Hätten Behörden intensiver einschreiten müssen? Kein Fremdverschulden, keine Ermittlungen.
Obdachloser gestorbenJens' Platz am Erftstädter Rathaus ist jetzt verwaist

In Deutschland gibt es nach Schätzungen etwa 50.000 Obdachlose. Einer war Jens aus Erftstadt, sein Platz vor dem Rathaus ist nun verwaist.
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Der Platz ist leer. Der Nebeneingang des Rathauses der Stadt Erftstadt war für Jens Wohnzimmer und Schlafzimmer zugleich. Gleichermaßen Zufluchtsort wie Bühne.

Im Nebeneingang des Rathauses soll Jens geschlafen haben.
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Jens, von dem keiner genau sagen kann, wie alt er war, lebte überwiegend auf der Straße. Sein Platz war der in Liblar, eben dort, wo die Menschen in Erftstadt verwaltet werden, täglich Beamtinnen und Beamte sowie Bedienstete ein und aus gehen. Dort, mit Blick auf das seelenlose in Beton gehauene Erftstadt-Center mit seinen üblichen Filialisten und Billigläden sowie einzelnen Cafés und Bistros.
Erbaut 1978, als Architekten für ihre Entwürfe aus grauem Beton gefeiert wurden und vielerorts ähnliche planerische Monster erschaffen wurden. Vor einigen Jahren wurde das Center aufgehübscht, ein wenig hat's geholfen. Ein Ort zum Wohlfühlen sieht aber anders aus.
Erftstadt: Rettungsdienst brachte Jens ins Krankenhaus
Dort, zu den Füßen des Verwaltungsgebäudes, lag Jens auch am 26. Juni. Nicht viele Menschen dürften bemerkt haben, wie schlecht es ihm ging. Es war an jenen Tagen der ersten großen Hitzewelle, als die Meteorologen täglich neue Hitzerekorde verzeichneten. Möglicherweise war diese extreme Belastung zu viel für den geschwächten Körper des Obdachlosen. Er wurde von einem Mitarbeiter des Ordnungsamts dort hilflos aufgefunden, sein Puls war schwach. Der eilends herbeigerufene Rettungswagen brachte ihn ins Krankenhaus. Später wurde er verlegt nach Düren. Doch Jens' Herz hörte auf dem Weg dorthin auf zu schlagen.
Nicht wenige Menschen kannten ihn. In sozialen Netzwerken, allen voran auf Facebook, war es zunächst ein Gerücht, schnell folgte die Gewissheit: „Der Jens“ ist tot. Schnell wurde spekuliert, dass ein weiterer Obdachloser gestorben sei, auch an den Folgen der Hitze, wie es hieß. Das bestätigte sich jedoch nicht.

