wunsch wird ein konkreter Plan
Der Wunsch, den gesamten Jakobsweg zu gehen, begleitete beide schon seit Jahren. Als sich für Becker nach dem Studium die Möglichkeit einer Auszeit bot, wurde aus dem Gedanken ein konkreter Plan. Auch Mörser suchte einen Neuanfang und Raum zum Nachdenken. Dass GoGo sie begleiten würde, stand früh fest.
Vom ersten Impuls zur Entscheidung verging wenig Zeit. Nach einer ersten Nachricht am Valentinstag 2023 wurde intensiv geplant: Route, Ausrüstung, Übernachtungen und die Frage, wie ein solches Vorhaben mit Pferd überhaupt funktionieren kann. Eine Probetour bestätigte den Plan. Danach wurde optimiert, trainiert und organisiert – parallel zu Studium, Prüfungen und Alltag.

Wind und Wetter sind Annika Mörser (hier neben der Stute zu sehen) und Eileen Becker mit Stute GoGo auf ihrer Wanderung ausgesetzt gewesen.
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Der Weg entstand zunächst auf Bildschirmen. Reiseführer wurden ausgewertet, GPS-Tracks in der Navigationsplattform Komoot zusammengefügt und Tagesetappen geplant. Dabei ging es nicht nur um die Strecke, sondern auch um Wiesen, Wasserstellen und geeignete Schlafplätze für GoGo. Die Route führte von Overath über Trier, durch Luxemburg und Frankreich bis nach Spanien. Dort entschieden sie sich für den weniger frequentierten Camino del Norte entlang der Küste. Planung war wichtig – noch wichtiger wurde unterwegs die Fähigkeit, Pläne immer wieder loszulassen.
Ein typischer Tag begann lange vor dem ersten Schritt. Rund vier Stunden benötigten Mörser und Becker morgens, um Lager und Gepäck vorzubereiten und GoGo zu versorgen. Täglich trug die Stute 60 bis 70 Kilogramm Ausrüstung. Erst dann ging es los – durch Dörfer, Wälder, Felder und entlang von Straßen.
Selten in Herbergen übernachtet
Am Nachmittag begann die Suche nach einem geeigneten Nachtlager. Wasser organisieren, kochen, Zelt aufbauen und das Pferd versorgen gehörten zum Alltag. Herbergen kamen wegen GoGo nur selten infrage. Meist schliefen sie draußen – nicht aus Not, sondern aus Überzeugung. Die Nähe zur Natur wurde zu einer Quelle von Ruhe und Verbundenheit.
Besonders in Erinnerung geblieben sind die Menschen unterwegs: Fremde, die Übernachtungsmöglichkeiten anboten, oder Helfer, die ihren Weg über Monate verfolgten. Diese Gastfreundschaft zeigte, dass der Jakobsweg mehr ist als eine Route – er ist ein Netzwerk aus Begegnungen und Geschichten.

Die Freundschaft der beiden hat dadurch eine neue Ebene erreicht.
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Doch die Reise brachte auch Herausforderungen. Ein Hufgeschwür bei GoGo drohte das Vorhaben zeitweise zu beenden. Hinzu kam die bewusste Entscheidung, von Ende August bis in den März hinein unterwegs zu sein. Die Nebensaison bedeutete weniger Menschen, aber auch kürzere Tage, Dunkelheit und winterliche Bedingungen, was den beiden Improvisation und Teamarbeit abverlangte. Gerade diese Umstände machten die Reise für beide aber besonders prägend.
Der Glaube habe auf dem gesamten Weg eine zentrale Rolle gespielt. Nicht als starres Regelwerk, sondern als Haltung, die Halt gab, wenn äußere Sicherheiten fehlten. Gebete, Gesang und kleine Rituale halfen, Vertrauen zu bewahren.
"Den ganzen Weg behütet gefühlt"
„Wir haben uns den ganzen Weg behütet gefühlt“, sagen sie rückblickend. Dieses Gefühl wurde zu einer wichtigen Ressource in Momenten der Erschöpfung oder Unsicherheit.
Besonders eindrücklich blieb Weihnachten. Während viele Menschen zuhause feierten, fanden Mörser und Becker Zuflucht in einer zufällig geöffneten Kapelle. Mit einfachen Lebensmitteln bereiteten sie sich ein improvisiertes Festessen zu. Es sei das stillste, aber auch schönste Weihnachtsfest gewesen, das sie je erlebt hätten.
Arbeitsteilung ist alles
Sechs Monate unterwegs verändern auch Beziehungen. Becker übernahm oft Organisation und Planung, Mörser kümmerte sich um GoGo. Doch mit der Zeit mussten beide ihre Rollen verlassen und auf neue Situationen reagieren. Ihre Freundschaft wurde dadurch nicht einfacher, dafür tiefer und belastbarer.
Der traditionelle Abschluss des Jakobswegs ist Santiago de Compostela. Für Mörser und Becker wurde der frühe Morgen in der Kathedrale zu einem emotionalen Höhepunkt. Doch Santiago war nicht das Ende. Sie gingen den Weg weiter bis zum Schluss, zum Kap Finisterre. Am Ende bleiben nicht nur Erinnerung an 3000 Kilometer. Es bleibt die Erkenntnis, dass Vertrauen oft weiterträgt als Kontrolle. Dass sich Wege zeigen, wenn man bereit ist, unterwegs zu bleiben. Der Jakobsweg war kein Ausstieg aus dem Leben, sondern ein intensives Üben darin, mit dem Leben unterwegs zu sein. (Text von Sabine Klatt)