Auf den Plätzen rund um das Rathaus wird man Jens nicht mehr sehen.
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Einer, der vorgibt, Hintergründe zum Tod von Jens zu kennen, ist Sascha Sorge. Mehr noch: Er erhebt Vorwürfe gegen Verantwortliche im Rathaus und bei der Polizei. Sie hätten den Tod des Obdachlosen verhindern können, hätten seine wiederholten Hinweise auf dessen allgemein schlechten körperlichen und psychischen Zustand aber ignoriert.
So habe es mehrere Einsätze gegeben, in deren Verlauf er die Beamten aufgefordert habe, Jens in eine Psychiatrie einzuweisen, um eine fachpsychiatrische Behandlung vorzunehmen. Wegen auffälligem Fehlverhalten sei er zudem der städtischen Wohnungslosenberatung am Ahremer Lichweg 3 in Lechenich verwiesen worden.
Ärzte sollen Jens der Klinik verwiesen haben
Wenige Tage, bevor der Obdachlose am Rathaus aufgefunden wurde, soll er ins Krankenhaus in Frauenthal gebracht worden sein. Ob von städtischen Bediensteten oder von der Polizei, ist nicht bekannt. Dort sollen die Ärzte ihn nach wenigen Stunden der Klinik verwiesen haben, weil er randaliert und herumgeschrien habe.
Im Rathaus soll sich Jens' Tod in Windeseile herumgesprochen haben. Doch gesprochen wurde darüber nach Recherchen dieser Redaktion nur hinter vorgehaltener Hand. Vermutlich, weil es bessere Publicity als die Nachricht von einem toten Obdachlosen vor den Türen des Rathauses gibt.
Am Tag des Auffindens gab es im Vorfeld ebenfalls bereits Kontakt, da Kräfte des Ordnungsamtes auf der Straße lebende Personen während der sehr heißen Tage vorsorglich mehrfach aufgesucht haben
Wie die Stadtverwaltung Erftstadt auf Anfrage mitteilt, äußert sie sich aus Gründen des Datenschutzes und des Schutzes der Persönlichkeitsrechte nicht zu personenbezogenen Einzelheiten des Todesfalls. Unabhängig davon könne allgemein aber bestätigt werden, dass Mitarbeitende des Ordnungsamtes in einem Einsatz unverzüglich Rettungskräfte alarmiert und bis zu deren Eintreffen Erste Hilfe geleistet hätten.
Verschiedene Abteilungen der Stadtverwaltung hätten die Person begleitet, ebenso caritative Organisationen. „Neben einem fast täglichen, persönlichen Austausch wurden auch fortwährend zahlreiche Unterstützungsangebote gemacht, unter anderem die Bereitstellung einer Notunterkunft, so die Stadtverwaltung. Am Tag des Auffindens gab es im Vorfeld ebenfalls bereits Kontakt, da Kräfte des Ordnungsamtes auf der Straße lebende Personen während der sehr heißen Tage vorsorglich mehrfach aufgesucht haben.“
Behörden geben nur spärlich Auskunft
Aus Gründen des Datenschutzes und des Schutzes der Persönlichkeitsrechte gibt die Stadtverwaltung auch keine Informationen darüber, ob im Zusammenhang mit dem Fall eine Unterbringung nach dem Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG NRW) geprüft oder veranlasst wurde. Eine Einweisung nach PsychKG wird angewandt, „wenn eine erhebliche Fremd- oder Eigengefährdung in Verbindung mit einer psychischen Erkrankung vorliegt“, so das Ordnungsamt.
Bei der Pressestelle der Kreispolizeibehörde im Rhein-Erft-Kreis zeigte man sich auf Anfrage zunächst sehr wortkarg. „Aus Gründen des Schutzes der Persönlichkeitsrechte können wir zu konkret genannten Personalien keine Angaben machen“, lautete die Antwort. Auf juristisches Nachfragen wurde schließlich der Tod des Erftstädters bestätigt, für weitere Anfragen allerdings an die Staatsanwaltschaft Aachen verwiesen. Die war zunächst zuständig, weil Jens auf dem Weg ins Krankenhaus Düren verstarb. Die zuständige Oberstaatsanwältin erklärte, dass sich keine Anhaltspunkte, die auf ein Fremdverschulden hinweisen, ergeben hätten. Für weitere Fragen verwies sie an ihre Kollegen der Staatsanwaltschaft Köln. Dort wurde erklärt, dass ein entsprechender Vorgang nicht anhängig sei.
Bürgerinnen und Bürger, die sich öfter am und im Erftstadt-Center aufhalten, kannten den Mann. So auch Christian Kobiolka aus Liblar. Jens sei ein „bekanntes Gesicht“ gewesen. Er habe Dreadlocks gehabt, sei meist mit dem Rad unterwegs gewesen. Sein Verhalten beschreibt Kobiolka als „auffälliger“. Er habe vor sich hin gesprochen, „gebrabbelt“ und „skurrile Sachen“ gesagt. Eine weitere Passantin berichtete, sein Schlafplatz sei am Schuhgeschäft gewesen. „So alt kann er nicht gewesen sein“, sagte sie. Zwei Liblarer hätten sich gewundert, „dass er nicht mehr da ist“. „Guten Tag“, habe er immer gesagt. Doch jetzt ist Jens' Stimme vor dem Rathaus verstummt – für immer.
